Widen

Ex-Finanzchef verurteilt: Er muss ein Jahr ins Gefängnis und trägt die Kosten von 375'000 Franken

Viertelmillion unterschlagen: Ex-Finanzminister von Widen vor Gericht

Viertelmillion unterschlagen: Ex-Finanzminister von Widen vor Gericht

Es ist zum grössten Teil purer Zufall, dass er heute vor Gericht stand: Der ehemalige Finanzverwalter von Widen steckte unbemerkt mindestens eine Viertelmillion in die eigene Tasche. Ein eher stümperhafter Fehler wurde ihm schliesslich zum Verhängnis.

Der Ex-Finanzverwalter von Widen hat über 300'000 Franken aus der Gemeindekasse für sich abgezweigt. Das Bezirksgericht bestraft ihn mit einer Freiheitsstrafe und einer Geldstrafe.

Es ist die Gretchen-Frage, die angesichts der Umstände bei vielen solchen Fällen in der Luft liegt. Auch für Gerichtspräsident Peter Thurnherr. «Können Sie nicht mit Geld umgehen?», wollte er vom Angeklagten simpel erfahren. Für den ehemaligen Finanzverwalter der Gemeinde Widen ist aber klar, dass «das nicht zutrifft». Unbestrittenermassen bewiesen ist allerdings die Tatsache, dass er zwischen 2008 und 2015 total rund 309'000 Franken aus der Gemeindekasse in seine eigene Tasche abgezweigt hat.

Deshalb musste er sich gestern vor dem Bezirksgericht Bremgarten verantworten. Die Staatsanwaltschaft und die Gemeinde Widen als Zivil- und Strafklägerin warfen u.a. mehrfache Veruntreuung, Urkundenfälschung und mehrfache ungetreue Geschäftsbesorgung mit Bereicherungsabsicht vor. Als Strafmass wurden 3,5 Jahre Freiheitsstrafe beantragt. Insgesamt ging es um 42 Vermögensverschiebungen und 189 Urkundenfälschungen.

Nur ein Zufallsfund brachte den Fall ins Rollen

Eigentlich genoss der Geständige in seiner Funktion als Finanzverwalter das Vertrauen der Gemeinde Widen, für die er bis April 2017 fast 22 Jahre tätig war.  Die Untersuchung ins Rollen brachte im Spätsommer 2017 nach dessen Abgang nur ein Zufallsfund. Der Beleg des ersten Delikts lag – wohl von ihm vergessen – noch im Personaldossier. Widen reichte nach weiteren Abklärungen Anzeige ein, während der Beschuldigte gleichzeitig als Gemeindeammann kandidierte. «War das nicht etwas unverfroren?», fragte Thurnherr. Der Angesprochene ging nicht gross darauf ein: «Ich wollte der Gemeinde etwas zurückgeben.»

Das private Unheil des Angeklagten begann aber schon in den Neunzigerjahren, wo er sich bei einer Firma im Verwaltungsrat beteiligte, die später in Liquidation geriet. «Ich hatte grosse finanzielle Probleme und zahlte Rechnungen der Firma oder Löhne aus dem eigenen Sack. Ich brauchte mein ganzes Vermögen auf und nahm zusätzlich eine Bürgschaft auf», erklärt er. Seine finanzielle Situation verschlechterte sich trotz hohem Lohn fortlaufend, hinzu kamen Steuerschulden und Familiengründung mit zwei Kindern. «Ich wusste nicht mehr, wie ich alles bezahlen sollte.»

In seiner vermeintlich ausweglosen Lage beging er im Oktober 2008 das erste und betragsmässig grösste Delikt, als er sich eine Steuerrückerstattung von rund 120'000 Franken überwies. Mit dieser Summe kaufte er sich Aktien, von denen er sich einen Vermögenszuwachs erhoffte. Im Zuge der Finanzkrise 2008 ging dies aber deutlich schief. Seine finanziellen Probleme blieben. Irritierend wirkt im Kontext die Aussage, dass er das Geld nur kurzfristig verwenden wollte, im Laufe der Jahre aber ein Haus in Widen oder ein teures Auto kaufte und zudem grosse Landgebiete in Indonesien besass.

Das Vorgehen bei seinen Taten war laut Staatsanwaltschaft perfid. «Er hat alle Möglichkeiten ausgenutzt, um die Gelder abzuzweigen und seine Taten zu vertuschen. Die Deliktsumme ist erheblich und es passierte über einen sehr langen Zeitraum immer wieder», hielt Staatsanwalt Karl Knopf fest. Der Beschuldigte fälschte Rechnungen und Zahlungsbelege oder entfernte Gutschriftsanzeigen. Die Zahlungen, für die jeweils ein zweites Visum nötig war, löste er teilweise dadurch aus, indem er sich Passwörter von Mitarbeitenden beschaffte.

Die Verteidigung anerkannte zwar dessen Schuld, hielt aber fest, dass sich der Beschuldigte kein ausschweifendes Leben leistete. Bei 30 der 42 Delikte sei die Summe unter 5000 Franken gelegen, zudem stelle sich bald die Frage nach der Verjährung. Angesichts des ansonsten tadellosen Leumunds forderte sie lediglich eine Bestrafung in der Höhe von 10 Monaten bedingt mit zweijähriger Bewährung. Ersatzrückzahlungen in Widens Gemeindekasse hat er trotz neuem gut bezahlten Job noch nicht getätigt.

Diese Tatsache wirkte auf das Gericht bei der Urteilsverkündung deshalb befremdlich. Thurnherr: «Es spricht nicht für Sie, dass Sie seit Jahren wissen, dass Sie der Gemeinde Widen 309'000 Franken schulden und noch keinen Rappen zurückzahlten. Sie hatten keine finanzielle Notlage, sondern gaben einfach zuviel Geld aus.» Das Gericht sprach den Ex-Finanzverwalter wegen mehrfacher Urkundenfälschung und gewerbsmässigem Missbrauch einer Datenverarbeitungsanlage schuldig, aber nicht der Veruntreuung. Er kassiert 36 Monate Freiheitsstrafe teilbedingt, wovon 24 Monate bedingt mit einer dreijährigen Bewährungszeit ausgesetzt sind. Abzusitzen sind deshalb nur zwölf Monate.

Hinzu kommen eine bedingte Geldstrafe von 36'000 Franken sowie die Zahlung der Untersuchungskosten der Gemeinde Widen über rund 30'000 Franken und die Ersatzforderung in der Höhe des Delikts von 309'000 Franken an den Kanton. Dieser Betrag dürfte aller Voraussicht nach an die Gemeinde abgetreten werden, womit dem Steuerzahler kein Schaden entsteht. Staatsanwalt Knopf ist mit dem Urteil «grundsätzlich zufrieden». Ob der Verurteilte das Urteil anficht und weiterzieht, ist noch offen.

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