Boswil
Ein Dorf macht eine Zeitreise: Über 3000 Jahre zurück in die Bronzezeit

Altes Handwerk, Grabungen und ein Versteck unter der Kapelle – all das bietet der Kulturerbetag am Sonntag, 26. August.

Cornelia Schlatter
Merken
Drucken
Teilen
Ein Schüler versucht sich an den Blasebalgen, um den Bronzeofen zu erhitzen: «Es ist ziemlich heiss hier.»

Ein Schüler versucht sich an den Blasebalgen, um den Bronzeofen zu erhitzen: «Es ist ziemlich heiss hier.»

Cornelia Schlatter

Rauch steigt auf. Der Gussofen mit seinen Tonrohren, Lederblasebälgen und der verzierten Düse steht bereit. Bald soll hier Bronze flüssig gemacht werden, ein Abguss soll entstehen. Boswil ist durch die Zeit gereist, über 3000 Jahre zurück in die Bronzezeit.

Experimentalarchäologe und Lehrer Walter Fasnacht passt jedoch nicht ganz ins Bild: Eigentlich müsste er einen Lendenschurz und Ledersandalen anhaben. Stattdessen trägt er T-Shirt, Jeans und Turnschuhe. Auf dem Werkhof unter dem Vordach der Remise steht er vor dem prähistorischen Bronze-Gussofen. Seine Archäologie-Assistentin, Sonia Perona, hilft ihm dabei, das Feuer am Leben zu erhalten.

Spielwürfel aus Bronze

Kaum eingefeuert, trifft schon die erste Schulklasse der Schule Boswil ein. Die Schüler sind mit grossem Eifer dabei und beantworten mit beeindruckendem Allgemeinwissen Walter Fasnachts Fragen rund um Metalle, Schmelzpunkte und prähistorische Werkzeuge.

Währenddessen bedient Perona unablässig die Blasebälge, um eine perfekte Glut zu erzeugen. Der Experimentalarchäologe platziert nun einen Tontiegel mit Bronzefragmenten und Zinn in einer Vertiefung. Eine gute halbe Stunde dauert es, bis die Legierung am Brodeln und bereit ist, in eine vorbereitete Form gegossen zu werden. Für die Schulkinder werden «Astragals» hergestellt. Das sind prähistorische Spielwürfel, mit denen sich die bronzezeitlichen Gspänli wohl die Zeit vertrieben haben. Diese Würfel sind normalerweise nichts anderes als Fussgelenkknochen von Schafen. Doch für den archäologischen Unterricht werden sie ausnahmsweise in Bronze gegossen und im Werkunterricht geschliffen und poliert, damit die Kinder ein bleibendes Erinnerungsstück an die Vorbereitung für den Kulturerbe-Tag haben.

Rätsel über ein «Mondhorn»

Am Sonntag, 26. August, kann Boswils Vergangenheit auf spielerische Art und Weise neuentdeckt werden. Ausgangsorte sind drei Stationen im Dorf: Gemeindehaus, Künstlerhaus und Kapelle St. Martin. Beim Gemeindehaus werden den Teilnehmern archäologische Funde, wie das erst kürzlich ausgegrabene «Mondhorn», vorgestellt. Diese kultischen, aus gebranntem Ton hergestellten Objekte bekamen ihren Namen, weil ihre Form an ein Horn oder die Sichel des Mondes erinnert. Es wird vermutet, dass Mondhörner Überbleibsel von rituellen Handlungen sind, oft wurden sie in Gruben zusammen mit Keramikscherben gefunden.

Die Besucher können sich zudem auf eine klangvolle Zeitreise ins Künstlerhaus begeben oder herausfinden, was es mit dem verborgenen Gutshof unter der Kapelle St. Martin auf sich hat. Zur Auswahl stehen dabei sieben Führungen und Workshops. Auch das Herstellen von bronzezeitlichem Schmuck und ein Wettbewerb locken.

Das Herzstück des Kulturerbe-Tages wird die Demonstration des Bronze-Gussofens sein. Manuela Weber, Leiterin Ressort Kantonsarchäologie, erklärt: «Wir möchten raus zu den Leuten, ihnen ihr kulturelles Erbe näherbringen und für einmal nicht im stillen Kämmerlein werkeln. Es soll Archäologie zum Anfassen sein.» Für hungrige Zeitreisende wird auch gesorgt: Es gibt zur Stärkung Grilladen und Getränke.

Film zeigt das Handwerk

Zurück zum Werkhof: Sogar ein professionelles Filmteam ist vor Ort und dokumentiert das prähistorische Handwerk. Der Film feiert am 26. August Premiere. «Es soll bei den Kindern nachhaltig etwas hängen bleiben und ihnen bewusst machen, was für ein reiches Kulturerbe sie besitzen», führt Weber aus. Zwei Schüler versuchen nun, gleichmässig den Blasebalg zu bedienen, und stellen erstaunt fest, dass es gar nicht so einfach ist, abwechselnd koordiniert die Arme auf und ab zu bewegen. Ein Werkhofmitarbeiter, der auch Feuerwehrmann ist, misst mit einem Wärmemessgerät, wie warm es in der Nähe des Ofens ist. Er ermittelt heisse 650 Grad. Das reicht aber noch nicht: Da Bronze ihren Schmelzpunkt bei 1000 Grad hat, muss tüchtig eingeheizt werden, damit sie wieder flüssig und bereit für den nächsten Abguss ist.

Kulturerbetag Boswil 26. August, 10 bis 17 Uhr. Mehr Infos gibts online unter www.kulturerbe2018.ch