Vier Meter hoch

Eine Mauer, die für Lacher und Diskussionen sorgt – mitten in Sarmenstorf

Die ominöse Mauer in Sarmenstorf.

Die ominöse Mauer in Sarmenstorf.

Eine vier Meter hohe Mauer hält mitten in Sarmenstorf seit Jahrzehnten eisern die Stellung und gibt regelmässig Anlass, zu diskutieren.

Sie hat viel erlebt, die Mauer. Einst war sie die ostseitige Stirnwand des legendären Sarmenstorfer «Adler»-Saals, der vor rund 40 Jahren abgebrochen worden ist. In diesem Saal, unter dem sich die alten Stallungen des Bauernhofs befanden, der früher zum Traditionsgasthof gehörte, hat sich ein grosser Teil des damaligen Kulturlebens abgespielt. Das Jahreskonzert der Musikgesellschaft hat dort ebenso regelmässig stattgefunden wie die legendären Maskenbälle der beiden einheimischen Fasnachtsgesellschaften Variété (die etwas ältere) und Heuröpfelzunft (die leicht jüngere) und der Musikgesellschaft.

Es war eng dort, an der Fasnacht. Und, anders als an den heutigen Bällen, wurde damals nicht nur gefeiert, sondern vor allem getanzt. So unbändig, dass sich im wahrsten Sinne des Wortes die Balken bogen. «Adler»-Wirts Rüedu, dessen Pferd normalerweise im Stall unter dem Saal unterbracht war, hat seinen Gaul vor der Fasnacht jeweils vorsichtshalber gezügelt, weil er befürchtete, die Decke über dem Stall könnte beim nächsten wilden Fasnachtsball noch einbrechen.

Es ist alles gut gegangen. Der Saalboden hat sich zwar mit den Jahren beim Tanzen immer mehr bewegt. So stark, dass die vielen Bier-, Wein- und die zu jener Zeit noch deutlich selteneren Mineralwassergläser munter im Takt der Tänzerinnen und Tänzer mitgeschwungen haben. Doch der «Adler»-Saal hat es ausgehalten. Auch Bucher Walters in den Stallungen parkiertes Töffli blieb unversehrt. Der Saal ist erst wenige Monate nach seinem Tod abgebrochen worden.

Zurück zur Mauer: S’Vogelsange Bärti, also der Albert, dessen Liegenschaft an jene vom Gasthof Adler grenzte, hatte das Recht, an der ostseitigen Stirnwand des Saals einen gedeckten Unterstand zu bauen, um dort Material für sein Baugeschäft zu lagern. Dieses Recht ist offenbar auch nicht erloschen, als es dem Saal definitiv an den Kragen gegangen ist. Bodeneben gemacht wurden nur die beiden Seitenwände, das Dach und die Stallungen. Die beiden Stirnwände hingegen sind stehen geblieben. Die Westliche, weil sie Teil des nach wie vor bestehenden Restauranttrakts ist, die Östliche, weil s’Vogelsange Bärtis Schopf ohne Rückwand in sich zusammengefallen wäre.

Weil s’Vogelsange Bärtis Baugeschäftsareal einen neuen Besitzer gefunden hat und dort eine Überbauung realisiert wird, ist der legendäre Schopf inzwischen doch verschwunden. Aber die Mauer steht immer noch. Das, weil sie zwar zum «Adler»-Areal gehört, aber für das Nachbar-Areal ein Nutzungsrecht besteht. Darum hat sich bisher niemand getraut, das vier Meter hohe Prunkstück abzubrechen.

Sie ist jetzt ganz nackt, die Mauer. Und sie bewegt die Sarmenstorfer Gemüter. «Wer hatte eigentlich die glorreiche Idee für diese vier Meter hohe Mauer beim ‹Adler› unten?», fragte ein Bürger an der kürzlich stattgefundenen Gemeindeversammlung. Er konnte sich dabei kaum halten vor Lachen. Das anwesende Stimmvolk lachte mit und der Gemeindeammann reagierte leicht genervt. Denn der Gemeinderat hat zurzeit andere Sorgen, als eine nackte Mauer. Zum Beispiel muss er sich überlegen, wie er den Bürgerinnen und Bürgern an einer nächsten Gmeind eine abgespeckte Variante zur Sanierung des Lindenplatzes verkaufen soll. Doch das ist eine andere Geschichte.

Nun, haben wir erfahren, dass die Mauer nicht mehr lange nackt bleiben soll. Ihr neuer Besitzer will dort ostseitig offenbar wieder ein Dächli anbauen. Darunter sollen die Kehrichtcontainer für die neue Überbauung untergebracht werden. Die ehemalige Mauer von «Adler»-Saal und Vogelsange Bärtis Schöpfli erhält als Wetterschutz doch noch eine neue sinnvolle Funktion. Freuen werden sich darüber wohl auch die Bewohnerinnen und Bewohner der «Adler»-Wohnüberbauung im Westen. Wo sonst sollten sie denn ihre Parkplatz-Reservationstäfeli anbringen, wenn nicht an der Mauer?

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