Bezirksgericht Bremgarten
Die verkaufte Frau: Auf der Suche nach einem besseren Leben, landete sie im Elend

Ein Cabaret-Betreiber zwingt eine Rumänin, sich zu prostituieren. Die beiden begegnen sich Jahre später vor Gericht wieder, weil die Frau sich getraute, Anzeige zu erstatten.

Aline Wüst
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3000 Opfer und nur 30 Verurteilungen: Menschenhandel und Förderung der Prostitution kommen selten vor Gericht, weil sich die Opfer selten melden.

3000 Opfer und nur 30 Verurteilungen: Menschenhandel und Förderung der Prostitution kommen selten vor Gericht, weil sich die Opfer selten melden.

Zur Verfügung gestellt

Marina (Name geändert) war 19 Jahre alt, als sie in die Schweiz kam. Sie dachte, sie würde hier putzen. Das tat sie auch. Auf allen Vieren schrubbte sie den Boden. Danach verkaufte sie ihren Körper. Sie bekam sieben Freier pro Tag. Aber kein Geld.

Was Marina erlebte, nennen die Juristen «Menschenhandel» und «Förderung der Prostitution». Vor Gericht kommen solche Fälle selten. 30 Verurteilungen gab es 2012 in der Schweiz - für beide Tatbestände. Nicht, weil es selten vorkommt, sondern, weil sich die Opfer selten melden. Die Opfer, die sind meist weiblich, immer Migranten. Oft werden sie zur Prostitution gezwungen. 1500 bis 3000 Opfer soll es pro Jahr in der Schweiz geben. Die genauen Zahlen kennt niemand.

Opfer und Täter

Marina sass ruhig da während der Gerichtsverhandlung am Bezirksgericht Bremgarten. Die Beine hatte sie übereinandergeschlagen. Sie blickte nie zum Mann, der auf den Stuhl nebenan sass.

Denn da sass Oskar (Name geändert). Ein 60-jähriger Aargauer, verheiratet mit einer Rumänin, Vater einer 11-jährigen Tochter, ehemaliger Pächter verschiedener Cabarets im Aargau. Oskar hat fünf Herzinfarkte überlebt. Er sagt nicht Prostituierte, wenn er über Prostituierte spricht. Er sagt «Damen». Oskar schläft mit einem Revolver unter dem Kopfkissen.

Der 60-Jährige benimmt sich vor Gericht, als ob das Ganze bloss ein lästiger Termin sei, reingequetscht zwischen zwei anderen Verpflichtungen. In der Verhandlungspause wird er erzählen, dass doch jeder zweite Mann der käuflichen Liebe zugeneigt sei. Und er wird ausführen, dass er nun als Böser hier vor Gericht stehe, das wird er sagen. Oskar hält Frauen die Tür auf. Er atmet schwer, wenn er die Treppe hochsteigt.

Kurz nach dem Mittag wird der Aargauer der Förderung der Prostitution schuldig gesprochen. Freigesprochen wird er vom Vorwurf des Menschenhandels. Es ist eine Formsache. Zum Tatzeitpunkt galt noch das alte Recht. Nach diesem brauchte es mindestens zwei Opfer, damit jemand ein Menschenhändler ist.

Vor Gericht war nur Marina.

Oskar bekommt eine Busse von 1800 Franken. Und eine bedingte Geldstrafe von 9000 Franken. Heute ist das Gesetz strenger.

Dass Oskar zumindest in einem Teil der Anklage schuldig gesprochen wurde, ist Marinas hartnäckigem Verteidiger zu verdanken. Denn die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten wollte das Verfahren gegen Oskar 2012 einstellen.

Der heute für die Anklage zuständige Aargauer Oberstaatsanwalt sagt dazu auf Anfrage: Die Anzeige von Marina sei erst im Jahr 2009 eingetroffen. Also acht Jahre nach der ersten Tat. «Es hatte wenig Fleisch am Knochen gehabt.» Darum sei es schwierig gewesen, noch etwas zu beweisen und Anklage zu erheben.

Marina will ihre Geschichte vor Gericht nicht erzählen. Sie wünscht auch, dass ihr Verteidiger nicht über Details spricht.

Die Anklageschrift erzählt die Geschichte der Rumänin. Angeworben wurde Marina im Jahr 2000 durch die rumänische Ehefrau von Oskar. Marina war auf der Suche nach einem besseren Leben, suchte eine Möglichkeit ihre Familie zu unterstützen. Sie sollte in der Schweiz als Putzfrau arbeiten.

Marina erzählte der Polizei nach ihrer Anzeige, dass Oskars Frau sie zwei Tage nach der Ankunft mit einem Vibrator entjungfert habe. Sie erzählte, dass sie alles verdiente Geld abgeben musste und dass Oskar und seine Frau den Preis für sie bestimmt hätten. Sie erzählte, dass Oskar eine Liste führte, mit ihren Einnahmen und sie zur Rechenschaft zog, wenn sie nicht genug Geld verdiente.

