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Für diese Kabinen tickt der Zähler: Das sind die letzten 18 öffentlichen Telefone im Freiamt

Unweigerlich werden Erinnerungen wach, wenn man vor einer der letzten öffentlichen Telefonkabinen steht und noch einen Jahrgang mit 19 vorneweg hat. Aus dem Schullager konnte man damals bei akutem Heimweh die Eltern erreichen und aus dem Welschland die Kollegen daheim, um kurz mal wieder nach Herzenslust Dialekt zu sprechen. Aus der RS liess sich die Freundin via Publifon mit Liebesschwüren eindecken, bis die Glaswand der Kabine beschlug, oder wenn die Party einfach zu toll war und der letzte Bus schon lange weg, dann bewahrte einen nur der öffentliche Fernsprechapparat vor einer Nacht im Freien.

Heute zückt man sein Handy, wählt den Kontakt und die Sache ist erledigt. Das tun auch die Menschen, die in die Schweiz geflüchtet sind, um hier Asyl zu beantragen. Vorbei die Zeiten, als sich allabendlich Schlangen bildeten vor den Telefonkabinen der Bahnhöfe und Poststellen und die Leitungen nach Süden und Osten fast durchglühten. «Auch wir liessen unser Publifon noch stehen, weil wir dachten, es entspräche vielleicht einem Bedürfnis unserer ausländischen Mitbewohner», sagt Michael Schaeren, Gemeindeschreiber von Dottikon. «Aber Fakt ist, dass heute wirklich alle ein Handy haben.»

Geräte decken Kosten nicht

Die Gemeinde erhielt vor kurzem Post von der Swisscom. Darin wurden die Abschaltung und der Rückbau der letzten Publifone in der Schweiz per Juli/August 2019 angekündigt. Das betrifft alle Apparate mit einer 056er-Vorwahl. Im Freiamt sind das, neben demjenigen in Dottikon, drei in Wohlen, zwei in Muri und je einer in Villmergen, Hägglingen, Bremgarten, Rudolfstetten, Zufikon, Eggenwil, Oberlunkhofen, Merenschwand, Sarmenstorf, Bettwil, Auw und Waltenschwil.

Esther Hüsler vom Mediendienst der Swisscom AG belegt mit harten Zahlen, was der Blick in die verwaisten Telefonkabinen vermuten lässt: Von 2004 bis 2016 ist die Anzahl der Publifongespräche um 95 % zurückgegangen. Mehr als 1000 Kabinen blieben über Tage hinweg unbenutzt. Der grösste Teil der aktuell noch betriebenen Geräte arbeitet nicht mehr kostendeckend. Das sind rund 800 öffentliche und 700 private Publifone, die im Auftrag von Dritten, zum Beispiel in Hotels, Spitälern, Restaurants oder Schulen, betrieben werden. Vor rund 20 Jahren standen oder hingen in der ganzen Schweiz noch fast 60'000 Publifone. Der grösste Teil davon ist also bereits verschwunden. Auch politisch wurde dieser Entwicklungen Rechnung getragen: Der Bundesrat hat bestimmt, dass Publifone ab Januar 2018 nicht mehr Teil der Grundversorgung seien.

Gute Idee: Umnutzung

Der definitive Abriss der Telefonkabinen muss aber nicht sein. Die Standortvermieter, meist Gemeinden, können die Kabinen kostenlos übernehmen. In diesem Fall werden alle Rechte und Pflichten von der Swisscom auf den neuen Besitzer übertragen. In der Romandie etwa wurden dutzende ehemaliger Publifone zu Bücherschränken umfunktioniert, in denen die Bevölkerung Bücher austauscht. Begonnen hat damit Lausanne, wo heute acht Bücherschränke stehen. Die Idee dringt nun auch in die Deutschschweiz vor. Das Tessin nutzt die Publifone für Notfälle. Dort hängen in einigen Kabinen öffentliche Defibrillatoren. Die attraktiven Lagen der Publifone machen deren Standorte auch für kommerzielle Anbieter attraktiv, beispielsweise für Infotafeln, Verpflegungs- oder Kaffeeautomaten. Die Anwendung als gekühlte Paketbox, in der man Sendungen empfangen oder Gegenstände für jemanden hinterlegen kann, wird derzeit in Bülach erprobt. Die besten Vorschläge aus einem Ideenwettbewerb der Swisscom kann man sich unter der Adresse www.swisscom.ch/publifon anschauen.

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Autor

Christian Breitschmid

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