Villmergen
Erfolgsgeschichte: Nach mageren Jahren ist die Pizzeria Toscana erfolgreich – und baut aus

In Zeiten des Beizensterbens vergrössert Mehmet Ilengiz seine Pizzeria Toscana in Villmergen. Im Januar ist die Eröffnung. Die Geschichte eines ehemaligen Asylsuchenden, der sich zum Chef eines gut frequentierten Lokals hochgearbeitet hat.

Andrea Weibel
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Mehmet Ilengiz strahlt, denn in den Räumen an der Unterdorfstrasse 4, wo bisher Kleider verkauft wurden, baut er seine Pizzeria Toscana weiter aus.

Mehmet Ilengiz strahlt, denn in den Räumen an der Unterdorfstrasse 4, wo bisher Kleider verkauft wurden, baut er seine Pizzeria Toscana weiter aus.

Andrea Weibel

Ein Türke, dessen Italienisch besser ist als sein Schweizerdeutsch, will in Villmergen eine Pizzeria übernehmen? Es gab viel Kopfschütteln im Dorf, als Mehmet Ilengiz, der nicht einmal ein Wirtepatent oder eine offizielle Ausbildung im Gastgewerbe vorweisen konnte, 2012 die Pizzeria Toscana übernahm. Das Lokal lief nicht gut und Beizen haben es generell nicht leicht. Wie sollte er da Erfolg haben? Doch er schaffte es eben doch: Statt nach kürzester Zeit zu schliessen, baut Mehmet Ilengiz derzeit sein Lokal aus. Als der Kleiderladen nebenan schloss, weil die Inhaberin in Pension ging, sah er seine Chance und erweitert die Pizzeria nun um etwa 40 auf 100 Plätze. Dazu kommt eine neue Küche mit Gas- statt elektrischem Herd sowie ein zweiter Pizzaofen, durch den er auch die Hauslieferungen ausbauen kann. Gesamtbudget: 400'000 Franken. Für all das brauchts natürlich mehr Personal: Von derzeit 7 soll der Betrieb auf 13 Mitarbeiter anwachsen.

Vom Asylsuchenden zum Chef

Mehmet Ilengiz hat es geschafft. Sein Lokal läuft sehr gut. Heute bekommt man abends quasi nur noch mit einer Reservation überhaupt einen Platz, und Bankette hat er ebenfalls beinahe täglich, oft sogar zwei pro Tag. Doch dafür musste und muss der Türke sehr viel tun. Dabei klingt seine Geschichte wie ein Märchen. «Ich stamme aus Kurdistan, dem Grenzland zu Syrien. Wir wurden dort als Menschen zweiter Klasse behandelt und hatten keine Zukunft. Darum bin ich 1990 mit meiner Familie in die Schweiz geflüchtet, obwohl wir nicht arm waren.» Als Asylsuchender wohnte er erst im Tessin, wo er schon bald erste Jobs im Gastgewerbe annahm. «Mir war es wichtig, dass ich arbeiten und viel lernen konnte», erinnert sich der heute 45-Jährige. «Und ich fand immer gute Menschen, die mir das Handwerk beigebracht haben.»

Später arbeitete er für die grosse Schweizer Restaurantkette Bindella, wo er als eine Art Troubleshooter eingesetzt wurde, um verschiedene Restaurants, die schlecht liefen, wieder auf Vordermann zu bringen. «Ich habe dort unglaublich viel gelernt und konnte auch selber viel Wissen weitergeben. Aber irgendwann, als ich immer in der ganzen Schweiz unterwegs war, wurde es mir und auch meiner Frau und unseren zwei Kindern zu viel», sagt er. Das Paar entschied sich, selber ein Restaurant zu führen, und verliebte sich in die kleine Pizzeria in Villmergen.

«Kundenkontakt ist wichtig»

Doch diese lief nicht allzu gut, als Ilengiz sie zum ersten Mal sah. «Drei Monate war ich jeden Tag in Villmergen, ass in den Restaurants, sprach mit den Leuten und fand heraus, warum die Pizzeria nicht lief: Man ging zu wenig auf die Leute ein.» Heute bietet er neben hausgemachten Pizzen und Teigwaren immer neue Saisonspezialitäten an, die Kunden aus der ganzen Schweiz anlocken. Und auch aus dem Dorf: «Ich fühle mich wirklich als Villmerger, die Leute kennen und mögen mich, sogar die Kinder grüssen mich, das gibt mir enorm viel.»

Was Ilengiz aber ebenso wichtig ist wie sein Erfolg: «Ich möchte etwas zurückgeben.» Er sponsert nicht nur lokale Sportvereine, sondern engagiert sich auch sozial: «Ein Asylbewerber aus Afghanistan half mir einmal beim Umzug. Dann bat er mich um Arbeit. Ich half ihm mit den Formalitäten für eine Arbeitsbewilligung, und als er bei mir anfing, lernte er so viel, dass er heute, Jahre später, Küchenchef bei mir ist.» Nach dem Umbau will Ilengiz nun das Wirtepatent nachholen, dann führt er das «Toscana» endlich auch offiziell selber.

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