Folgen der Pandemie
Freiämter Psychiater Frank Marohn warnt: «Es kommt eine psychosoziale Katastrophe auf uns zu»

Er kennt die psychische Verfassung der Freiämter so gut wie kein Zweiter: Psychiater Frank Marohn blickt im Interview mit Sorge auf die Auswirkungen der Pandemie. Eine Suizidwelle könnte drohen.

Interview: Pascal Bruhin
Drucken
Teilen
«Ich bin ein Corona-Realist»: Psychiater Frank Marohn glaubt, dass die Gesellschaft mit dem Virus zu leben lernen muss.

«Ich bin ein Corona-Realist»: Psychiater Frank Marohn glaubt, dass die Gesellschaft mit dem Virus zu leben lernen muss.

Sandra Ardizzone

Geplant gewesen wäre dieses Interview bereits vor Weihnachten. Doch passend zum Thema machte uns eine Coronaerkrankung einen Strich durch die Rechnung. Frank Marohn, leitender Arzt des Ambulatoriums Freiamt der Psychiatrischen Dienste Aargau, bekam aber nicht nur die physischen Folgen des Virus zu spüren. Sorgen bereiten ihm die Auswirkungen der Pandemie auf die Psyche der Freiämterinnen und Freiämter.

Kurz vor Weihnachten litten Sie selbst an der Covid-Erkrankung. Wie geht es Ihnen heute?

Frank Marohn: Danke der Nachfrage. Mir geht es heute wieder gut. Ich habe die Krankheit glücklicherweise mit nur leichten Symptomen überstanden und – Stand heute – keine Langzeitfolgen davongetragen.

Zur psychischen Verfassung der Freiämter in der Coronakrise: Bereits im Vorgespräch sagten Sie, es kämen genau die Menschen jetzt zu Ihnen, die Sie erwartet hätten. Welche sind das?

Es ist tatsächlich so. Die Menschen, die jetzt Hilfe suchen, sind direkte Opfer der Coronakrise. Es sind Menschen, die noch im Frühling letzten Jahres von ihrem Chef in den Himmel gelobt und befördert wurden und jetzt ihren Job verloren haben. Oder Menschen, die sich eine eigene Firma aufgebaut haben, die jetzt vor dem Ruin steht. Natürlich leidet darunter auch die Psyche.

Wie viele Betroffene sind das? Und wie bewältigen Sie diesen Ansturm im Ambulatorium?

Seit Ausbruch der Coronapandemie verzeichnen wir 50 bis 70 Prozent mehr Neuanmeldungen. Das stellt uns vor Herausforderungen, wir kämpfen mit Personalengpässen. Dies war allerdings schon vor der Pandemie der Fall. Trotzdem versuchen wir, wenn immer möglich, innerhalb von zwei bis vier Wochen einen Ersttermin anbieten zu können. Akute Notfälle müssen wir jedoch direkt an die Klinik in Königsfelden verweisen.

Sie sagen, Existenzängste sind ein grosses Thema. Gibt es weitere?

Natürlich gibt es auch Patienten, die einen geliebten Menschen verloren haben und trauern. Man darf nicht vergessen, dass Corona auch die Angehörigen buchstäblich aus dem Leben reisst. Des Weiteren führen die Massnahmen wie Homeoffice vermehrt zu Konflikten innerhalb der Familie, die zu eskalieren drohen. Zudem fallen Menschen, die schon zuvor an psychischen Beeinträchtigungen litten, vermehrt in diese zurück.

Hat sich das Gros der Patienten denn in der Pandemie verändert?

Grundsätzlich nein. Neu kommen aber auch strukturell gesündere Menschen zu uns, also Menschen, die vor der Pandemie mitten im Leben standen, beruflich und privat erfolgreich waren. Diese Menschen haben keine depressiv gefärbten, sondern reale Ängste.

Wie können Sie diesen Menschen aus psychiatrischer Sicht helfen?

Wir können keine Toten wieder lebendig machen, auch keine Jobs oder Geschäfte retten. Aber wir Psychiater und Psychotherapeuten können durch Gespräche und auch durch den gezielten Einsatz von pflanzlichen oder chemischen Medikamenten Symptome lindern und die Selbstheilungskräfte der Patienten aktivieren.

Den Titel dieses Interviews, «Es kommt eine psychosoziale Katastrophe auf uns zu», haben Sie sich gewünscht. Wie meinen Sie das?

Ganz klar: Die Massnahmen gegen die Pandemie zerstören viele Existenzen. Menschen werden in den finanziellen Ruin getrieben, Familien brechen auseinander. Die langfristigen Konsequenzen davon können wir heute noch nicht abschätzen.

