Eggenwil
Buch übers Coronajahr geschrieben: 85-Jährige zieht Vergleiche zur Vergangenheit

Hedy Barothy, 85, aus Eggenwil hat 2020 tagebuchartig ihre Eindrücke zur Pandemie dokumentiert. Angereichert mit persönlichen Lebenserfahrungen und Eindrücken von Verwandten aus aller Welt veröffentlichte sie ihre «Corona-Chronik 2020». Sie will damit Menschen zum Nachdenken anregen.

Ilir Pinto
Drucken
Teilen
Hedy Barothy, 85, aus Eggenwil hat ein Buch mit dem Titel «Corona-Chronik 2020» geschrieben.

Hedy Barothy, 85, aus Eggenwil hat ein Buch mit dem Titel «Corona-Chronik 2020» geschrieben.

zvg

Gleich nachdem die AZ klingelt, öffnet Hedy Barothy die Tür, grüsst herzlich und bittet herein. Denn für den geplanten coronakonformen Spaziergang im Dorf Eggenwil, wo sie lebt, ist es viel zu kalt. Heimelig ist die trefflichste Beschreibung für das Wohnzimmer der 85-Jährigen. Selbstverständlich wird für das Gespräch eine Maske aufgesetzt und auf Abstand geachtet.

Barothy beginnt zu erzählen. Es habe alles vor etwa einem Jahr begonnen, als Corona in Europa ankam. Die ehemalige Journalistin habe das Bedürfnis verspürt, ihre Gedanken und Gefühle zum Geschehen zu dokumentieren, und zwar in Form eines Tagebuchs. Sie erklärt:

«Ich habe mich für diese Form entschieden, da die Gedanken viel spontaner zum Vorschein kommen, als zum Beispiel in einem Roman.»

Die Verwandtschaft aus aller Welt kam auch zu Wort

«Ursprünglich war mein Text für meine über die ganze Welt verstreute Verwandtschaft gedacht. Dann aber bat ich alle, mir per E-Mail zu berichten, wie sie Corona in ihrer jeweiligen Heimat erleben», berichtet die Seniorin. Sie lächelt, während sie von ihren Verwandten spricht. Sie erklärt, dass diese über ganz Europa verstreut, aber auch in den Vereinigten Staaten, Südamerika sowie Australien leben.

Als sich abzuzeichnen begann, dass die Pandemie nicht so schnell ihr Ende finden würde, wurde Barothys Projekt immer grösser und letztendlich zu einem Buch: «Corona-Chronik 2020». Dieses ist seit Januar erhältlich. Barothy verrät, warum sie es veröffentlichen wollte:

«Meine Buch regt dazu an, sich die Frage zu stellen, was sonst noch draussen auf der Welt geschieht.»

Viele Leute in der Schweiz seien momentan reserviert und deprimiert, so Barothy. «Dabei geht es uns doch noch so gut im Vergleich zu vielen anderen Ländern», erklärt sie. Als Beispiele erwähnt sie Hongkong und Weissrussland, erzählt vom Frust der Menschen dort und zeigt viel Empathie. All dies thematisiert sie in ihrer Chronik.

Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg – ein gewagter Vergleich

Nebst all dem hat die lebenserfahrene 85-Jährige in ihrem Buch eigene Erinnerungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs einfliessen lassen. Dies macht es zu einer einzigartigen Mischung aus Texten.

Barothy erklärt, sie habe einiges miterlebt. Aufgewachsen ist sie in Frankfurt am Main, wo sie vor 76 Jahren (während des Zweiten Weltkriegs) einen Angriff auf die Stadt miterlebt hat. In ihrem Buch zieht sie einen Vergleich zwischen der damaligen und der heutigen Zeit. Sie sagt:

«Wir haben heute Strom, Wasser und ein Dach über den Kopf. Und die Regale in den Läden sind voll. Das war damals nicht selbstverständlich.»

Damals habe es in den Läden nichts gegeben. Die Menschen in der heutigen Schweiz seien eben gewöhnt an ihren Wohlstand. Sie vermissen Einkaufszentren oder Urlaubsflüge.

Sie verliert nie die Hoffnung auf das Ende

Wird sich die Menschheit nach Corona zum Besseren verändern? Barothy ist ein optimistischer Mensch, doch bei diesem Punkt will sie vorsichtig mit ihren Erwartungen sein. Aufgrund ihrer Lebenserfahrung weiss Barothy, dass der Mensch sehr vergesslich sein kann. Sie macht ein Beispiel:

«Nach dem Zweiten Weltkrieg hiess es, Deutschland dürfe kein Militär mehr haben. Ich musste staunen, als schon 1948 wieder die Rede von einem deutschen Militär war.»

Trotzdem hat sie einen Rat für die Gegenwart: «Jeder soll aufpassen, und wenn er sich selbst nicht ansteckt, steckt er auch andere nicht an. Vorsicht ist auch Rücksicht. Die Pandemie ist bestimmt bald zu Ende.» Und sie witzelt: «Alles hat ein Ende. Nur die Wurst nicht, die hat zwei.»

Barothys Chronik hingegen findet ihr Ende im August 2020. Schreibt die Eggenwilerin also weiter? Mit einem schelmischen Lächeln verrät sie:

«Ich schreibe schon seit einiger Zeit an der Fortsetzung.»

Wann diese kommen würde, stehe noch nicht fest. Bis dann bietet «Corona-Chronik 2020» Lesestoff. Das Buch kann direkt bei Hedy Barothy bestellt werden.

Aktuelle Nachrichten