Literatur
«Die Geissmanns werden nie untergehen»: Söldner, die den Gillette-Rasierer erfanden

Werner Geissmann schrieb eine etwas andere Familiengeschichte über das weit verstreute Hägglinger Familiengeschlecht. Der Autor besuchte für seine Geschichte ungezählte Archive im In- und Ausland. Fünf Jahre lang schrieb er an seinem Buch.

Jörg Baumann
Drucken
Teilen
In seinem Buch zeigt Werner Geissmann, wo auf der Welt es überall Geissmanns gab und bis heute gibt.

In seinem Buch zeigt Werner Geissmann, wo auf der Welt es überall Geissmanns gab und bis heute gibt.

Patrick Lüthy/IMAGOpress.com

Die Literaturliste über Hägglingen ist um ein Buch reicher: Werner Geissmann, 70, ein nach Schönenwerd ausgewanderter Hägglinger Bürger, hat eine etwas andere Familiengeschichte über die Geissmanns geschrieben. Der Autor ist kein Historiker, sondern war als Projektleiter im internationalen Infrastrukturanlagebau tätig. In seinem Buch zeigt er, wo auf der Welt es überall Geissmanns gab und bis heute gibt. Er stiess dabei auf wahre Trouvaillen.

Der Titel des Buchs, «Juden gibt es hier nicht», ist keinesfalls antisemitisch zu verstehen. Im Gegenteil scheint er ironisch gemeint zu sein, denn der Autor zeigt auf, dass das Geschlecht, das als absolut freiämterisch und katholisch gilt, ursprünglich sogar jüdisch gewesen sein könnte.

Fünf Jahre Arbeit für seine Familiengeschichte

Der Autor besuchte für seine Geisssmann-Familiengeschichte ungezählte Archive im In- und Ausland. Fünf Jahre lang schrieb er an seinem Buch.

Die Geissmanns sind in Hägglingen seit dem frühen 15. Jahrhundert nachgewiesen. In den Mittelpunkt kommt 1517 ein Rudolf Geissmann. Er kaufte am 13.Januar 1517 den Meyerhof mitten im Dorf. Um 1520 herum kam es zu einem Streit zwischen ihm und dem Stift Beromünster, das in Hägglingen Grundbesitz hatte. Rudolf Geissmann weigerte sich, auf dem Meyerhof einen Zehnten ans Stift zu zahlen. Das Tagsatzungsgericht der sechs Eidgenössischen Orte musste entscheiden. Siehe da: Geissmann erhielt recht. Der Meyerhof wurde zehntenfrei und der Eigentümer sogar berechtigt, Zehnten einzuziehen.

Geissmanns waren in fremden Kriegsdiensten

Mehrere Geissmanns waren Söldner in fremden Kriegsdiensten. Einige verloren dabei ihr Leben. Nicht alle hatten einen einwandfreien Leumund. Etliche hatten Schulden beim Regiment. Wie Peter Geissmann, der in Frankreich auf eine Fahndungsliste der desertierten Soldaten gesetzt wurde.

Die Geissmanns sind auf der ganzen Welt verstreut, auch im Elsass. Dort habe es viele Juden gegeben, so der Autor. Immer wieder hätten sich Geissmanns mit jüdischen Elsässern verheiratet. Henri Geissmann aus Réguisheim in St.-Etienne (Loire) nahm als ehemaliger Elsässer nach 1872 die französische Staatsbürgerschaft an. Die Firma Geissmann (nach einem Dokument «Gaisman») und Levy wurde 1896 in Lyon aufgelöst.

In den Archiven finden sich die Auswanderer Jacques Geissmann, Händler in New Orleans (USA), der Sattler Leopold Geissmann in New York oder der Viehhändler David Geissmann, ebenfalls New York, aber auch André Geissmann, der auf der französischen Seite in der Schlacht bei Verdun fiel.

Gillette und Kodak – das war ein Geissmann

In den deutschen Verlustlisten des Ersten Weltkrieges tauchen 37 Geissmanns auf. Aber auch in Vernichtungslagern wurden Juden namens Geissmann umgebracht. Der Autor machte Geissmanns ausfindig, die im französischen Widerstand kämpften, aber auch solche, die sich vor den Nazis in die Schweiz retten konnten. Im Zweiten Weltkrieg verloren zahlreiche US-Soldaten namens Geissmann ihr Leben.

Ein anderer Geissmann, Henry Jacques Gaisman, ein Geschäftsmann und Philantrop, erfand in den USA den Gillette-Rasierer und den Kodak-Fotoapparat. Im Buch sind die Patentzeichnungen der Kamera abgebildet.

Rose Geissmann war 1917 Präsidentin und Florence Geissmann in der Geschäftsleitung der Baron-Hirsch-Co-Workers, in der sich 200 jüdische Frauen organisierten. «Die Geissmanns werden nie untergehen», heisst ein geflügeltes Wort, das in Hägglingen gängig war. Es scheint fast, als stimmte es.

Werner Geissmann «Juden gibt es hier nicht – Eine etwas andere Familiengeschichte (700 Jahre Geissmann)». Books on demand, Norderstedt, 264 Seiten.