Zur Person Frank Marohn ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Seit über 15 Jahren ist der gebürtige Münchner leitender Arzt am Ambulatorium Freiamt der Psychiatrischen Dienste AG (PDAG). Gemeinsam mit seiner Partnerin und den zwei Töchtern wohnt er in der Nähe von Aarau. (pbr)

Zur Person Frank Marohn ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Seit über 15 Jahren ist der gebürtige Münchner leitender Arzt am Ambulatorium Freiamt der Psychiatrischen Dienste AG (PDAG). Gemeinsam mit seiner Partnerin und den zwei Töchtern wohnt er in der Nähe von Aarau. (pbr)

Sandra Ardizzone

Wie lief der Betrieb im Ambulatorium seit Beginn der Pandemie?

Unser Jahr war eigentlich fast wie immer. Als psychiatrischer Grundversorger waren wir jederzeit, auch im Lockdown, für unsere Patienten verfügbar. Das Ambulatorium hatte nie zu. Je nach Wunsch des Patienten oder der behandelnden Person wurden die Konsultationen jedoch per Internet oder Telefon durchgeführt.

Sehen Sie in der Pandemie denn auch positive Aspekte?

Keine Frage: Es sind grässliche Zeiten, in denen wir derzeit leben. Es sind aber auch Zeiten, die positive Veränderungen bringen können. Corona ist im Grunde ein verordneter Kurs zur Achtsamkeit. Er lehrt, sich an den kleinen Dingen zu freuen. Es kann eine Chance sein, das Tempo herunterzufahren und das schnelle, hektische Leben, die Überkonsumation für eine Zeit abzulegen. Langfristig glaube ich, dass wir als Gesellschaft daraus wieder lernen, für die kleinen Dinge dankbar zu sein. Hamsterkäufe im Frühling haben uns beispielsweise gezeigt, dass man nichts für selbstverständlich halten darf.

Die Pandemie belastet uns alle...

Das ist so. Wir sind in einer Situation, die das Leben von uns allen verändert. Man kann sich eigentlich auf nichts mehr freuen, keine Menschen mehr treffen, keine Ferien planen. Das Herdentier Mensch hat sich zu isolieren. Das Damoklesschwert der Coronapandemie schwebt über jedem von uns. Viele dachten, es gehe schneller vorbei. Die ständig wechselnden Regelungen, die «Salamitaktik» der Regierung, das Hin und Her zermürben zusätzlich. Und diese Ungewissheit verhindert auch jegliche Planungssicherheit. Das Tragische daran ist auch, dass kein Ende absehbar ist. Wir wissen schlicht nicht, wie lange wir noch durchbeissen müssen.

Ist die Suizidrate im Freiamt im Zuge der Pandemie bereits angestiegen?

Bislang merken wir bei uns am Ambulatorium zum Glück noch nichts davon. Aber es ist leider davon auszugehen, dass, je länger die Pandemie und die Massnahmen dagegen andauern, es zu einer Zunahme kommen wird. Doch diese Entwicklung wird wohl erst zeitverzögert eintreten.

Gehen Sie davon aus, dass sich die Psyche der Freiämter nach Beendigung der Pandemie und des Lockdowns rasch wieder erholt?

Zuerst einmal glaube ich nicht, dass die ganze Normalität so schnell zurückkehren wird, zumindest in den nächsten ein bis zwei Jahren. Ich bezeichne mich als Coronarealisten, nicht als Coronapaniker. Das Virus zum Verschwinden zu bringen, ist eine Illusion. Viren kommen wieder und sie mutieren. Es wird ein Covid-21, ein Covid-22 geben. Wir müssen lernen, mit der Situation zu leben. Das Verharmlosen der Pandemie nützt meiner Meinung nach nichts, das Katastrophisieren aber ebenso wenig. Die asiatischen Länder sind uns da im Umgang mit Pandemien, man erinnere sich beispielsweise an die Schweine- und die Vogelgrippe, um einiges an Erfahrung voraus.

Wie können wir die Pandemie psychisch gesund überstehen?

Mehr denn je müssen wir uns in diesen Zeiten überlegen, wo wir noch Energie tanken können. Wir müssen uns fragen: Was tut mir gut? Wichtig ist es auch, trotz aller Unsicherheiten, Pläne für die Zukunft zu schmieden. Ich persönlich habe mir beispielsweise vorgenommen, so bald wie möglich wieder Ferien zu buchen.

Trotz all der düsteren Aussichten wirken Sie optimistisch. Wie kommt das?

Als Psychiater wäre ich im falschen Beruf, wenn ich schwarzmalen würde. Es gehört zu meinem Beruf, Mut und Hoffnung zu verbreiten. Persönlich kann ich Ihnen sagen, ich habe mittlerweile zwei Drittel meines Lebens hinter mir und möchte keinen Tag des letzten Drittels vergeuden. Ich lebe nach dem Motto: «Gib jedem Tag die Chance, ein guter zu sein.»