Wenn am Motocross oberhalb des Schlosses Hilfikon jeden Frühling die Jubelrufe des Speakers die Motoren überdröhnen, während die Zuschauer ihr kühles Bier, eine Glace und dazu heisse Pommes frites geniessen, dann kann Max Küng strahlen. Denn dann weiss er, dass er alles richtig gemacht hat. Der in Villmergen aufgewachsene gelernte Elektromonteur ist seit 1982 für den gesamten Strom auf dem Crossgelände zuständig. Und das sind mehrere Kilometer Kabel, aber auch Wasserleitungen, die er in den letzten Tagen auf dem Crossgelände verlegt hat und schon nächste Woche wieder abbauen wird. «Bei vielen anderen Jobs kann man den Helfern sagen, was sie zu tun haben», sagt er. «Beim Strom muss jedoch alles vom Fachmann gemacht werden.» Darum hat er jedes Jahr Muskelkater, wenn er abends heimkommt. Aber er ist auch jedes Jahr glücklich, wenn alles rund läuft. Die Geschichten, die er in all den Jahren erlebt hat, kann man sich heute kaum mehr vorstellen.

Das Fräulein am Fernschreiber

Die Verhältnisse 1982 waren eine andere Welt. «Damals reichte ein etwa fingerdickes Stromkabel, das ich vom Reitstall unterhalb des Schlosshügels hinauf zum Gelände führte», erinnert er sich. «Wir brauchten ja kaum Strom.» Spannend war damals vor allem die Installation für die Presseleute, die nach jedem Rennen die Resultate in die Redaktionen übermittelten. «Dafür musste ich von der PTT jeweils vier Nummern freischalten lassen», weiss Küng noch. «Eine davon war die Motocross-Hauptnummer, zwei waren für die Journalisten reserviert und die vierte ging zum Fernschreiber.» Letzterer wurde von einem Fräulein bedient: Die Journalisten diktierten ihr die Resultate, sie produzierte mit einer Art Schreibmaschine einen Lochstreifen und telegrafierte so die Infos an die Redaktionen, selbst bis nach Übersee, wenn es internationale Rennen waren. «Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen», lacht Küng.

Später, als fast jedes Jahr WM-Läufe in Wohlen ausgetragen wurden, schickte das Schweizer Fernsehen jeweils eine ganze Crew von gut zehn Leuten, die von einem Lastwagenanhänger aus ihre Beiträge bearbeiteten und sendeten. «Für die musste ich vier eigene Telefonleitungen plus natürlich eine eigene Stromleitung hochziehen. Sie sagten, falls das Motocross keinen Strom mehr hätte, sollte das nicht heissen, dass auch sie nicht mehr senden konnten.»

Heute kontrollieren Spezialisten

Mit der Zeit kamen immer mehr Geräte hinzu, die Strom erforderten. «Mit der Leitung von 1982 hätte man vielleicht zwei Fritteusen betreiben können. Aber bald schon gab es für jedes Buffet einen eigenen Kühlwagen, die Lautsprecheranlage brauchte Strom, ebenso die Nachtbeleuchtung, die verschiedenen Aussteller und so weiter.» Noch immer ist Max Küng für den gesamten Strom und die Wasserversorgung zuständig, dazu auch noch für Funk und Lautsprecheranlagen. Aber heute kann er nicht mehr einfach Strom beim Nachbarhof abzapfen, sondern erhält diesen durch dicke Kabel von der Trafostation. «Bevor ich die Anlage in Betrieb nehmen darf, kommen ausserdem Spezialisten von den Gemeindewerken Villmergen vorbei und kontrollieren alles, denn heute sind sie dafür verantwortlich.»

Dabei seien auch die vielen Geräte und Kühlwagen viel sicherer geworden als früher. «Ich weiss noch, einmal habe ich einen Kühlwagen angehängt, bei dem scheinbar die Leitungen nicht mehr in Ordnung waren. Durch den Gummi der Pneus war er auch nicht geerdet. Als dann ein kleiner Junge hinaufkletterte und das Metall berührte, erhielt er einen elektrischen Schlag. Es ist ihm nichts passiert, er erschrak nur fürchterlich. Von da an habe ich sämtliche Kühlwagen immer erst genau kontrolliert und nötigenfalls geflickt. Und ich musste viele flicken.» Nickend fügt er an: «Ja, früher hats einem schon mal eins ‹gchrüselet›.»

Übernimmt sein Sohn bald?

Heute, in der Woche vor den Hauptrennen, hat Max Küng seine Hauptarbeit bereits erledigt. «Am Wochenende vor den Rennen findet ja das lizenzfreie Cross statt. Da muss der Strom natürlich bereit sein. Ich nehme mir jedes Jahr etwa drei Wochen frei für Auf- und Abbau. Während der Rennen bin ich dann auf Pikett.» Schon seit Jahren sagt er, er wolle das Amt abgeben. Nun ist er glücklich, dass sein Sohn Timon, ebenfalls gelernter Stromer, ihn unterstützt. «Ich hoffe, dass er mein Nachfolger wird», sagt Küng grinsend.