Bezirksgericht Kulm

Fast ein Fall Carlos: «Wenn Sie wollen, kann ich Sie auch umbringen»

Fast wie "Carlos": Der verurteilte Aargauer ist im Massnahmenzentrum in Uitikon ZH untergebracht.

Fast wie "Carlos": Der verurteilte Aargauer ist im Massnahmenzentrum in Uitikon ZH untergebracht.

Ein 20-jähriger Aargauer ist im gleichen Massnahmenzentrum untergebracht wie der berüchtigte Carlos, der wegen seiner Sonderbehandlung auf Staatskosten Schlagzeilen machte. Auch er hat sich immer wieder strafbar gemacht und stand nun vor dem Strafgericht Kulm.

Mit Bomberjacke und Baseballmütze, in Handschellen und Fussfesseln kam William (Namen geändert) nach Unterkulm. Ein Kantonspolizist brachte ihn vom Massnahmenzentrum im zürcherischen Uitikon-Waldegg hierher. Das Zentrum für jugendliche Straftäter war in den letzten Jahren wegen des Falls «Carlos» bekannt geworden. Der junge Straftäter machte wegen seiner teuren Sonderbehandlung auf Staatskosten Schlagzeilen.

Williams Straftaten erinnern an den Fall, er bekommt aber kein «Sondersetting». Er lebt seit dem letzten Dezember in Uitikon. Der 20-Jährige ist im Aargau geboren und aufgewachsen, er spricht akzentfrei Schweizerdeutsch. Sein Vater allerdings stammt aus der Karibik, ist dunkelhäutig und spricht mit englischem Akzent. Das habe immer wieder zu rassistischen Bemerkungen geführt, wie William vor dem Bezirksgericht sagte. Bis es William einmal zu viel wurde: Sein Bekannter Fabian filmte seinen Vater mit dem Smartphone im Zug und machte sich lustig über ihn. Als William das erfuhr, wollte er Fabian eine Lehre erteilen. Er bestellte ihn zu einem Bahnhof im Wynental für eine Aussprache.

«Vollgas, wirklich Vollgas»

Als Fabian kam und zu einer Entschuldigung ansetzte, schlug William unvermittelt zu – und zwar «Vollgas, wirklich Vollgas» mit der Faust ins Gesicht, wie er später selbst zu Protokoll gab. Fabian ging zu Boden und blieb auf den Schienen liegen. Als William sah, dass er «nur leicht blutete», trat er ihm noch einmal mit dem Fuss ins Gesicht. Dann drückte er seine Zigarette auf Fabians Wange aus und spuckte ihn an. Er drohte ihm, so etwas nie wieder zu tun. Zudem verlangte er 200 Franken, weil Fabians Blut seine Schuhe verschmutzt hätte.
Fabian erlitt neben der Brandverletzung durch die Zigarette unter anderem einen Gesichtsschädelbruch, einen Kiefernbruch und eine Hirnerschütterung.

Die Folgen waren neben starken Schmerzen eine Zahnfehlstellung und eine Sehstörung, die bis heute anhält. Als Fabian noch am Boden lag, drohte ihm William, ihn umzubringen. Und etwas später schrieb er ihm über Whatsapp: «Du weisch, ich lauf dir shono über de weg». Als William drauflos prügelte, war er in der Probezeit einer früheren, bedingt ausgesprochenen Strafe wegen Raufhandels. Zudem fuhr er immer wieder schwarz und gab bei fünf Billettkontrollen die Personalien eines Schulfreundes an. Einmal drohte er einem Kontrolleur Schläge an und sagte: «Ich kann Sie auch umbringen, wenn Sie wollen.»

Psychologen mit Tod bedroht

Immer wieder konsumierte William Marihuana und Ecstasy. Er verstiess gegen das Waffengesetz, weil er verbotene Messer besass. Zwei Psychologen der Psychiatrischen Klinik Königsfelden drohte er, sie zu erschiessen und sich dann selbst umzubringen. Nach Königsfelden war er selbst gekommen, um sich wegen seiner Drogensucht behandeln zu lassen.

Die Liste der angeklagten Straftaten war lang: versuchte schwere Körperverletzung, versuchte räuberische Erpressung, Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte etc. Das fünfköpfige Strafgericht des Bezirksgerichts Kulm befragte William in der Verhandlung zu seinem Werdegang. Gerichtspräsidentin Yvonne Thöny Fäs fragte, was er denn für eine Kindheit und für ein Verhältnis zu seinen Eltern gehabt habe. William verweigerte seine Aussage dazu.

Er bereue seine Taten heute, sagte William, und entschuldigte sich bei den anwesenden Klägern. Seit fast einem Jahr sei er abstinent von den Drogen. Er besuche im vorzeitigen Vollzug in Uitikon die Schule und arbeite in den Handwerksateliers. Er wolle dort eine Lehre als Automechaniker beginnen. Eine frühere Lehre hatte er abgebrochen – weil er noch nicht bereit gewesen sei für die Berufswelt und wegen rassistischer Vorfälle.

«Nicht entschuldbar»

Das Gericht glaubte William nicht, dass der Vorfall mit Fabian nur eine Kurzschlusshandlung gewesen sei. Es sprach ihn schuldig im Sinne der Anklage und verurteilte ihn zu drei Jahren unbedingter Freiheitsstrafe. Diese wird durch die stationäre Massnahme in Uitikon aufgeschoben. Dazu kommen eine Busse, eine Geldstrafe, die Gerichtskosten sowie eine Genugtuung von 7000 Franken an Fabian.

Diese Art von gewalttätiger Reaktion sei in keiner Art und Weise entschuldbar, sagte die Gerichtspräsidentin. Es sei William zu wünschen, dass er diese Chance nun nutze und es nicht wieder zu solchen Aggressionen komme.

(24.1.2017)

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