Cabaret-Betreiber Oskar sieht das vor Gericht anders: «Sie hat sich hin und wieder einen Mann geangelt und ist mit ihm aufs Zimmer gegangen.» Aber was genau auf diesen Zimmern passiere, das sei doch den werten Damen selber überlassen. Das gehe ihn nichts an. Er habe bloss Alkohol ausgeschenkt.

In der Verhandlungspause setzt Marina sich mit ihrem Verteidiger in ein Café. Sie sagt: «Er hat mich dorthin gebracht und Geld verdient mit meinem Körper. Ich hatte kein Geld, konnte kein Deutsch, hatte Schulden bei ihm und kannte niemand. Ich hatte Angst.» Die seelischen Schäden seien gross, sagt Marinas Verteidiger vor Gericht.

Schein und Sein

Fragt man im Aargau bei der Polizei oder bei der Staatsanwaltschaft nach dem Vorgehen gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution, heisst es: Im Aargau gebe es selten Fälle von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Das sei eher ein Problem des Kantons Zürich.

Dem Aussage widerspricht Susanne Seytter von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ): «Menschenhandel findet kantonsübergreifend statt. Die Frauen werden von einem Etablissement ins andere verschoben.» Bloss erkannt würden die Fälle vielfach erst in Zürich. Der Grund: Durch jahrelange Bemühungen seien in Zürich alle Stellen sehr sensibilisiert. Seytter sagt, was es braucht, um die Opfer zu schützten: «Eine Polizei, die aktiv ermittelt und eine Staatsanwaltschaft, die bereit ist, die meist recht aufwendigen Verfahren zu führen.»

Sarah Dodd ist beim Generalsekretariat des Aargauer Departement Volkswirtschaft und Inneres zuständig für die Bestrebungen gegen Menschenhandel. Sie sagt: «Es gibt im Aargau seit Jahren Bemühungen gegen Menschenhandel und wir agieren entsprechend.» Sie bestätigt, dass ganz frisch eine Leistungsvereinbarung mit der Fachstelle FIZ aus Zürich unterzeichnet wurde. Der Kanton Solothurn hat eine solche Leistungsvereinbarung schon seit acht Jahren. Susanne Seytter von der FIZ sagt zu den Bemühungen des Kanton Aargau: «Mit der neuen kantonalen Kooperationsvereinbarung zur Bekämpfung des Menschenhandels ist ein wichtiger Schritt getan.» Jetzt müsste das aber noch von allen Beteiligten umgesetzt werden. «Nur so können Opfer geschützt und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.»

Als Marina vom Café zurück zum Gericht, geht, kommt sie an diesem Cabaret vorbei. Sie geht langsamer, schaut ungläubig. «Das ist es. Ist es das wirklich?», sagt sie. 13 Jahre ist es her. Marina geht weiter: «Ja, hier war es, dort habe ich gearbeitet.»

Nach vier Monaten konnte Marina zurück nach Rumänien.

Anfang und Ende

Es vergingen drei Jahre. Dann war Oskar mit seiner Frau in Rumänien und Marina erfuhr davon, sie nahm Kontakt auf mit den beiden. Warum? «Er war der Einzige, den ich kannte. Die einzige Hoffnung» Marina wollte der Misere entfliehen. «Ich wollte ein eigenes Leben.» Sie bat Oskar, ihr einen Schweizer Ehemann zu suchen.

Oskar sagt vor Gericht, dass er zuerst nicht wollte. «Ich wollte sie das zweite Mal nicht in der Schweiz haben.» Dann tat er es doch. Warum? Das rumänische Theater nennt er das - Marina habe gesagt: «Bitte, bitte du helfen mir.» Also habe er es getan. Oskar vermittelte Marina einen Mann. Die Scheinehe kostete 15 000 Franken. Oskar bezahlte, Marina musste das Geld abarbeiten. Es war wieder alles wie bei ihrem ersten Aufenthalt im Aargau. Bloss das Bordell war am anderen Ende des Kantons. Wieder war Marina den Launen des Ehepaars ausgeliefert. Wieder bekam sie kein Geld. Als das Etablissement schloss, wurde sie in einen anderen Kanton weitervermittelt. Marina hatte noch immer Schulden.

Erst fünf Jahre später wagte sie es, eine Anzeige zu machen.

Gerichtspräsident Peter Thurnherr sagte in seiner Urteilsbegründung, dass es bei einer solchen Tat aus seiner Sicht zwingend eine Freiheitsstrafe bräuchte. Weil Tat und Verhandlung zeitlich nun aber so weit auseinanderliegen, müsse in diesem Fall die Strafe milder ausfallen. «Ich mache aber keinen Hehl daraus, dass das Ganze absolut widerlich ist und Marina nur eine von vielen Frauen ist, die in der Schweiz auf diese Art ausgenutzt werden.»

Marinas Anwalt findet das Urteil den Umständen entsprechend fair. Marina selber kann nun vorwärts schauen und versuchen zu vergessen. Sie lebt heute allein in der Schweiz. Oskar weiss noch nicht, ob er das Urteil akzeptieren will.

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