Wohlen

«Ich habe nur traditionelle Baustoffe eingesetzt»: Seckelmeisterhaus ist fast wie vor 220 Jahren

Nach zwei Jahren umfassender Restaurierung ist das Haus an der Steingasse 47 bald bezugsbereit.

Nach zwei Jahren umfassender Restaurierung ist das Haus an der Steingasse 47 bald bezugsbereit.

Nach rund zwei Jahren ist Simon Heusser mit der Restaurierung des historischen Hauses an der Steingasse 47 in Wohlen praktisch fertig. Bald ist die erwähnte, rund 110 Quadratmeter grosse Wohnung im mittleren Geschoss bezugsbereit.

Das Wohnzimmer ist zweifarbig. Die eine Hälfte des Holztäfers im Naturton, die andere grün gestrichen. Es gibt noch weitere Besonderheiten: Die eine Tür führt ins Nichts. Hinter ihr verbirgt sich ein Heizungs­radiator, den man im Sommerhalbjahr nicht sehen will. In einer Ecke des Zimmers steht ein Einbauschrank. Dort sieht man hinter Glas ein Stück alte Tapete. Und auch eine kleine Durchreiche gibt es. Mit schönen Wabenscheiben. Durch diese Öffnung wurden früher Speisen und Getränke in die Gaststube gereicht.

Das Haus an der Steingasse 47 ist eine der wenigen historischen Liegenschaften, die in Wohlen überlebt haben. Erbaut worden ist es von 1803 bis 1805 für den damaligen Aargauer Kantonsrat und Wohler Seckelmeister Anton Isler. Darum heisst es im Volksmund auch Seckelmeisterhaus. Lange Zeit war es Wohnhaus und Gaststätte zugleich. Die Steingasse war damals Teil der wichtigen Verkehrsachse von Bern nach Zürich. Reisende haben sich dort vor dem steilen Aufstieg verpflegt und ihre Pferde getränkt.

Lange Zeit leer gestanden und vom Zerfall bedroht

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wechselte die Liegenschaft in den Besitz der Familien Lüthy, die es zu einem Zweifamilienhaus umbauten. Ende des 20. Jahrhunderts sind die letzten Bewohner ausgezogen. Das Haus stand lange Zeit leer und war vom Zerfall bedroht. Gerettet hat es Simon Heusser. Historische Gebäude haben den 32-Jährigen schon während seiner Ausbildung zum Schreiner mit Berufsmatura fasziniert. Vor ein paar Jahren hat er sich mit seiner Firma «Heusser Handwerk und Gestaltung» selbstständig gemacht und auf Restaurierungen spezialisiert.

Vor rund fünf Jahren hat er das Seckelmeisterhaus gekauft und ist seit 2018 daran, es wieder weitgehend in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Beim Umbau achtet Heusser auf den Erhalt der historischen Bausubstanz. Ebenso verwendet er jene biologischen Werkstoffe, die schon vor 200 Jahren eingesetzt worden sind.

Heusser arbeitet bei der Restaurierung eng mit der kantonalen Denkmalpflege zusammen. Und auch mit der Denkmalpflege des Bundes. Denn seit einem Jahr steht die Liegenschaft nicht nur unter kantonalem, sondern auch unter eidgenössischem Schutz. Zur Freude von Heusser: «Für mich ist das eine grosse Auszeichnung und ein Beweis, dass ich mit dieser Restauration auf dem richtigen Weg bin.»

Modernste Technik in der alten Bausubstanz

Die Auflagen bezüglich Materialeinsatz und Materialwahl seien beim eidgenössischen Schutz zwar noch höher als beim kantonalen, erklärt Heusser. Doch das sei für ihn kein Problem: «Ich habe von Anfang an nur traditionelle Baustoffe eingesetzt und – unter anderem – ausschliesslich Ölfarbe verwendet.»

Das benötigte Holz stammt zum Teil aus dem Haus selber oder aus dem Wohler Wald: «Den neuen Boden im Schlafzimmer der 3½-Zimmer-­Wohnung beispielsweise habe ich mit Holz vom Dachgeschoss verlegt. Das Holz für den Boden in einem anderen Zimmer habe ich mit dem Förster im Wohler Wald ausgesucht und in der Sägerei Stähli in Villmergen nach alter Tradition sägen lassen.»

Nachlass in ersten Monaten für allfälligen Mieter

Nun geht man zwar auf historischen Böden, schaut durch historische Fenster, sieht historisches Täfer an Wänden und Decken und darf sich dank perfekter Baubiologie an einem aussergewöhnlichen Wohnklima erfreuen. Dennoch lebt man nicht wie vor 220 Jahren. Simon Heusser hat die alte Bausub­stanz mit modernem Wohnkomfort kombiniert. So gewährleisten die aktuelle Multimedia-Technik mit Glasfaserkabeln anspruchsvollstes Homeoffice, und auch Küche und Bad lassen keine Wünsche offen.

Simon Heusser kombinierte bei der Restaurierung historische Bausubstanz mit modernem Wohnkomfort.

Simon Heusser kombinierte bei der Restaurierung historische Bausubstanz mit modernem Wohnkomfort.

Etwas mehr als zwei Jahre nach Beginn der Restaurierung hat Simon Heusser mit seiner Partnerin im April die erste fertige Wohnung im Dachstock bezogen. Bald ist auch die erwähnte, rund 110 Quadratmeter grosse Wohnung im mittleren Geschoss bezugsbereit. Weil Heusser im Erdgeschoss noch die dritte Wohnung sanieren muss und auch die Umgebung noch nicht ganz fertig ist, gewährt er allfälligen Mietern in den ersten Monaten einen Nachlass auf den für dieses spezielle Objekt sehr fairen Mietpreis.

Weitere Informationen zur Wohnung auf Homegate oder unter www.steingasse47.ch.

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