Waltenschwil

Die Dressurreiterin mit ganz viel Power

Ein erfolgreiches Paar: Tamara Roos auf ihrem 14-jährigen Wallach Amaretto an einem Dressurwettbewerb. zvg

Ein erfolgreiches Paar: Tamara Roos auf ihrem 14-jährigen Wallach Amaretto an einem Dressurwettbewerb. zvg

Tamara Roos ist mit ihrem Wallach Amaretto gut in die Saison gestartet und hat grosse Ziele

Ein Sieg im ersten Wettbewerb, ein dritter Platz im zweiten – der Auftakt in die neue Saison ist der Waltenschwiler Dressurreiterin Tamara Roos optimal gelungen. Angetreten ist sie am Dressurturnier im französischen Le Mans mit ihrem 14-jährigen Wallach Amaretto noch in der Kategorie U25. Jetzt hat sich die junge Frau hohe Ziele gesteckt. Sie will sich erstens für die Schweizer Dressur-Elite qualifizieren und zweitens, nach Möglichkeit, auch noch für die Weltmeisterschaften, die im Herbst in Kalifornien stattfinden.

Bäuerin statt Juristin

Tamara Roos ist zuzutrauen, dass sie ihre aktuellsten Ziele erreicht. Die Powerfrau hat schon viel geschafft in ihrem Leben, obwohl die Umstände nicht immer ideal gewesen sind. Pferde haben dabei stets eine wichtige Rolle gespielt. Schon als Baby ist sie auf dem Pferderücken gesessen und hat mit vier Jahren ihre Mutter bereits auf dem eigenen Pferd bei deren Ausritten begleitet: «Mutter hat mich jeweils an einem Seil hinter sich hergezogen», blickt sie mit einem Schmunzeln zurück.

Mit sechs Jahren gabs ein Pony und von da weg regelmässig Reitunterricht. Tamara Roos entdeckte das Dressurreiten und heimste schon im jugendlichen Alter die ersten Erfolge ein. Entsprechend plante sie auch ihre berufliche Laufbahn. Sie besuchte die Sportklasse an der Kantonsschule Aarau und hatte vor, nach deren Abschluss vorübergehend nach Deutschland zu ziehen um dort zu trainieren und daneben an einer Schweizer Uni ein Fernstudium in Jurisprudenz zu absolvieren.

Es kam ganz anders: Im Herbst 2015 erlitt ihr Vater unverschuldet einen schweren Motorradunfall, von dem er sich bis heute noch nicht ganz erholt hat. Tamara änderte ihre Pläne, stieg quasi über Nacht auf dem elterlichen Hof ein und entschloss sich dazu, an der Schule Liebegg die landwirtschaftliche Ausbildung zu machen.

Auch im Beruf bei den Besten

Dort steht sie vor dem Abschluss und hat sich als eine der Besten ihres Lehrgangs für die Berufsmeisterschaften qualifiziert, die am 23. März im Buureland an der AMA in Aarau stattfinden.

Den Hof hat Tamara Roos etwas umgestellt: «Den Ackerbau haben wir beibehalten, die frühere grosse Kalbermast jedoch aufgegeben. Wir halten nur noch ein paar Mutterkühe mit Kälbern, deren Fleisch wir direkt ab Hof verkaufen. Daneben haben wir die Pferdepension stark ausgebaut», erklärt die junge Frau.

Weil sie den Vater auf dem Hof ersetzen musste und daneben weiterhin auf hohem Niveau Reitsport betrieb, ist in den vergangenen Jahren ein rechtes Arbeitspensum zusammengekommen. «Es geht alles, wenn man will und richtig plant», sagt Tamara Roos. Ihre Tage seien aber bisweilen schon ziemlich lang: «Im Sommer fange ich spätestens um 5.30 an, im Winter um 6 Uhr. Feierabend gibts im Sommer etwa um 22 Uhr, im Winter eine halbe Stunde früher.»

Priorität habe die Arbeit auf dem Hof, das tägliche Reittraining habe sie auf die Randzeiten verschoben – auf den frühen Morgen und den späten Abend. Gelegentlich sitze sie halt auch über Mittag auf dem Pferderücken. «Wir sind zum Glück in der Familie gut organisiert. Alle helfen mit und springen ein, wenn ich auswärts an Trainings fahre oder an Wettkämpfen teilnehme», sagt sie.

«Amaretto und ich sind zwäg»

Den Sieg zum Saisonauftakt hat sie ihrem Vater gewidmet, der just an diesem Tag 54 Jahre alt geworden ist. Er ist auf dem Weg der Besserung, kann aber auf dem Hof nach wie vor nur beschränkt arbeiten. Tamara Roos verbleibt die Hauptlast, doch mit dem Lehrabschluss fällt die Schule weg und so kann sie wieder etwas mehr in den Spitzensport investieren.

Sie feilt täglich selber an ihrer Form, auf dem Platz oder in der Halle, und alle zwei Wochen kann sie unter der Leitung des deutschen Cracks Dieter Laugks in Bern oder Dielsdorf ein Training absolvieren.

Die Form stimmt: «Ich bin körperlich sehr fit, nicht zuletzt auch wegen der täglichen Arbeit. Der Hof ist das beste Fitnessstudio», erklärt die junge Reiterin. Auch die mentale Form stimme: «Die Erfahrung, die Übung, der neue Trainer und die Arbeit mit meiner Mentaltrainerin haben meine Selbstsicherheit weiter gestärkt», sagt sie. Auch ihr Wallach sei zwäg: «Amaretto ist gesund, geistig fit, und ich spüre, dass er Leistung bringen will.»

Grosse Investitionen nötig

Beim Dressurreiten sei die Beziehung von Reiterin und Pferd entscheidend: «Wir müssen eine Einheit bilden. Ich muss dem Pferd und das Pferd muss mir vertrauen. Amaretto und ich haben auch in diesem Bereich über Jahre hinweg viel gearbeitet und jetzt läuft es wirklich gut. Ich hoffe, dass es weiterhin so bleibt. Dann haben wir auch auf einem höheren Level gute Chancen.»

In ihren Sport investieren Tamara Roos und ihre Familie seit Jahren jeden Franken, den sie erübrigen können. «Dressurreiten auf meinem Niveau erfordert sehr grosse Investitionen», sagt die Sportlerin. «Ich muss für die Reisen zu den nationalen und internationalen Wettbewerben ebenso selber aufkommen wie für die Benützung von Trainingsplätzen und -hallen. Tierarzt, Physiotherapeut und Hufschmid für Amaretto kosten Geld und auch das Material und die Ausrüstung.»

Tamara Roos hofft, dank den Erfolgen, die sie vorweisen kann, den einen oder anderen Sponsor zu finden. «Ich bin für jeden Franken dankbar», sagt die sympathische Waltenschwilerin.

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