Freiamt
Gemeinden verkürzen die Öffnungszeiten im Wahllokal

Die meisten Stimmberechtigten setzen auf die Briefwahl. Das hat Folgen auf die Öffnungszeiten im Wahllokal.

Fabio Vonarburg
Drucken
Teilen
Urnengänger sind eine aussterbende Spezies. AGR

Urnengänger sind eine aussterbende Spezies. AGR

Keystone

Wo einst an Wahl- und Abstimmungstagen ein grosses Kommen und Gehen war, ist heute eine besinnliche Atmosphäre.

Die Rede ist vom Stimm- und Wahllokal, dem Zentrum der direkten Demokratie. Doch das war einmal.

Heute setzen die meisten Wähler auf den Brief. Stimmte im Freiamt 2003 noch jeder Fünfte an der Wahlurne ab, suchte 2015 nur noch jeder Zwanzigste ein Wahllokal auf. Die Briefwahl boomt, die Urne ist ausser Mode.

Ein Trend, dem man in Sarmenstorf und Villmergen Rechnung trägt. Beide Gemeinden haben auf dieses Jahr beschlossen, die Öffnungszeiten ihrer Wahllokale zu verkürzen. Sarmenstorf streicht die einstündige Öffnungszeit am Samstagabend, Villmergen verkürzt jene im Gemeindehaus um eine halbe Stunde und bietet im Ortsteil Hilfikon keine Stimmabgabe mehr an. Damit hat sich in beiden Gemeinden das Zeitfenster für den Urnengang halbiert.

Tendenz beobachtet

Der Gemeindeammann von Sarmenstorf begründet die Verkürzung mit dem abnehmenden Bedürfnis. Bruno Winkler: «Die Urnengänger wurden immer spärlicher und spärlicher, die briefliche Stimmabgabe nahm immer mehr zu.» So begann der Gemeinderat vor zwei Jahren, eine mögliche Verkürzung ins Auge zu fassen, führte dazu eine Erhebung durch, deren Ergebnis zum jetzigen Entscheid führte.

Die Statistik des kantonalen Wahlbüros bestätigt den Trend. Die az hat die Zahlen der letzten vier Nationalratswahlen für jede Freiämter Gemeinde ausgewertet (siehe Tabelle). Für Sarmenstorf ergab sich dabei folgendes Bild:

2003: 213 Sarmenstorfer legten ihre Stimme in eine Wahlurne, was über einem Drittel der Wähler entsprach.

2015: Nur noch 72 Wähler besuchten eine Wahlurne. Die grosse Mehrheit (92 Prozent) gab ihre Stimme auf dem brieflichen Weg ab.

Attraktiver dank Briefwahl

Der Ursprung der heutigen leeren Wahllokale liegt im Jahr 1993. Damals führte der Kanton Aargau die Briefwahl ein. Das Ziel: Das Abstimmen wieder attraktiver machen. Der damalige juristische Adjunkt beim Kanton Aargau, Martin Süss, sagte 1993 zur Schweizer Woche: «Eines der Motive, das Stimmen zu erleichtern, war, dass wir die Stimmbeteiligung anheben wollen.» Das Ziel wurde nur teilweise erreicht. Die Einführung der Briefwahl führte vor allem zu einer Verschiebung.

Vor allem kleine Gemeinden spüren, dass immer mehr Bürger lieber per Brief abstimmen, als am Sonntagmorgen zur Urne zu spazieren. Beispiel Dietwil: Hier können die Wahlhelfer am Morgen von Abstimmungs- oder Wahltagen nicht mit Sicherheit sagen, ob überhaupt jemand auftauchen wird.

Bei den letzten Nationalratswahlen gaben fast 400 Personen ihre Stimme ab, nur 10 davon an der Wahlurne. Gelangweilte Wahlhelfer in Dietwil? «Stimmenzähler sind zu dieser Zeit sowieso im Gemeindehaus», sagt Gemeindeammann Pius Wiss. «Es ist also nicht so, dass sie nur untätig herumstehen.» Die Gemeinde öffnet ihr Urnenlokal am Abstimmungstag nur während einer halben Stunde. Dies entspricht dem gesetzlichen Minimum auf Bundes- wie auf Kantonsebene.

«Überhaupt nicht sinnvoll»

Gemäss dem kantonalen Wahlbüro wäre es mit einer Gesetzesrevision möglich, die Stimmabgabe an der Urne in kantonalen und kommunalen Angelegenheiten abzuschaffen. «Das wäre aber überhaupt nicht sinnvoll, da ja meist gleichzeitig über kantonale/kommunale und eidgenössische Vorlagen abgestimmt wird», schreibt Franziska Gross, stellvertretende Leiterin des kantonalen Wahlbüros. Aus Sicht der Behörde müsste dieses Vorhaben darum eher vom Bund initiiert werden.

Im Kanton Aargau ist die Abschaffung derzeit folglich kein Thema. Gross: «Das Vorhaben, mit E-Voting den Stimmberechtigten einen dritten Stimmkanal anzubieten, steht gegenwärtig im Zentrum des Interesses.» Käme doch mal eine Gesetzesrevision, im Dietwiler Gemeinderat würde sie für Gesprächsstoff sorgen. Gemeindeammann Wiss: «Dann würden wir zumindest über die Abschaffung diskutieren.»

Viel ändern würde sich für die Wähler nicht. Bereits heute kann man am Sonntagmorgen, statt das Wahllokal zu betreten, das Wahl- und Abstimmungskuvert in den Briefkasten der Gemeinde werfen. Sei es aus Nostalgie oder Geselligkeit, einige ziehen die Urne dem Briefkasten vor.

Lesen Sie hier den Kommentar zum Thema.

Aktuelle Nachrichten