Boswil

Es war einmal in einem kleinen Weiler im Jura: Heute vermisst sie ihr Daheim

Heidi Zimmermann, 72, strickt ein Kinderpullöverli zu Weihnachten.

Heidi Zimmermann, 72, strickt ein Kinderpullöverli zu Weihnachten.

Heidi Zimmermann, 72, aus Waltenschwil berichtet von Strohschuhen, Fünflibern, Glöggli und Wunderkerzli.

Heidi Zimmermann sitzt in ihrem Zimmer im Alterszen­trum Solino in Boswil und strickt. Sie möchte noch vor Weihnachten mit dem schneeweissen Kinderpullöverchen fertig werden. Zum Stricken kommt sie immer nur morgens, am Nachmittag geht sie jassen.

«Mir geht es gut hier», sagt sie nickend. «Auch wenn ich unser Haus, den grossen Garten mit den Teichen und die Katzen eben schon vermisse.» Sie ist seit etwa eineinhalb Jahren im Solino, in dem auch ihr Mann Hugo seit fünf Jahren lebt, im Zimmer genau zwei Stockwerke unter ihrem.

Die 72-Jährige hat fast ihr ganzes Leben in Waltenschwil verbracht. Doch eigentlich stammt sie aus dem Kanton Jura, einem Weiler mit drei bis vier Häusern direkt an der Grenze zu Frankreich. Sie erinnert sich nur noch an zwei der Häuser und an eines ennet der Grenze, wo ihr Vater jeweils aushalf. «Dort musste man das Wasser noch von Hand pumpen», weiss sie noch.

Schlüüfferli und ein Pärli Strohschuhe

Sie erinnert sich gut an die Weihnachten im Jura. «Meine Mutter machte immer einen ganzen Korb voller Schlüüfferli, ein spezielles Gebäck, das eigentlich aus dem Kanton Bern kommt, denn meine Mutter ist im Emmental aufgewachsen. Auch ich habe später immer Schlüüfferli zu Weihnachten gebacken.»

Das kleine Heidi musste jeweils am Heiligabend schon um 8 Uhr ins Bett. «Dann schmückten meine Eltern den Baum, und wenn sie mich um Mitternacht wieder aufweckten, war alles zum Fest bereit», erzählt die heute 72-Jährige, die als Einzelkind aufgewachsen ist.

«Meine Eltern luden immer meine Tante und meine Grosseltern dazu ein. Meine Tante war eine ganz spezielle Frau.» Zum Essen habe es immer etwas gegeben, das sie unter dem Jahr nie hatten: «Zum Beispiel Braten mit Kartoffelstock», weiss Zimmermann noch.

Anziehsachen wurden oft verschenkt

Auch an den Baum kann sie sich noch gut erinnern: «Da waren Glöggli und Vögeli dran. Kleine Kugeln hatte meine Mutter sehr viele. Einige etwas grössere waren mit Glimmer umrandet und hatten wunderschöne Muster, ganz anders als heute.»

Lange hat Heidi Zimmermann diese hübschen Kugeln aufbewahrt, bis sie eines Tages nachschaute und entdeckte, dass jemand etwas Schweres daraufgestellt und alle zerbrochen hatte. «Das war sehr schade, ich hänge halt an den alten Sachen», sagt sie noch heute traurig.

Als Geschenke gab’s damals meistens Anziehsachen. «Ich bekam Strümpfe von der Grossmutter und auch Strohfinken, die sie selber gemacht hatte. Sie besorgte sich immer das schönste Stroh dafür und zöpfelte es. Innen waren sie mit blauem Stoff gefüttert, vermutlich mit Stoffresten, die sie noch gehabt hatte.

Die waren wunderbar bequem.» Von ihrem Götti erhielt sie jedes Jahr einen Lebkuchen und zwei Fünfliber. «Den Lebkuchen teilten wir uns. Aber die Fünfliber sah ich nur, als sie ankamen, danach waren sie dann immer einfach weg», sagt sie schulterzuckend.

Sie lernte ihren Hugo zweimal kennen

Später zügelte Heidi Zimmermann mit ihren Eltern an den Greyerzersee, wo sie schon als ganz kleines Mädchen der Mutter beim Torbenstechen half. Und danach kam die Familie ins Freiamt, erst in die Fohlenweide in Bremgarten, danach nach Waltenschwil.

