Historisches aus dem Gnadenthal
Das Kloster ist jetzt ein Pflegeheim – genutzt wurde es aber auch schon ganz anders

Das Kloster Gnadenthal war eine Tabakfabrik und ist seit 1894 eine Pflegeanstalt. Dabei hätte es eigentlich eine Schule werden sollen. 130 Jahre alte Pläne offenbaren dies.

Heinrich Briner
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Ein Gebäude mit vielseitiger Geschichte: Das Kloster Gnadenthal. (Archivbild)

Ein Gebäude mit vielseitiger Geschichte: Das Kloster Gnadenthal. (Archivbild)

Natasha Hähni

Die Vorstellung einer Fabrik in den Klosterräumen muss ein Schock für viele Leute gewesen sein. Der neue Gutsbesitzer Adolf Eschmann, der es nach der Klosteraufhebung 1876 kaufte, begegnete dem Kloster aber mit Respekt. Er richtete keine finsteren Werkhallen ein, kein Maschinenlärm störte die Ruhe im Gnadenthal. Die Herstellung von Zigarren oder Stumpen war reine Handarbeit. Für die Produktion brauchte es nur ein paar Tische und einfaches Werkzeug. So lassen sich keinerlei schwerwiegende Eingriffe in die Bausubstanz nachweisen. Im Gegenteil: Als Eschmann einen der ausgetretenen Fussböden ersetzen liess, dokumentierte er das Vorgehen mit einer Urkunde, die bei den jüngsten Umbauarbeiten unter dem Parkett gefunden wurde.

Eschmann gab unermüdlich Kurse und versuchte die Bauern der Umgebung für die Tabakproduktion zu begeistern. Warum das alles ohne Erfolg blieb und die «Aargauische Tabak- und Cigarrenfabrik Gnadenthal» scheiterte, ist nicht hinreichend geklärt. Als aber der Gewinn ausblieb, suchte der Unternehmer anderswo eine neue Herausforderung.

Unbekannte Pläne beleuchten die Vergangenheit

1889 gab Eschmann seine Fa­brik auf. Im gleichen Jahr brannte der Ostflügel des Klosters Muri nieder. Dadurch verloren 260 «Insassen» der erst zwei Jahre vorher eröffneten kantonalen Pflegeanstalt ihre Bleibe. Sie wurden nach Königsfelden, ins Spital Aarau und in die ­Heimatgemeinden zurückgeschickt. Der Kanton war nicht bereit, in die Brandruine zu investieren. War das die Initialzündung für die Vision einer Pflegeanstalt im Gnadenthal, wie das später immer wieder kolportiert wurde? Tatsächlich war auch die Klosteranlage Gnadenthal im Gespräch. Das Angebot wurde aber nicht berücksichtigt.

Ein lange verschollener Plan zeigt das Gnadenthal als Schule.

Ein lange verschollener Plan zeigt das Gnadenthal als Schule.

Zur Verfügung gestellt

Es erstaunt nicht, dass Eschmann kurz darauf vom Luzerner Architekten Hanauer Pläne für eine Umnutzung erstellen liess. Diese Pläne von 1890 blieben bis heute sonderbarerweise unbeachtet. Dabei zeigen sie Erstaunliches: Von der Idee einer Pflegeanstalt kann keine Rede sein. Projektiert war die Umnutzung des Klosters in eine Schule.

Kloster Gnadenthal hätte zur Schule werden sollen

Das Vorhaben war nicht neu. 1847 hatte der Kanton genau das im neuen Lehrerseminar im Kloster Wettingen verwirklicht: Lehrer und Schüler wohnten und arbeiteten in den Klosterräumen. Neben wissenschaftlicher Bildung mussten die angehenden Lehrer auch Acker-, Obst- und Gartenbau betreiben und im Haushalt anpacken.

Hanauers Pläne zeigen eine vergleichbare Idee. Umbauarbeiten wären kaum erforderlich gewesen. Nötig waren zusätzliche Treppen und Aborte, also Toilettenanlagen. Grosse Räume mussten unterteilt, andere umfunktioniert werden. Im Parterre wäre die Küche aus der Klosterzeit wiederbelebt worden, ebenso der Speisesaal, das ehemalige Refektorium. Der Klosterkeller wäre zur Werkstatt geworden. Im Dachgeschoss waren Schlafsäle für die Schüler vorgesehen, im zweiten Stock gab es Zimmer für die Lehrer und natürlich die «Direction».

Die Pläne von 1890 entsprechen dem Wettinger Modell. Dieses basiert auf Ideen von Augustin Keller, dem Hauptverantwortlichen für die Aufhebung der Klöster. Zur Ironie der Geschichte gehört vielleicht, dass Keller als Direktor des Lehrerseminars Wettingen selbst in die ehemalige Abtwohnung einzog.

Eschmanns Referenz gegenüber Kellers Modell verfing allerdings nicht. Der Kanton hatte schon mit Muri Mühe, war also nicht interessiert. Wer aber hätte sonst ein ganzes Kloster kaufen wollen? So wurde Gnadenthal für ein paar Jahre zum veritablen Spekulationsobjekt.