Wohlen

Grösster Schweizer Onlinehändler: Hier werden Kabel und Kameras verheiratet

An Spitzentagen verlassen 26'000 Pakete das Hauptlager von Digitec Galaxus – in Zukunft noch deutlich mehr.

Der grösste Onlinehändler der Schweiz, Digitec Galaxus, möchte in die Breite wachsen. Anstatt 80'000 Artikel sollen in naher Zukunft zwischen 200'000 und 300'000 verschiedene Artikel ständig an Lager sein, rund 1,5 Millionen Kabel, Laptops, Grills, Kameras und Sofas finden dank des Ausbaus in den Lagerhallen Platz. Trotz dieses enormen Angebots sind alle Bestellungen, die bis 17 Uhr eingehen, am nächsten Tag beim Kunden zu Hause. Wie ist das möglich?

Ein organisiertes Chaos

Auf einer Führung durch das um- und ausgebaute sowie modernisierte Lager in Wohlen zeigen Mitarbeiter, wie Bestellungen verarbeitet werden. Klickt der Kunde auf der Website auf den Bestell-Knopf, löst er einen komplexen Prozess aus: Das Lager ist aufgeteilt in kleine, mittlere und grosse Produkte. Kleine Produkte etwa Kabel liegen im sogenannten Pick-Tower. Das System ordnet die Lagerplätze selbstständig an. «Das nennt man eine ‹chaotische Lagerhaltung›», erklärt Michel Boha, Leiter Logistik. «Was häufig nachgefragt wird, wird an einem Ort verstaut, der schnell erreichbar ist.» «Verheiraten» heisst in der Logistiksprache der Vorgang, mit dem leere Lagerplätze vom Computer besetzt werden. Ohne Systemabfrage ist es praktisch unmöglich, in dem organisierten Chaos etwas Bestimmtes zu finden.

Michel Boha, Leiter Logistik bei Digitec Galaxus

Michel Boha, Leiter Logistik bei Digitec Galaxus

Digitec Galaxus hat sein Lager in Wohlen ausgebaut und modernisiert - Michel Boha, Leiter Logistik, erklärt warum.

Mitarbeiter holen also kleinere Produkte aus dem Pick-Tower und platzieren sie in einer Kiste, die auf ein Förderband kommt. Mittelgrosse Produkte, etwa Bildschirme, sind in einem vollautomatisierten, 18 Meter hohen Regal untergebracht, das eine eigene Fabrikhalle füllt. Roboterarme holen die nötigen Schachteln heraus und setzen sie ebenfalls aufs Fliessband. Einzelsendungen gelangen direkt zur Versandstation, alle anderen suchen sich wie von Geisterhand ihren Weg durch das Fliessbandlabyrinth zu einem Mitarbeiter, der alle Teile der Sendung zusammen verpackt. An Spitzentagen, etwa vor Weihnachten, verlassen bis zu 26'000 Sendungen das Gebäude.

Maximal zwei Stunden dauert es, bis das versandfertige Paket bereit ist, um der Post übergeben zu werden. Denn diese kommt zum letzten Mal um 19 Uhr vorbei – nur so liegt die 17-Uhr-Bestellung am nächsten Tag im Briefkasten. Komplett manuell bleibt die Logistik der grossen, sperrigen Waren wie etwa Sofas oder Fernseher.

Vorbestellen geht schneller

Der Versand ist aber nur die eine Seite des Prozesses: Schliesslich müssen die Regale auch wieder aufgefüllt werden. Tausende Artikel werden jeden Tag angeliefert. Je nach Lieferant liegen in einer grossen Kiste auch unterschiedliche Produkte. Sie müssen sortiert und artikelweise in Kartonschachteln verpackt werden. Aber wer bestimmt, welche Windeln und welche USB-Sticks auf den Seiten des Onlinehändlers erhältlich sind? «Das machen unsere Produktmanager, die jeweils für ihren Bereich schauen, was gefragt ist», erklärt Boha. Die Kunst sei es, Trends möglichst früh zu erkennen.

Die Digitec Galaxus AG hat in Wohlen ein neues Logistikzentrum in Betrieb genommen.

Die Digitec Galaxus AG hat in Wohlen ein neues Logistikzentrum in Betrieb genommen.

Was passiert hinter den Kulissen, wenn bei Digitec oder Galaxus online eingekauft wird? Der Onlinehänder erklärt es in einem Video.

Ein Nachteil hat das neue System: Die Kunden müssen in den meisten Fällen vorbestellen. «Die gängigsten 100 Artikel sind in einem kleinen Lager hinter der Kasse, nur diese kann man in Wohlen spontan kaufen. Früher konnten die Verkäufer zwar ins grosse Lager gehen, um etwas zu holen, das hat aber viel Zeit in Anspruch genommen – die Kunden werden jetzt rascher bedient.»

Neuer Verkaufsladen

Nicht nur sein Lager hat der Onlinehändler aufgewertet, auch der Verkaufsladen wurde total umgestaltet. Das Fabrikhallen-Flair ist verschwunden, in bunten Präsentationsboxen finden sich Schaufeln und Küchengeräte, im dahinterliegenden Raum sind Grills, Babysitze und Rasenmäher-Roboter ausgestellt. «Mehr Galaxus, weniger Digitec», fasst Verkaufsleiterin Katja Röthlisberger zusammen. «Manche Hersteller verlangen, dass wir Produkte ausstellen, wenn wir das komplette Sortiment anbieten wollen», nennt Röthlisberger einen der Gründe für das neue Konzept. Können die Verkäufer überhaupt Auskunft geben, bei diesem Riesensortiment? «Ja», ist Röthlisberger überzeugt. Man habe für jeden Bereich eigene Fachkräfte, die regelmässig Schulungen besuchen.

Bleibt die Frage: Wo muss der Kunde Abstriche machen, wenn er bei Digitec oder Galaxus einkauft? Mediensprecher Alex Hämmerli überlegt lange. «Teils beim Einkaufserlebnis.» Vor dem Kauf wisse der Kunde beispielsweise nicht, wie flauschig ein Plüschtier ist oder wie eine Gabel in der Hand liegt. Um dies zumindest teilweise wettzumachen, habe man viel in den Kundenservice investiert. Kürzlich habe das Unternehmen beispielsweise das Rückgaberecht von 14 auf 30 Tage erhöht. «Auch das Sortiment bauen wir weiter aus.» Dazu werde man sich vermehrt mit Partnern zusammenschliessen, wie das teilweise bereits praktiziert wird: «Heute kann man bei uns eine Hundehütte bestellen, geliefert wird sie von Qualipet», erläutert Hämmerli das Modell. Mittlerweile habe Digitec Galaxus über 700'000 Artikel im Sortiment. «Ausser Waffen und Pornografie möchten wir irgendwann fast alles anbieten.»

Meistgesehen

Artboard 1