Oberwil-Lieli

«Die Musik muss bewegen»: Dieser Freiämter komponierte für die Liebe

Günther Schumacher hat eine Messe komponiert, die in Odessa aufgeführt wurde – jetzt sucht er Sponsoren, damit das Projekt auch in der Schweiz realisiert werden kann. Dominic Kobelt

Günther Schumacher hat eine Messe komponiert, die in Odessa aufgeführt wurde – jetzt sucht er Sponsoren, damit das Projekt auch in der Schweiz realisiert werden kann. Dominic Kobelt

Günther Schumacher möchte mit Musik den Frieden in der Ukraine fördern. Seine Messe wurde bereits in Odessa aufgeführt.

Am 10. Dezember 2016 geht für Günther Schumacher ein Lebenstraum in Erfüllung. Er sitzt im Konzertsaal des Odessa Philharmonic Orchestra und hört sich die Friedensmesse an, die er selbst komponiert hat. Die Liebe hat ihn hierher gebracht, in die Ukraine. Die Messe hat er für seine Partnerin komponiert. Er geniesst die Musik, lässt sie auf sich wirken. Nur dass Elena nicht neben ihm sitzt, schmerzt ihn.

«Heute geht es bei der Musik häufig nur noch um Perfektion, darum, keinen falschen Ton zu spielen» sagt Schumacher einen Monat später beim Interview. «Dabei haben Musiker doch eine ähnliche Funktion wie Priester, sie müssen Schwingungen für das Publikum greifbar machen, die Musik muss bewegen.» Dass er es geschafft habe, die Herzen der Zuhörer zu berühren, sei das grösste Geschenk für ihn.

Es ist ein vielschichtiges, komplexes Werk, das Schumacher geschrieben hat. Eine Vorfassung, die vor Jahren entstanden ist, verschwand in der Schublade. Erst als er den bekannten Pianisten Alexey Botvinov kennen lernte, erwachte das Projekt zu neuem Leben. «Ich erzählte ihm, dass mir vorschwebt, dass an manchen Stellen das Stück unterbrochen wird, und der Pianist über das jeweilige Thema improvisiert.

Das ist in der klassischen Musik heute nicht mehr üblich, aber ihm hat die Idee gefallen.» In Odessa ist es das erste Mal, dass Botvinov bei einem so grossen Anlass improvisiert, die Musik spielt, die ihn in dem Moment durchfliesst, wie er es nach dem Auftritt beschreibt. «Gewaltig», versucht Schumacher den Moment in Worte zu fassen.

«Odessa liebt dich»

Schumacher hat viel auf sich genommen, um seinen Traum zu verwirklichen, Geld investiert und zusammen mit dem Orchester geprobt. Ursprünglich wollte er selber dirigieren, kam aber nach einigen Proben wieder davon ab.

«Ich musste loslassen. Das Orchester war auf seinen Dirigenten eingestimmt.» Ein weiteres Problem: Der Konzertsaal, der zur Probe gemietet war, stand plötzlich nicht mehr zur Verfügung. Eine Rockband hatte den Verantwortlichen kurzerhand mehr Geld geboten, und das Orchester stand vor verschlossenen Türen.

Die nächsten Proben fanden in einem ungeheizten Vorlesungssaal der Uni statt, der Dirigent im Wintermantel eingehüllt. Aber von all diesen Widrigkeiten liess sich Schumacher nicht abhalten. Nach dem Konzert ass er mit den Musikern zu Abend, Botvinov bekam ununterbrochen Nachrichten auf sein Handy. «Odessa liebt dich», rief er Schumacher zu.

Musik berührt die Seele

Und Schumacher liebt Odessa, die Ukraine. Und Elena. Vor drei Jahren hat er sie kennen gelernt. Er engagiert sich für die Friedensförderung in der Ukraine, unterstützt Elenas Familie, kauft ihr einen Mantel.

«Sie ist Lehrerin an einer Privatschule, verdient aber im Monat nur 300 Euro, wie soll sie sich da einen Mantel kaufen?», erzählt Schumacher und lässt den Blick durch das grosse Wohnzimmer schweifen. Das Haus in Oberwil-Lieli hat er mit seiner ersten Frau gekauft, 44 Jahre war er mit ihr verheiratet, 2012 ist sie verstorben.

Ein Video der Friedensmesse (10.12.2016)

Ein Video der Friedensmesse (10.12.2016)

Mit ihr zusammen hatte er auch das Spirit Life Center gegründet, ein Institut für meditatives und therapeutisches Malen. Günther Schumacher sitzt am Klavier und spielt, während seine Klienten mit Pinsel und Farben ihren Gemütszustand ausdrücken.

«Die Musik berührt die Seele, und die Seele drückt sich durch das Malen aus. Wenn man mit jemandem über seine Probleme spricht, dann verheimlicht der Verstand vieles, das sich in einem Bild formulieren lässt. Beim Malen kann man nichts verstecken», erklärt der 76-Jährige.

Aufführung auch in der Schweiz

Fast hätte Günther Schumacher auch seine Elena verloren. In Donezk kommt es 2014 nach dem Regierungswechsel zu gewalttätigen Zusammenstössen zwischen prorussischen Demonstranten und Unterstützern der ukrainischen Übergangsregierung. Die Lehrerin aus Donezk muss nach Russland fliehen.

Auf Schumachers E-Mails kommen lange keine Antworten mehr. «Die Messe war ein Geschenk für Elena. Das habe ich ihr nach dem Konzert geschrieben», erzählt der gebürtige Deutsche. Und tatsächlich, es kommt eine Antwort.

Sie sei unterdessen wieder in der Ukraine, zurück in Donezk. Wenn alles gut läuft, dann kann Elena bald in die Schweiz kommen und die beiden sind wieder
vereint.

Günther Schumacher möchte die Messe auch in der Schweiz aufführen, sucht dafür Sponsoren. «In der Schweiz ist alles teurer.» Er würde das Projekt gerne mit einem hiesigen Orchester aufziehen, den Chor aus der Ukraine einfliegen lassen, und verschiedene Sänger aus der ganzen Welt.

Zusammen sollen sie die Friedensmesse aufführen. «Im Russischen ist das Wort für Friede und Welt dasselbe», sagt Schumacher, und in seinen Augen spiegelt sich die Vorfreude.

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