Bremgarten

Der Stiefelchnächt, die Bar im Herzen der Altstadt, schliesst – und wandert in die Sternengasse

Janick (links) und Juri Tirez hatten jahrelang ihre Gäste im Stiefelchnächt begrüsst.

Für das Team ist die Schliessung des Stiefelchnächt ein Schock – doch an anderer Stelle geht es weiter.

Auf der Terrasse sitzen und beobachten, wie die letzten Sonnenstrahlen den Kirchturm in der Unterstadt in ein goldenes Licht hüllen. Nach dem Rundgang durch den Christchindlimärt seine Hände an einer Tasse Kafi Luz wärmen. Dem Krach der Guggenmusiken lauschen, oder auch den Klängen der Bands, die im Rahmen der Zischtigs-Kultur zu Gast waren. Es sind solche Erinnerungen, die viele Bremgarter mit dem Stiefelchnächt verbinden, der Bar im Herzen der Altstadt. Nun ist Schluss und Mitte Juni Austrinkete. «Schon wieder?», werden sich diejenigen fragen, die die Geschichte der Bar kennen. 2010 hatte Juri Tirez den Stiefel übernommen, brachte frischen Wind in die Bremgarter Altstadt. Rund ein Jahr später dann die Enttäuschung: Ihm wurde gekündigt, fortan wurden argentinische Rindsfilets serviert. Doch das neue Restaurant traf den Geschmack der Bremgarter nicht, und so übernahm Tirez erneut. Baute sich ein Team und eine Stammkundschaft auf, lockte durch die Organisation von Partys und Konzerten Gäste ins Reussstädtchen.

Kündigung war ein Schock

Nachdem das Geschäft vier Jahre lang florierte, übernahm das junge Team zusätzlich das Hotel inklusive Kaffee, das sich in der gleichen Liegenschaft befindet. Allerdings lief Letzteres nicht sehr gut. Und so schmiedete Juri zusammen mit seinem Bruder Janick, der mittlerweile auch ins Unternehmen eingestiegen war, Pläne, aus dem Kaffee ein Restaurant zu machen. Dies schien auch möglich, da die Küche, die bis anhin fremdvermietet war, frei wurde. Mit den Plänen im Gepäck machten sich die beiden Brüder auf, einen 10-Jahres-Vertrag zu unterschreiben. Doch stattdessen erhielten sie die Kündigung. «Es war ein Schock», erzählt Juri Tirez, und immer noch schwingt Fassungslosigkeit in seiner Stimme mit.

Die Besitzer wollten ihr Haus in der Altstadt lieber verkaufen, als weiter zu vermieten. Und hatten auch bald einen Abnehmer gefunden: Wer das ist, ist offiziell noch geheim, allerdings den meisten bekannt. Das Unternehmen ist bereits mit Gastronomie- und Hotelbetrieben in anderen Aargauer Gemeinden präsent und wird das Lokal mit einem neuen Konzept weiterführen.

Neu in der Sternengasse

Böses Blut zwischen den alten und neuen Gastronomen gibt es nicht, wie die Brüder betonen. «Das Schlimmste, das passieren könnte, wäre, wenn die Leute nicht mehr hierherkämen», sagt Juri. Er selbst hat mittlerweile einen Plan B ausgearbeitet. Nachdem von Mitte Juni bis Mitte August wie bereits in den letzten Jahren der Bauwagen neben dem Casino für Umsatz sorgen wird, sammelt Juri zusammen mit seiner Frau Michaela neue Energie. Am 27. September folgt dann die Neueröffnung des Stiefels, keine hundert Meter entfernt, da, wo früher die Sternen-Bar war.

Das Lokal ist einiges kleiner. So musste auch das Team reduziert werden, Janick scheidet aus der GmbH aus, am neuen Standort startet Juri mit Michaela und Stefanie Künzle. Für die Zischtigs-Kultur hat es keinen Platz mehr – Tirez ist bereits auf der Suche nach einer neuen Lokalität für Konzerte.

Wehmut schwingt mit, in diesem Gespräch, in dem Juri und Janick den Abschied von einem Ort erklären, in den sie so viel Herzblut, Arbeit, und natürlich auch Geld investiert haben. Und trotzdem ist auch die Zuversicht zu spüren. Als Michaela frisches Bier bringt, sagt sie: «Das wird ein kleiner Stiefel, aber erwachsen.» Als sie mit ihrem Mann ins Projekt Stiefelchnächt startete, sei sie 25 Jahre alt gewesen, in der Zwischenzeit habe sie viel gelernt. Juri ergänzt schmunzelnd: «Wir wollen ähnlich weitermachen wie bisher – wir nehmen sogar noch die Gutscheine an, die wir hier ausgestellt haben.» 

Der Neuanfang wird auch genutzt, um ein paar Sachen zu verbessern: «Wir wollen noch mehr Swissness reinbringen», erklärt Juri. Auf regionale, nachhaltige Produkte setzen, auf Fritz- statt auf Coca-Cola. «Und es wird bessere Snacks geben.»

Die Gäste dürfen also gespannt sein, auf den «kleinen», aber sicherlich genauso liebenswerten Stiefel.

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