Ein letzter Gruss von Charli

Ein Dottiker stirbt im Spanischen Bürgerkrieg: Sein Abschiedsbrief erreicht die Familie erst Jahrzehnte später

Charles Emil Fischer zog 1937 wie fast 800 andere Schweizer in den Spanischen Bürgerkrieg – und kam nie wieder nach Hause. Die tödliche Kugel traf den Dottiker am Rio Jamara. Seinen Abschiedsbrief erhielt die Familie erst 2010.

Als stolzer Vater präsentiert sich Charles Emil Fischer (1910–1937) aus Dottikon 1935 mit seiner zweijährigen Tochter Charlotte dem Fotografen. Der Vater im Sonntagsanzug, mit Schirmmütze, weissem Hemd, Boschettli und gestreifter Krawatte, die mit einer Nadel am Hemd befestigt ist. Die kleine Charlotte schaut in ihrem Wollkleidchen neugierig in die Kamera und wartet aufs «Vögeli». Das Bild vermittelt eine freundliche Stimmung.

Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass Charles Emil Fischer nur noch zwei Jahre zu leben hatte. Fischer zog, wie fast 800 andere Schweizer, auf der Seite der Linken gegen die Truppen des Antikommunisten General Franco in den Spanischen Bürgerkrieg. Am 12.Februar 1937 traf ihn an der Front am Rio Jamara, südöstlich von Madrid, eine Kugel. Fischer war sofort tot. Brigadisten, die Ende 1938 aus dem Krieg heimkehrten, überbrachten seiner Ehefrau Gertrud Fischer-Dättwyler (1901–1985) ein Jahr später die schlimme Nachricht, mit der sie aber gerechnet haben soll.

Bei der Polizei war Fischer nicht sehr positiv bekannt

Der Basler Historiker Peter Huber stellt Charles Emil Fischer in seinem Buch «Die Schweizer Spanienfreiwilligen» (Rotpunkt-Verlag Zürich), das er in Zusammenarbeit mit dem St.Galler Publizisten Ralph Hug verfasste, als einen Menschen dar, der bei der Polizei chronisch aneckte. Fischer wurde 1910 in Nancy, im französischen Lothringen, als Sohn von Gustav und Marie Fischer-Marti geboren. Er lernte den Beruf des Schreiners, heiratete die neun Jahre ältere Gertrud und hatte mit ihr drei Kinder.

Auf nicht bekannten Wegen kam Fischer nach Dottikon und arbeitete als Handlanger. Dottikon musste die Familie Fischer finanziell durchbringen. Bekannt ist, dass der Dorfpolizist Thut über Fischer einen vernichtenden Leumundsbericht schrieb: «Wenn dem Fischer Arbeit angewiesen wurde, kontrollierte er dieselbe zuerst, wenn sie ihm nicht passte, arbeitete er aber nur einige Tage.» Fischer äusserte laut dem Bericht des Polizisten Drohungen gegenüber den Behördenmitgliedern. Es kam zu einer Anzeige beim Bezirksamt Bremgarten. Man vermutete in Fischer einen möglicherweise gefährlichen Kommunisten. Es kam am 28.November 1936 zu einer Hausdurchsuchung, bei der aber keine Waffen gefunden wurden. Zu Hause hing zum Trotz ein Porträt des russischen Revolutionärs Lenin.

Bei Nacht und Nebel reiste Fischer ab in den Krieg

Im Kreis von Zürcher Kommunisten hörte Fischer, dass es eine Möglichkeit gebe, seine Zukunft als Arbeiter zu verbessern: in Spanien im Bürgerkrieg. Anfang Januar 1937 reiste Fischer, ohne seine Familie vorher zu informieren, mit dem Zug über Mülhausen nach Lyon, wo er sich einem Sammeltransport anderer Freiwilliger nach Figueres in Spanien anschloss. Er griff gegenüber seiner Frau zu einer Notlüge: Er gehe nach Zürich, um ein Velo zu kaufen. Kurz vor seinem Tod am 12.Februar 1937 schickte er seiner Frau aus dem revolutionären Katalonien einen Brief, der aber, wie der Publizist Ralph Hug 2010 in der Zürcher «Wochenzeitung» enthüllte, nie in Dottikon ankam. Er landete stattdessen in den über Fischer angelegten Untersuchungsakten und liegt heute im Bundesarchiv in Bern.

Fischer wollte seiner Frau schildern, mit welcher Begeisterung die Spanienkämpfer empfangen worden waren: «unter Gesang der Internationale». Und er wollte sich bei seiner Frau auch dafür entschuldigen, dass er sie nicht über seine Absichten ins Bild gesetzt hatte: «Bestimmt hättest du der Polizei, wenn sie gefragt hätte, ob Du von meinem Plan gewusst hättest, gesagt Ja u. dann hätte man Dich geschwächt. Begreife mich also u. weine nicht nach mir. Es geht mir gut u. noch nie war ich so glücklich. Ich bleibe Dir treu u. vergesse auch nicht, dass ich verheiratet bin.» Der Brief ist mit dem letzten Gruss von «Charli» unterschrieben: «Ich küsse Dich, küsse mir die kl. Kinder.»

Tochter erhielt den Brief ihres Vaters mit 77 Jahren

Fischers Brief wurde damals von der Polizei abgefangen. Sie war vorgewarnt. Denn Fischer hatte seinem Freund, dem Maler und Sozialisten Rinaldo Campi, vor seiner Abreise nach Spanien eine Postkarte mit dem unfreiwillig prophetisch anmutenden Text «Mein letzter Gruss, Charles» geschrieben. So kam es, dass Fischers Brief erst vor zehn Jahren wieder zum Vorschein kam, als die Schweizer Spanienfahrer posthum rehabilitiert und ihre Haftstrafen formell aufgehoben wurden. Fischers Tochter Charlotte Schärer-Fischer sah den Brief, damals 77-jährig, 2010 zum ersten Mal, ihre Mutter war hingegen schon 1985 gestorben.

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