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Dieses Jahr feiert Marie Bieri bereits ihr 100. Weihnachtsfest

Marie Bieri vor dem Weihnachtsbaum, den ihre Tochter für sie geschmückt hat.

Marie Bieri vor dem Weihnachtsbaum, den ihre Tochter für sie geschmückt hat.

Die bald 101-Jährige aus Hilfikon erzählt, wie sie und ihre Familie in den 1920er-Jahren Weihnachten feierten.

Marie Bieri-Dahinden wohnt seit letztem Jahr im Altersheim Obere Mühle in Villmergen. Dort sitzt sie im Rollstuhl in ihrem Zimmer. Bieri, die in Hilfikon aufwuchs, wird bald 101 Jahre alt. Vor ihr liegen ein Album und mehrere Unterlagen. Marie Bieri möchte der «Aargauer Zeitung» erzählen, wie sie und ihre Familie vor einem Jahrhundert Weihnachten feierten:

Als sie zwei Jahre alt war – also im Jahr 1921 – zogen ihre Eltern mit fünf Buben und einem Mädchen von Immensee auf den Lindenhof in Hilfikon. Dieser gehörte damals der Familie Nabholz, denen auch das Schloss gehörte. Bieris Vater wurde vom Schlossherrn Nabholz als Bewirtschafter des Landguts Lindenhof angestellt. «Wir waren eine bescheidene Bauernfamilie», erzählt Marie Bieri. Dementsprechend einfach fiel damals auch die Weihnachtsfeier aus – das störte die junge Marie aber nicht.

Kurz vor Heiligabend ging ihr Vater in den Wald, um dort einen Weihnachtsbaum zu holen. Dieser wurde danach auf einen Tisch («Baujahr 1904», sagt sie, «und den gibt es immer noch!») gestellt. «Die Mutter schmückte ihn, aber wir Kinder durften den Baum vor Heiligabend noch nicht sehen, wir durften nicht in die gute Stube. Wir haben ja noch geglaubt, das Christkind schmücke den Baum», sagt die 100-Jährige.

Die Tochter hat den Baum geschmückt

Auch in ihrem Zimmer im Seniorenzentrum steht ein kleiner Weihnachtsbaum. Rote Kugeln, Engel und Sterne aus Papier sowie eine Lichterkette hängen daran. Eine ihrer Töchter hat ihn geschmückt. Marie Bieri sagt: «Ich kann doch kaum noch etwas selbst machen.» Körperlich mag die alte Dame zwar nicht mehr die Fitteste sein, aber erzählen kann sie noch gut und gerne.

«Einmal an Weihnachten war die Frau meines Bruders krank. Sie lebten ein paar Häuser entfernt von uns. Da nahm mein Bruder unseren Weihnachtsbaum und trug ihn, voll geschmückt, in sein Haus, um ihn seiner kranken Frau zu zeigen.» Dann spricht Marie Bieri weiter vom Leben in einfachen Verhältnissen: «Die Familie Nabholz war sehr gut zu uns.

Schürze, Lismer und Schaggettli

An Weihnachten durfte mein Vater mit meinem ältesten Bruder im Schloss Hilfikon eine Zaine mit Weihnachtsgeschenken abholen.» Darin lagen, neben einem guten Pack Kaffeebohnen und Reis, auch ein Geschenk pro Person. Also für Marie selbst, ihre Eltern und für ihre fünf älteren Brüder. «Für die Mutter gab es eine schöne Küchenschürze, mein Vater und die Brüder bekamen je einen handgestrickten Lismer.»

Die junge Marie bekam ein handgestricktes Schaggettli in Hellblau und Rosa: «Darüber freute ich mich so sehr, dass ich mich darin sogar fotografieren liess.» Bieri, die in einem Rollstuhl in ihrem Zimmer sitzt, zeigt ein vergilbtes Foto, auf dem sie das Oberteil trägt.

«Die Nachbarstochter fand dieses Schaggettli so schön, dass ich ihr erlaubte, es eine Woche selbst zu tragen», sagt sie.

Nur eine Familie hatte eine Kutsche

Eine weitere Tradition, an die sich die 100-Jährige gerne erinnert, ist das Festessen. «An Heiligabend bereitete unsere Mutter selbst eingemachtes Sauerkraut und Schinkli aus unserem Chämi zu.» Dazu buk die Mutter, die Luzerner Wurzeln hatte, original Luzerner Läbchueche und Bireweggli. Guetzli bekam die Familie Bieri von den Schlossherren Nabholz offeriert: «Die waren so fein», erinnert sich Marie Bieri. «Die Köchin der Familie Nabholz hat extra für uns gebacken.»

Nachdem die Bieris den Weihnachtsbaum bestaunt, das Festmahl genossen und die wenigen Geschenke ausgepackt hatten, sangen sie zusammen. «Jeweils traditionelle Lieder wie ‹Oh Du Fröhliche› oder ‹Stille Nacht›», erzählt Marie Bieri.

«Diese feierliche Stimmung war schön, ich sang sowieso immer gerne.» Danach machte sich die Familie auf zu einem halbstündigen Fussmarsch durch den Schnee, um die Mitternachtsmesse in Villmergen zu besuchen. Ausser der Familie Nabholz besass niemand in Hilfikon ein Auto und gar nur eine einzige Familie hatte eine Kutsche.

Nicht nur die Fortbewegungsmittel, sondern auch das Wetter änderte sich mit den Jahrzehnten: «Geschneit hat es damals viel und häufig», sagt Marie Bieri. «Ich weiss noch, wie ich als Kind mit meiner Mutter über den gefrorenen Hallwilersee spaziert bin. Sogar Pferde waren auf dem Eis!»

Weihnachtsstress auf der Post in Hilfikon

Weihnachten vor einem Jahrhundert – in keiner Weise zu vergleichen mit den heutigen Bräuchen. Das findet auch Marie Bieri. Sie hält nichts davon, dass Eltern heute ihren Kindern zig Geschenke machen. «Das braucht es doch nicht», sagt sie. «Das Beisammensein der Familie ist alles, was zählt.» Weihnachtsstress ist der 100-Jährigen also ein Fremdwort – zumindest, was das Geschenkekaufen angeht.

Doch über 30 Jahre lang führte die ausgebildete Damenschneiderin die Poststelle in Hilfikon. Vor und während der Weihnachtsfeiertage hatte sie dort immer alle Hände voll zu tun. Auch ihre Kinder mussten mit anpacken, um die Flut von Weihnachtskarten und -paketen in die damals noch gut 50 Haushalte in Hilfikon zu verteilen.

Das erst zu Fuss und später mit dem Velo, durch Schnee und Eis. Aber auch diesen Stress hat Bieri heute nicht mehr. Heute freut sie sich auf ruhige und besinnliche Weihnachten im Kreise ihrer 3 Kinder, 5 Enkel, 5 Urenkel und 3 Ururenkel.

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