Coronakrise

Ein Anruf wirkt Wunder: Gemeinde Wohlen telefoniert mit allen über 75

Wohlen hat nicht nur eine Corona-Hotline aufgeschaltet, die sehr erfolgreich läuft, sondern ruft auch alle Leute über 80 vorsorglich an - einfach nur zum Plaudern.

Meist ist man nicht besonders glücklich, wenn die Gemeinde anruft. Doch in diesen Tagen scheinen sich die Angerufenen durchwegs zu freuen. Kultursekretärin Claudia Nick hat die Aufgabe gefasst, zusammen mit den Mitarbeiterinnen der Gemeindebibliothek alle Wohlerinnen und Wohler, die über 80 Jahre alt sind, anzurufen und zu fragen, wie es ihnen geht.

"Die Gemeinde hat sich diese Massnahme überlegt, um sicherzustellen, dass niemand alleingelassen wird. Diese Leute gehören alle zur Risikogruppe des Coronavirus und sollten zwingend daheim bleiben. Aber was ist, wenn sie niemanden haben, der für sie einkauft oder sie allenfalls zum Arzt bringt?", fragt Nick.

Am Montag vor einer Woche hat die Gemeinde 3000 Briefe an die Menschen über 65 Jahre geschickt, um die Plattform Information und Koordination bekannt zu machen. "Am Dienstag, an dem die Briefe in den Haushalten angekommen sind, haben wir auch mit den Anrufen begonnen", berichtet Nick. "Anfangs wusste ich nicht, was mich erwartet, ob sich die Leute vielleicht unwohl fühlen, wenn jemand Fremdes sie fragt, wie es ihnen geht. Aber nein, mindestens 95 Prozent der Angerufenen haben sich hörbar gefreut."

Lustige Erlebnisse mit den Senioren am Telefon

962 Nummern umfasst die Liste der über 80-Jährigen, die die Gemeinde Claudia Nick und dem Bibliotheksteam übergeben hat, um sie vorsorglich anzurufen. Nur jene, die in Seniorenzentren leben, werden von der Gemeinde nicht angerufen, denn sie erhalten die nötige Betreuung bereits. "Wir machen das sehr gerne. Wir können den Leuten so etwas gutes tun. Und einerseits haben wir ja im Moment sowieso kaum etwas anderes zu tun. Andererseits habe ich gemerkt, wie sehr auch ich mich über die schönen Gespräche freue."

Dabei hat sie viele lustige Momente erlebt. "Die Leute scheinen unsere Namen zu kennen. Beim Bibliotheksteam konnte ich mir das gut vorstellen, aber scheinbar wissen auch viele, wer ich bin", sagt die Kultursekretärin der Gemeinde Wohlen. "Etwa bei meinem dritten Anruf meinte eine Frau: 'Aber Frau Nick, Sie müssen doch nicht herumtelefonieren, sondern schauen, dass die Kultur läuft!' Das fand ich sehr lustig."

Ü80er sind sehr oft fit und gut vernetzt

Auch sonst bekäme sie einen schönen Einblick ins Leben der Wohler Ü80er. „Mir sind vor allem zwei bemerkenswerte Dinge aufgefallen: Einerseits sind unsere Ü80-Jährigen meistens sehr gut vernetzt. Wir fragen sie immer, ob sie einen Einkaufs- oder Fahrdienst brauchen, und die meisten haben entweder Verwandte, die das für sie erledigen, oder benützen schon jetzt die gut funktionierende Nachbarschaftshilfe. Andererseits merke ich auch, wie fit diese Senioren oft noch sind. Sie machen den Haushalt und den Garten noch selbst, und wenn man mit ihnen redet, hätte man nie das Gefühl, dass sie schon über 80 Jahre alt sind.“

Einzelne Seniorinnen oder Senioren seien aber schon eher isoliert von der Aussenwelt. "Sie haben keine Familie und auch kaum Freunde, mit denen sie reden können. Man merkt es ihnen manchmal im Gespräch an, dass sie nicht oft mit anderen in Kontakt sind", erzählt Claudia Nick. "Für sie haben wir auch das Angebot, dass wir sie regelmässig anrufen. Davon machen einige Gebraucht, das freut uns." Die Gespräche dauern meist etwa fünf bis zehn Minuten. "Aber eine Kollegin hat auch schon eine Stunde lang mit einem Senioren telefoniert. Das darf auch sein, denn wir haben die Zeit dafür."

Weil die Telefonaktion bei den Seniorinnen und Senioren so gut ankommt, wurde die Altersgrenze nun auf 75 Jahre herabgesetzt. Bis am Mittwochnachmittag hat das Team bereits 890 Wohlerinnen und Wohler über 75 Jahre proaktiv angerufen, um zu fragen, wie es ihnen geht.

Zivildienstler an der Corona-Hotline

Auch Valentin Geissmann, der momentan beim Wohler Verein für Jugend und Freizeit (VJF) seinen Zivildienst leistet und dort neben anderen die Wohler Corona-Hotline betreut, kennt solche Geschichten. "Bei uns rufen die Leute meistens an, um Fragen zu stellen. Sie wollen wissen, ob sie beispielsweise noch spazieren gehen können, oder drücken ihre Sorgen wegen der Steuererklärung oder anderem aus. Aber auch ich wurde schon gebeten, ob ich nicht ab und zu mal anrufen könnte, um ein bisschen zu reden. Gerade eben habe ich mit einem Senioren geplaudert, das scheint ihn sehr gefreut zu haben. Und mich auch."

Vor allem zu Beginn, also vor einer Woche, lief die Hotline heiss. "Da haben sehr viele Leute angerufen, um beispielsweise jemanden vermittelt zu bekommen, der für sie einkaufen geht", erinnert sich Geissmann. "Diese Leute können wir dann mit verschiedenen Gruppen verbinden, die ihre Hilfe angeboten haben. Das sind beispielsweise Pfadi und Jubla, die Gruppe 'Hilf Jetzt Wohlen' oder auch der Fanclub des FC Wohlen. Zusätzlich haben sich aber auch einzelne Privatpersonen gemeldet, die helfen würden." Mittlerweile konnten bereits über 130 Anfragen von Senioren beantwortet werden, entweder durch Informationen direkt am Telefon oder durch Weiterleiten an eine der freiwilligen Hilfsgruppen. "Mich persönlich freut es sehr, wie gut das alles läuft. Und ich spüre auch, wie sehr sich die Leute darüber freuen", sagt Geissmann.

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