«Wir wohnten nicht weit von der Familie Zimmermann, wo mein Vater oft aushalf, zum Beispiel beim ‹Hördöpfle› oder dergleichen. Da lernte ich bereits meinen späteren Mann Hugo, den Sohn der Familie, kennen.» Doch dann wurde sie zu ihren Grosseltern in den Jura zurückgeschickt, denn «in der Schule klappte es gar nicht».

Das Mädchen war in französischsprachigen Gebieten aufgewachsen. «In einem Diktat von einer halben Seite hatte ich 98 Fehler», erzählt sie heute lachend. «Ich hätte nie gedacht, dass ich Hugo Zimmermann irgendwann wiedersehen würde.»

Schon mit 23 Jahren war sie verheiratet und Mutter

Doch es kam anders. Nach der Schule zügelte Heidi wieder vom Jura zu ihren Eltern nach Waltenschwil. Und dort nahm die Liebe ihren Lauf: Schon mit 23 Jahren war sie verheiratet und Mutter von vier Kindern, die ihr bis heute acht Enkel und einen Urenkel geschenkt haben.

«An der Gründlistrasse, direkt neben dem Haus meiner Schwiegereltern, haben wir selber gebaut. Dort hatten wir einen grossen Garten, zeitweise hatte ich 29 Gartenbeete», ist sie stolz. «Dort haben wir 45 Jahre gewohnt.» Letzteres sagt sie mit belegter Stimme, denn sie vermisst ihr Daheim. «Aber ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Mir geht es gut.»

Ihr ganzes Leben lang hat sie viel gemacht, war gelernte Fotolaborantin, hat in Heimarbeit für die Stroh- und die Elektroindustrie gearbeitet und später 22 Jahre im Waltenschwiler Kartbahn- Restaurant vom Service über die Küche bis zur Buchhaltung überall gearbeitet.

Guetzli und Kerzli im Bannwald

Mit ihrem Mann und den Kindern war Weihnachten ebenfalls immer schön. «Ich habe huufe, huufe Guetzli gemacht. Und Züpfe. Den Weihnachtsbaum haben wir immer mit den Kindern zusammen geschmückt. Sie mochten ihn am liebsten bunt, aber manchmal haben wir ihn auch blau-silbern oder rot-silbern geschmückt.»

Sie hatte auch zwei oder drei ganz grosse Kugeln, «die haben mir sehr gefallen». Von den alten Sachen kam nie etwas an den Baum, «das war zu schade». Nur ein Glöggli hat sie jeweils aufgehängt, «daran hatten die Katzen ihre Freude». Von den Katzen hatte sie bis zu 24 Stück, jede kannte sie beim Namen.

Zum Essen gab es zu Weihnachten mit Mann und Kindern jeweils Speck und Bohnen, eine Bernerplatte oder auch Braten und Kartoffelstock mit Gemüse. «Etwas Spezielles, was wir alle gern hatten», sagt Zimmermann. Danach gab es die Geschenke.

Nach der Bescherung spazierte die Familie

«Einmal hatten wir 65 Geschenke unter dem Baum, das war eindeutig zu viel.» Heidi Zimmermann hat immer erst in die Päckli hineingeschaut, bevor sie unter den Baum kamen. «Manche unserer Verwandten, die den Kindern etwas schenkten, hatten selber keine Kinder und wussten nicht genau, was passend wäre. Da habe ich einige Geschenke für spätere Feiern aufgehoben.»

Nach dem Essen und der Bescherung spazierte die Familie in den nahen Bannwald und zündete dort Kerzli an einem Baum an. Heidi Zimmermann hat Tränen in den Augen, als sie davon erzählt. Auch Wunderkerzchen durften die Kinder draussen anzünden.

«Aber nur so lange, bis die Kerzen zum ersten Mal Löcher in die Pullover brannten, danach gab es die nicht mehr», lacht die 72-Jährige. «Zum Dessert gab es dann meistens Glace, Guetzli durften natürlich nicht fehlen, und immer gab es auch die traditionellen Schlüüfferli.»

Weihnachtsabend in diesem Jahr nur zu zweit

Dieses Jahr möchte sie Weihnachten am liebsten mit ihrem Mann Hugo zu zweit im Zimmer verbringen. «Im Solino gibt es gutes Essen und sicher auch wieder ein Krippenspiel oder etwas Ähnliches. Aber am liebsten würde ich mit Hugo feiern.

Wir hatten nicht nur gute Zeiten, aber er war ein guter Mann und ein guter Vater für die Kinder. Ich habe ihn auch jetzt noch gern», sagt die Krebspatientin und wischt sich eine Träne weg.

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