Historisches aus dem Gnadenthal
«Der alt Lump der ehr abschneidig Stinckher» – eine Geschichte von häuslicher Gewalt und Flucht ins Kloster

Maria Elisabeth Zurlauben war eine Tochter aus bestem Haus. Doch von ihrem Ehemann wurde sie misshandelt. Sie floh ins Kloster Gnadenthal. All das passierte im 17. Jahrhundert – und ist in zwei Briefen aus der «Zurlaubiana» dokumentiert.

Heinrich Briner
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«Der alt Lump der ehr abschneidig Stinckher», schreibt Maria Elisabeth in einem Brief. Sie meint damit vermutlich ihren Schwiegervater.

«Der alt Lump der ehr abschneidig Stinckher», schreibt Maria Elisabeth in einem Brief. Sie meint damit vermutlich ihren Schwiegervater.

zvg/Kantonsbibliothek Aargau

Die Familien Pfyffer und Zurlauben hatten sich seit dem ausgehenden Mittelalter über Generationen hinweg zu wahren Dynastien entwickelt, deren Wirken bis in die internationale Politik reichte. Den Höhepunkt ihres Einflusses erreichte die Familie Zurlauben unter Ammann Beat Jakob I. (1615-1690). Seine Kinder wurden Militärführer, Politiker, Äbte und Äbtissinnen. Bekannt geblieben ist im Freiamt bis heute wohl Franz Dominikus (1646-1723), der als Fürstabt Plazidus Zurlauben den imposanten achteckigen Zentralbau der Klosterkirche Muri erbauen liess.

Hier soll aber nicht von den Glanzleistungen der Militärführer, Politiker, Äbte und Äbtissinnen die Rede sein – sondern von häuslicher Gewalt.

Es kommt in den besten Familien vor

Fürstabt Plazidus Zurlaubens Schwester Maria Elisabeth (1642-1687) hatte sich standesgemäss mit Peter Meyenberg, einem Mann aus bester Familie, verheiratet. Dem Ehemann fehlte aber offenbar die aristokratische Contenance, denn er misshandelte seine Frau aufs Übelste.

Überliefert sind die Vorkommnisse durch das Familienarchiv der Zurlaubens. Die erhaltenen Briefe ermöglichen uns einen erstaunlich intimen Einblick. So berichtet Maria Elisabeth in einem verzweifelten Schreiben an ihren Vater von den körperlichen Misshandlungen durch ihren Mann: «Jch kan nit underlasen den Herren Vateren zu brichten, was gstalten mich [...] mein man drakhtiert mit Streichen und Stössen ohn einige Ursach, das Jch hüt noch der Hals und rugen nit mer recht regen kan.» Weiter schreibt sie, sie wisse nicht mehr ein noch aus, und bitte den Vater «umb gotes und Maria und aller heilgen willen» um Hilfe. «Er welle mir doch von dem besässnen wüterich helffen, dan Jch Mines Läbens nit mer sicher bin [...]».

In ihrer Not suchte Maria Elisabeth, die ihre Jugend in Bremgarten verbracht hatte, Zuflucht im Kloster Gnadenthal. Dort amtete zu der Zeit Maria Anna Margaretha Pfyffer von Altishofen als Äbtissin. Und die Äbtissin Pfyffer gehörte praktisch zur Familie, denn der Vater Zurlauben hatte nach dem Tod seiner ersten Frau mit Maria Margareta eine Pfyffer von Wyher geheiratet.

Maria Elisabeth flüchtete ins Kloster Gnadenthal, wo sie Zuflucht fand.

Maria Elisabeth flüchtete ins Kloster Gnadenthal, wo sie Zuflucht fand.

Marc Ribolla (22.3.2021)

Wie der Vater auf das Schreiben seiner Tochter reagiert hat, ist nicht überliefert. Man kann aber vermuten, dass er mit dem Schwiegervater Meyenberg Kontakt aufgenommen hat. Das lässt sich aus einem anderen Brief schliessen, den Maria Elisabeth einige Zeit später an «Herrn Beat Caspar Zur Lauben meinen vielgeliebten Bruder in Zug» richtet.

«Hochgeehrter hertz liebster Bruder», beginnt sie ihr Schreiben ganz artig. Sie habe verstanden, «was des Herrn Vateren meinung und väterlichen Rat ist», und bedankt sich «bevorderst auch [bei] der Fr. Muter».

Maria Elisabeth nahm im Brief kein Blatt vor den Mund

Gleich anschliessend gehen aber die Emotionen mit ihr durch. Sie schreibt: «Was der alt lump der ehr abschneidig stinckher von mir usgibt, baldt dis baldt anders achte Jch mich nit». Allein Gott werde darüber richten. – Mit grösster Wahrscheinlichkeit bezieht sich die Beschimpfung auf ihren Schwiegervater, unter dem sie ebenfalls zu leiden hatte.

Zurlaubiana / Acta Helvetica

Die «Zurlaubiana».

Die «Zurlaubiana».

zvg

Die Familie Zurlauben hinterliess eine umfangreiche Bibliothek und verschiedenste, meist handschriftlich verfasste Dokumente aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Diese Sammlung, auch bekannt als «Zurlaubiana» oder «Acta Helvetica», befindet sich seit 1803 in der Aargauer Kantonsbibliothek in Aarau. Das Kernstück der Sammlung ist auf der Plattform Aargau Digital abrufbar. Der Text im Artikel folgt in der Transkription dieser Edition.

Der Zufluchtsort Gnadenthal scheint Maria Elisabeth aber doch besänftigt zu haben. «[E]s gschicht mir gar vill Liebs und guts hier», berichtet sie. Als Zeichen ihrer Dankbarkeit greift sie einen Wunsch der Äbtissin auf, «dan Sy schier däglich darvon redt»: Sie bittet ihren Bruder um Fische aus dem Zugersee – «ein firlig rötell für die gnädig frauw [...] könt Jhren nichts angenemers zukummen».

Wie lange Maria Elisbeth Zurlauben im Kloster Gnadenthal geblieben ist, ist nicht bekannt. Und die Ehe? «Got wirdt darob richter sein», schrieb sie.

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