Fünfte Jahreszeit

Die Fasnacht im Freiamt ist schön – doch wo ist sie am schönsten?

In Muri findet in regelmässigen Abständen das grösste Guggentreffen der Schweiz statt.

In Muri findet in regelmässigen Abständen das grösste Guggentreffen der Schweiz statt.

Ganz egal ob Dottikon, Hägglingen, Muri oder Sarmenstorf: Am Schmutzigen Donnerstag beginnt die fünfte Jahreszeit – für viele Freiämterinnen und Freiämter die schönste.

Wo ist die Freiämter Fasnacht am Schönsten? «Welche Frage, in Sarmenstorf natürlich!», sagen die Sarmenstorfer. Am Maiengrün hächelt man dagegen: «Was, Fasnacht in Sarmenstorf? Keine Konkurrenz für uns. Die haben ja nicht mal eigene Ideen. Vor drei Jahren haben sie sogar den von uns erfundenen Nachtumzug nachgemacht, ohne zu fragen», wehren sich die Hägglinger.

Die Dottiker spitzen ihre Rüebli-Ohren: «Fasnacht in Hägglingen? Häh, häh! Die versuchen es seit Jahrzehnten und schaffen es noch immer nicht! Warum wohl machen die einen Nachtumzug? Damit sie ihre lausig gemachten Wagen in der Dunkelheit verstecken können.» Die Antwort vom Berg kommt sofort: «Wir können wenigstens noch Fasnachtswagen bewegen, die Rüebli-Gruftis schieben nur noch Rollatoren.»

In der südwestlichen gelegenen Bünztaler Gemeinde güüggt man Beifall: «Wer richtige Freiämter Fasnacht erleben will, der geht sicher nicht nach Hägglingen oder Dottikon, der kommt nach Villmergen. Bei uns geht’s noch richtig heidnisch zu.» Die stolzen Wohler Kammerherren spotten: «Ja, in der Steinzeit stecken geblieben ist die Villmerger Fasnacht. Bei uns hingegen hat sie noch Stil und die Prominenz am Kammerball reservierte Plätze. Und nur in Wohlen gibt es Fasnachts-Wienerli aus Geflügelfleisch.» Die Göttibuben klatschen Beifall. Obwohl auch sie, wie die Dottiker Rüebli-Gruftis, zu den aussterbenden Fasnachtsgattungen gehören.

Verschwunden und wieder auferstanden

In den letzten Zügen liegt in Wohlen auch der einst aus dem grossen Kanton importierte Brauch der Fasnachtseröffnung vom 11.11. Die Nordfäger, welche diesen Anlass (noch) organisieren, gehörten früher zu den grössten Guggenmusiken im Freiamt. Heute ist die Clique auf eine Handvoll Mitglieder geschrumpft und kann an Martini nicht mal mehr die Mäuse am Bärenplatz erschrecken.

Vorübergehend verschwunden war auch die einst blühende Fasnacht in Berikon. Weil Geld und Helfer fehlten, gab es 2019 keinen Hexenmeister. Engagierte Berikerinnen und Beriker haben inzwischen dafür gesorgt, dass es wieder einen Kinderumzug und einen Ball gibt. Auch im Nachbardorf Widen gibt es närrisches Treiben. Allerdings erst, wenn die anderen Freiämter Närrinnen und Narren ihre Kater schon längst wieder versorgt haben. Alte Fasnacht eben.

Apropos Oberfreiamt: Dort hat man es nicht so mit Zünften wie in Hägglingen, Dottikon oder Sarmenstorf. Und auch nicht mit Herren wie in Wohlen oder Heiden und 50-jährigen Güggibuben und -meitli wie in Villmergen. Dort gibt es mit Muri-Adelburg, Muri-Neuenburg und Muri-Wien gleich drei historische Dorfteil-Fasnachtsgesellschaften und mit der Réunion eine ganz spezielle Beizenfasnacht. Weiter gehören Gängeli und Styfeliriter zu den ältesten Freiämter Guggenmusiken. Die Gängeli organisieren mit dem «Monster» im Klosterhof in regelmässig das schweizweit grösste Guggertreffen mit über 1500 Teilnehmenden.

Die Guggen haben die Fasnacht verändert

Die Anfänge der Guggenmusik in der Schweiz gehen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Laut Wikipedia hat 1874 eine erste Blaskapelle am Basler Morgestraich teilgenommen. Weil es heftige Proteste gab, wurde diese Art von Musik verboten und erst kurz vor der Jahrhundertwende wieder erlaubt. Von Basel aus hat sich der Guggenbrauch später auf die übrigen Schweizer Fasnachtsregionen ausgedehnt. Zuerst in die Innerschweiz, vor rund 50 Jahren dann schliesslich auch ins Freiamt.

Die Guggen haben die Fasnacht verändert. Vor allem, als es Mode geworden ist, an jedem Ball gleich mehrere von ihnen auftreten zu lassen. Das frühere rege Maskentreiben ist dadurch vielenorts weitgehend aus den Ballsälen verdrängt worden. Dabei war für die «richtigen» Närrinnen und Narren einst genau das der Inbegriff für Fasnacht.

Meine Mutter beispielsweise hat Jahr für Jahr mit ihren Kolleginnen und Kollegen jeweils schon nach Weihnachten mit dem Büezen der neuen Gwändli begonnen. Und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie die verrückten Weiber einmal als Bauern verkleidet mit einer Gruppe (lebender!) Geissen im legendären Adlersaal eingelaufen sind. Man stelle sich vor, wie diese Viecher, denen es schon damals im Ballsaal nicht geheuer war, unter dem heutigen gewaltigen Lärm leiden würden.

Eine Bereicherung an den Umzügen

Nichts gegen Guggenmusiken an den Umzügen. Dort sind sie eine echte Bereicherung. In mehreren Freiämter Gemeinden finden im regelmässigen Turnus grosse Fasnachtsumzüge statt. So in Wohlen (dieses Jahr am 23. Februar) und in Hägglingen (war schon am vergangenen Samstag), in Sarmenstorf, in Hägglingen, in Muri und auch in Bremgarten. Und welcher Fasnachtsumzug ist der schönste und grösste in der Region? Ganz klar: Immer jener, der gerade stattfindet.

Was halten Sie von der Tradition der Fasnacht?

Autor

Toni Widmer

Toni Widmer

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