Villmergen
Ehepaar gibt Apotheke nach 40 Jahren an Söhne ab – nur am Hochzeitstag blieb der Laden zu

Nach 40 Jahren geben Muriel und Ruedi Jost Ende Jahr ihre Villmerger Berg-Apotheke an die beiden Söhne Pascal und Alain weiter. Die Übernahme war zugleich ein Ja zum Neubau.

Nathalie Wolgensinger
Drucken
Teilen
Familiensache: Pascal (v.l.) und Alain Jost übernehmen Ende Jahr die Leitung der Berg-Apotheke in Villmergen von ihren Eltern Muriel und Ruedi, die sich in den wohlverdienten Ruhestand verabschieden.

Familiensache: Pascal (v.l.) und Alain Jost übernehmen Ende Jahr die Leitung der Berg-Apotheke in Villmergen von ihren Eltern Muriel und Ruedi, die sich in den wohlverdienten Ruhestand verabschieden.

Zur Verfügung gestellt

Es war Ruedi Jost-Karli, der den Grundstein für die Berg-Apotheke in Villmergen legte. Eine Apotheke im Unterland, so dachte sich der junge Mann, rentiert das ganze Jahr hindurch und nicht nur, wenn die Flachländer zum Skifahren oder Wandern nach Pontresina kommen. Dort im Engadin wuchs Jost auf.

Es war ein Studienfreund aus Dottikon, der ihm den Tipp gab, in Villmergen eine Apotheke zu eröffnen. Gesagt, getan. 1956 eröffnete Ruedi Jost-Karli seine Berg-Apotheke bei der Villmerger Kirche und legte damit den Grundstein für ein Familienunternehmen, das nun in die dritte Generation geht.

«Mein Vater war ein innovativer Geschäftsmann», erzählt Ruedi Jost junior. Beleg dafür ist der Bau des Wohn-und Geschäftshauses an der Bahnhofstrasse, das 1968 bezogen werden konnte. Doch damit war das Lebenswerk noch lange nicht abgeschlossen. Dem umtriebigen Apotheker gelang es, sich gegen mehr als 40 Konkurrenten durchzusetzen und den Zuschlag für eine Apotheke am Flughafen Zürich zu erhalten. Mit dem Ausbau des Flughafens wurden es immer mehr Filialen. Zuletzt waren es deren fünf.

«Stets vorwärts» lautet schon immer die Devise der Familie Jost

1981 stiegen Muriel und Ruedi Jost in das Familienunternehmen ein. «Wir haben uns entschieden, in Villmergen zu bleiben. Ich konnte mir nicht vorstellen, zwischen Zürich und Villmergen zu pendeln», erzählt Ruedi Jost. Die Apotheken am Flughafen blieben in der Hand des Seniors. Ruedi Jost führte fortan die Berg-Apotheke. «Mein Vater hat jeweils Fünf-Jahres-Planungen gemacht», erzählt Ruedi Jost. Das innovative Denken und Handeln habe er von ihm gelernt. «Stets vorwärts», so lautet die Devise der Josts.

Auch die beiden Söhne Alain und Pascal scheinen dies verinnerlicht zu haben. Pascal schloss sein Pharmaziestudium 2013 ab und war anschliessend als Springer in diversen Apotheken in der ganzen Schweiz unterwegs. So vertiefte er nicht nur seine Berufskenntnisse, er erhielt auch einen Einblick in verschiedenste Geschäftsphilosophien. Sein Bruder Alain absolvierte derweil das Studium zum Betriebsökonom FH.

Drive-in wurde belächelt – in der Coronakrise zahlt er sich aus

Als die Söhne ihre Bereitschaft signalisierten, die Apotheke zu übernehmen, war dies zugleich ein Ja zum Neubau. Geliebäugelt hatten die Josts schon lange damit. «Wir haben 1991 die Apotheke saniert und umgebaut», erzählt Ruedi Jost. Doch bald stiess man an räumliche Grenzen. Ein Neubau mit grosser Verkaufsfläche und einem Drive-in schwebte dem Ehepaar vor.

Vor vier Jahren konnten sie den Neubau im Ortskern von Villmergen beziehen. Für die Idee des Drive-in wurde Jost damals belächelt. «Die Idee hatte mein Vater», erzählt er. In der Coronazeit hat sich diese dann mehr als bewährt. «Sehr viele Kunden schätzen es, wenn sie ihre Medikamente am Schalter beziehen können und so nicht in die Apotheke kommen müssen.»

Die vergangenen 40 Jahre waren Muriel und Ruedi Jost für ihre Kundschaft da. Und dies in guten wie in schlechten Zeiten. «Wir werden die vielen schönen, interessanten und manchmal auch traurigen Gespräche vermissen», schreiben sie im Flyer, den ihre Kunden in den letzten Wochen erhielten.

In 40 Jahren war die Apotheke nur einen Samstag geschlossen

«Die Kunden werden uns fehlen», bestätigt Muriel Jost, die heuer 65 Jahre alt wurde. Doch zugleich ist das Ehepaar froh, die Verantwortung an ihre Söhne abzutreten. Denn die vergangenen Jahrzehnte waren anspruchsvoll. «Wir hatten während dieser 40 Jahre nur an einem Samstag geschlossen. Das war, als wir heirateten», erzählt Ruedi Jost mit einem Lachen.

Er war nicht nur Apotheker mit Leib und Seele, sondern auch Politiker. Von 1991 bis 2009 war der 66-Jährige Grossrat, wo er sich unter anderem für das Gesundheitswesen engagierte. Dieses habe sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm verändert. «Das gibt mir manchmal zu denken», meint Muriel Jost. «Man ist heute nicht mehr bereit, eine Krankheit durchzustehen. Es muss sofort eine Heilung eintreten.»

Noch wenige Tage sind die Josts in der Apotheke anzutreffen, dann überlassen sie diese und die 23 Angestellten ihren beiden Söhnen. Während Pascal die pharmazeutische Verantwortung übernimmt, wird Alain sich den Bereichen Personal, Finanzen und Marketing widmen. «Wir freuen uns, dass wir es ruhiger angehen können», sagt Ruedi Jost. Die Hobbys, wie Fliegenfischen, Lesen und Reisen wird das Ehepaar nun pflegen können. Und einfach auch mal Nichtstun. Obwohl: So richtig vorstellen, kann man sich das (noch) nicht.

Aktuelle Nachrichten