Erinnerungen

Heute vor 60 Jahren: Dieser Wohler Zehnkämpfer atmete olympische Luft

Olympischen Spiele 1960 in Rom: Der Wohler Zehnkämpfer Fritz Vogelsang beim Start eines Laufes.

Olympischen Spiele 1960 in Rom: Der Wohler Zehnkämpfer Fritz Vogelsang beim Start eines Laufes.

Der Zehnkämpfer Fritz Vogelsang nahm heute vor genau 60 Jahren an den Olympischen Spielen in Rom teil.Und dies auch noch gegen den Rat seiner Ärzte, die empfahlen, mit dem Spitzensport aufzuhören.

Genau vor 60 Jahren, im September 1960, sassen alle, die ein Fernsehgerät besassen, vor dem «Kasten». Auch Helene Vogelsang-Michel, eine Wohlerin, die der Liebe wegen nach Basel ausgewandert war. Sie wollte miterleben, wie es ihrem Mann Fritz in Rom erging. Denn der Zehnkämpfer und Basler Stadtpolizist durfte als erster Sportler aus Wohlen an den Olympischen Spielen teilnehmen. Er wurde guter Elfter.

Vor seinem sportlichen Höhepunkt in Rom hatte sich Fritz Vogelsang bereits mit einem neuen Schweizer Rekord für die Olympischen Spiele 1956 in Melbourne qualifiziert. Jedoch konnte er nicht nach Australien reisen, da die Schweizer Sportler angeblich die Spiele wegen des russischen Überfalls auf Ungarn boykottierten. Die Wahrheit war: Die Schweizer Delegation verpasste schlicht den Flug. Fritz Vogelsang war tieftraurig. Er wollte bereits mit dem Zehnkampfsport aufhören. Vereinskameraden des Turnvereins ETV Wohlen konnten ihn glücklicherweise umstimmen.

In Melbourne trat er nicht an, dafür in Rom

Vogelsang arbeitete hart an seinem Ziel, sich für die Olympischen Spiele 1960 in Rom zu qualifizieren. Gegen den Rat seiner Ärzte, die empfahlen, mit dem Spitzensport aufzuhören. Er wollte zu den Spielen. Er gewann 1959 das Eidgenössische Turnfest in Basel und wurde Schweizermeister im Fünf- und Zehnkampf. Das reichte für den 14. Platz auf der Weltbestenliste der Zehnkämpfer und qualifizierte ihn für Rom.

Das Schweizer Fernsehen strahlte die Wettkämpfe aus. «Ich habe die Olympischen Spiele am Fernseher bei meiner Mutter mitverfolgt», berichtet der Wohler Lehrer und Sportler Erwin Müller (89). Er wurde wie Vogelsang im Turnverein ETV Wohlen gross und war zweimal Schweizermeister im Weitsprung und dreimal im Dreisprung. «Ich sagte Fritz, dass ich ihn um seine Anlagen beneide, ich aber mehr daraus machen würde.» Die Sportler zu jener Zeit waren Amateure. Sie kämpften um Medaillen, um die Ehre, nicht um Preisgelder. «Unser Lohn waren die Reisen zu den Wettkämpfen, die gelegentlich im Ausland stattfanden», erinnert sich Müller.

Der Papst motivierte die Sportler auf Latein

In seinem Tagebuch beschrieb Fritz Vogelsang, wie er den Beginn der Olympischen Spiele in Rom erlebte: «Morgens um 09.00 Uhr mussten wir zum 100-Meter-Lauf antreten. Das riesige Stadion war menschenleer, man hörte jeden Tritt wiederhallen.» Was er nicht ins Tagebuch schrieb: Papst Johannes XXIII. eröffnete die Olympischen Spiele auf Latein und erteilte den Sportlerinnen und Sportlern aus aller Welt den Segen, darunter den 145 Männern und zwei Frauen aus der Schweiz.

Dieses Bild zeigt Fritz Vogelsang beim Diskuswerfen.

Dieses Bild zeigt Fritz Vogelsang beim Diskuswerfen.

In Rom wäre für Vogelsang mehr drin gelegen als der elfte Platz, schrieb die NZZ damals zwischen den Zeilen. Vogelsang sei einer jener Athleten, «der durch das olympische Milieu in seiner Entfaltung am meisten behindert wurde». Denn der Wohler habe sein umfangreiches Programm während zwei vollen Tagen «im Kreis der Kronprinzen mutterseelenallein» bewältigen müssen.

Das heisst: Er hatte keinen Schweizer Kollegen, der ihn mitziehen konnte. Vogelsang habe in den langen Wartezeiten «reichlich Musse» gehabt, «über die Punktzahl nachzugrübeln», so die NZZ. Er habe zudem das Pech gehabt, dass der 1500-Meter-Lauf, die Disziplin, die ihm am meisten Selbstvertrauen hätte geben können, erst am Schluss des drankam.

Ein Wettkampf mit Unterschieden

Fritz Vogelsang legte die 100 Meter in 11,3 Sekunden zurück, sprang 6,94 Meter weit, stiess die Kugel 11,78 Meter weit und sprang 1,70 Meter hoch. Er legte die 400 Meter in 50 Sekunden und die 110 Meter Hürden in 15,3 Sekunden zurück. Nach einer mässigen Weite im Diskuswurf (37,03 Meter) steigerte er sich zur grossen Freude seiner vielen Fans in der Heimat im Stabhochsprung mit 4 Metern auf den fünften Platz.

Im Speerwurf reichte es ihm mit 52,61 Metern zum 14. Zwischenrang und im abschliessenden 1500-Meter-Lauf mit 4:27,7 Minuten «in nicht sehr elegantem Stil», wie die NZZ schrieb, auf den fünften Platz. Vogelsang schlug in diesem Lauf den Olympiasieger Rafer Johnson und den Zweiten, den Chinesen Yang Chaun-Kwan. Am Schluss landete der Wohler mit 6767 Punkten auf dem elften Rang.

Ein Olympia-Wimpel als Andenken

Neunzehn europäische Fernsehstationen und ungezählte Radiostationen berichteten aus Rom. TV-Satelliten gab es 1960 noch keine. Fritz Vogelsang brachte aus Rom viele Erinnerungen mit – und als Trostpreis einen Wimpel mit den fünf olympischen Ringen, der Aufschrift «1960» und dem Schweizer Kreuz.

Nach Rom bestritt Fritz Vogelsang die Leichtathletikmeisterschaften 1962 in Zürich und befolgte dann den Ratschlag seiner Ärzte, den Spitzensport aufzugeben.

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