Bezirksgericht Muri

Hundebiss-Opfer: «Ich habe gezittert und geweint» – Halterin zu Busse verurteilt

Nero sei ein lieber und zutraulicher Hund, trotzdem soll er zugebissen haben. (Symbolbild)

Nero sei ein lieber und zutraulicher Hund, trotzdem soll er zugebissen haben. (Symbolbild)

Ein Hund soll einer Spaziergängerin ins Bein gebissen haben. Das bestreitet die Hundehalterin vor dem Bezirksgericht Muri. Einen Freispruch erhielt sie allerdings nicht.

Wenn Hunde beissen, landet das nicht selten vor Gericht. Im Sommer wandte sich Rechtsanwalt und Hochschuldozent Ueli Grüter an die Medien. Er vertrat eine Frau aus dem Freiamt, deren Hund einer Spaziergängerin ins Bein gebissen haben soll – obwohl er angeleint war. Dieser Fall wurde kürzlich vor dem Bezirksgericht Muri verhandelt.

Im Sommer sagte Grüter: «Ich frage mich, was meine Mandantin, sollte ihr Hund tatsächlich gebissen haben, dagegen hätte tun können.» Er habe den Eindruck, dass die Staatsanwaltschaften juristisch unbegründet Hundehalter in die Zange nehme.

Dazu bezog er sich auf ähnliche Fälle im Aargau, die häufig mit einem Freispruch endeten. Die Staatsanwaltschaft dementierte die Vorwürfe. Unterdessen hat Ueli Grüter den Fall an einen anderen Anwalt abgegeben. Letzte Woche stand die Hundehalterin nun vor Gericht in Muri.

Ist der Hund wegen der Klägerin erschrocken?

Zum Fall: Ende Januar 2019 spazierte die 51-jährige Beschuldigte auf einem Feldweg in der Region. Sie führte Hund Nero, den Hund ihrer Tochter, Gassi. Sie passt meistens dann auf ihn auf, wenn ihre Tochter in der Schule ist.

Nero sei ein lieber und zutraulicher Hund, sagt die Beschuldigte vor Gericht, die Tochter sei mit ihm auch im Hundeverein. Einzig fremde Hunde möge der dreissig Zentimeter grosse kastrierte Rüde nicht besonders und belle jeweils aus Angst.

Die Frau sah die Klägerin schon von weitem, sie kam ihr schnellen Schrittes entgegen. Sie habe Nero an kurzer Leine gehalten, er lief links bei Fuss, während die andere Frau rechts passierte. Als die beiden auf gleicher Höhe waren, habe die Fussgängerin plötzlich einen Schwenk in Richtung von ihr und Nero gemacht.

«Sie hat mir eine Rechnung geschickt»

«Ich denke, Nero ist erschrocken», sagt die Beschuldigte. Schneller, als sie es realisieren konnte, sei der Hund um sie herumgesprungen und habe die Frau mit den Vorderläufen am Oberschenkel berührt. «Ich habe Nero sofort zurückgezogen.»

Danach habe sie sich noch das Bein des Opfers angeschaut, an dem sie keine Blessuren feststellen konnte. «Die Frau hat dann im Befehlston darauf bestanden, dass ich ihr meine Personalien gebe und mir daraufhin eine Rechnung geschickt.»

Halterin hätte Situation voraussehen müssen

Die Klägerin verteidigt sich vor Gericht selbst. In ihrem Plädoyer sagt sie: «Ich habe keinen Schwenker zu Frau und Hund gemacht. Plötzlich hat der Hund gekläfft und ich spürte ein Brennen am Oberschenkel.»

Die Hundehalterin habe nur gelacht, anstatt sich um sie zu kümmern. «Ich habe gezittert und geweint.» Nach dem Vorfall fuhr sie zum Arzt, der das Bein untersuchte und die Tetanusschutzimpfung auffrischte. Auf Bildern, die dem Gericht vorliegen, sieht man blaue Flecken am Bein des Opfers.

Die Gebissene reichte Anzeige ein und der Hundehalterin flatterte ein Strafbefehl ins Haus. Sie habe fahrlässig gegen das Tierschutz- und Hundegesetz verstossen, da sie ungenügende Vorkehrungen getroffen habe, den Hund zu kontrollieren.

Dieser Fall ist strafrechtlich relevant

Die Beschuldigte sollte demnach eine Busse von 500 Franken sowie die Strafbefehlsgebühr und Polizeikosten von insgesamt 570 Franken bezahlen. Der Anwalt der Hundehalterin setzt sich für einen Freispruch ein.

Dass ihr Hund plötzlich lossprang, sei weder voraussehbar noch vermeidbar gewesen. Die Gerichtspräsidentin sieht das anders: «Nicht jeder Hundevorfall ist strafrechtlich relevant, aber dieser ist es.»

Die Situation sei voraussehbar gewesen und die Beschuldigte habe sie falsch eingeschätzt. «Sie hätten den Hund so kurz halten können, dass er gar nicht erst das Opfer hätte anspringen können», sagt sie.

Die Gerichtspräsidentin spricht die Hundehalterin schuldig

Ausserdem hätte die Beschuldigte besondere Vorsicht walten lassen müssen, da Nero nicht ihr Hund, sondern jener der Tochter ist. «Vielleicht reagiert er bei Ihnen anders, als bei der Tochter. Sie laufen ja nicht regelmässig mit ihm.»

Die Gerichtspräsidentin spricht die Hundehalterin schuldig, orientiert sich jedoch am untersten Strafmass. Sie reduziert die Busse auf 300 Franken. Zudem muss die Beschuldigte, neben einer Entschädigung für das Opfer, nun auch die Gerichtskosten bezahlen.

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