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In der Poststelle ist er momentan der Superstar - seine Vorgesetzten freuts

Der singende Pöstler, Michael Williams, ist bei «The Voice of Switzerland» weiter und in der Poststelle im Moment der absolute Superstar. Seine Vorgesetzten freut es. Williams bleibt aber bescheiden und will bei der Post bleiben, solange er darf.

Andrea Marthaler
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Micheal Williams will Pöstler bleiben, auch wenn sich ihm vielleicht neue Möglichkeiten als Sänger bieten

Micheal Williams will Pöstler bleiben, auch wenn sich ihm vielleicht neue Möglichkeiten als Sänger bieten

Andrea Marthaler

Mit seinem Auftritt bei «The Voice of Switzerland» wurde Michael Williams auf einen Schlag berühmt. Während er sein Lieblingslied «Amazing Grace» sang, eroberte er die Herzen der Fernsehzuschauer. Nun, nach seinem zweiten Auftritt, bei dem er eine Runde weiterkam, gratulieren ihm die Leute auf der Strasse. In Affoltern am Albis, wo Williams als Briefträger arbeitet, kennen ihn viele. Und auch in der Poststelle ist er im Moment der Superstar. «Aber nicht Gesprächsstoff Nr.1.», widerspricht Williams bescheiden, «viel eher Nr. 999.» Dass derzeit ein regelrechter Hype um ihn stattfindet, ist ihm eher peinlich. «Ich glaube nicht, dass ich noch zum Superstar werde», meint der 58-Jährige mit Verweis auf sein Alter. Dennoch geniesst er die Aufmerksamkeit. Und vor allem, dass er viel Gelegenheit zum Singen hat.

Wobei – singen tut Williams eigentlich immer. «Wenn ich ein Lied in meinen Gedanken habe, so muss es raus. Sonst platze ich», beschreibt Williams. Auch während des Interviews kann er es nicht lassen und erst recht nicht während der Zustellung der Briefe, was ihm den Spitznamen «Singing Postman» einbrachte.

An seinem Gesang erfreuen sich auch seine Vorgesetzten. «Für unser Image ist das natürlich eine super Sache», sagt Patrick Aregger, stellvertretender Leiter der Briefzustellregion. «Dennoch muss das Tagesgeschäft laufen. Das ist bei ihm aber auch der Fall.» Sogar mehr als das: Der singende Pöstler ist dermassen beliebt, dass er den Kunden jederzeit ein Lächeln auf die Lippen zaubert – selbst wenn die Briefe einmal zu spät ausgetragen werden, zum Beispiel weil er Autogramme geben muss. «Im Moment sage ich aber immer, dass ich erst Autogramme verteile, wenn die Castingshow vorbei ist. Die Arbeit hat Vorrang.»

Das werde auch so bleiben, obwohl sich Williams eine kleine Sonderrolle erarbeitet hat, um für einen Auftritt beispielsweise an einer Hochzeit frei zu bekommen. «Das machen wir gerne, denn wir bekommen von ihm dermassen viel zurück. In der Hektik behält er stets die Ruhe», erklärt Teamleiter René Nüesch. Und gerade weil er neben der Arbeit Zeit für seine Musik bekommt, ist für Williams ganz klar: «Ich will bei der Post bleiben, solange ich darf.»

Für Michael Williams ist seine Arbeit mehr als nur ein Job: Denn bei der Post hat er Fuss fassen können, nachdem er eine schwierige Zeit durchlebte. Er hatte Alkoholprobleme, entfremdete sich dadurch von seiner Frau und fast auch von seiner Tochter. Nach einem Jahr in einer Klinik, während dem seine Frau die Scheidung forderte, lebte er von der Sozialhilfe und Gelegenheitsjobs, bis er im Anzeiger auf ein Inserat der Poststelle Affoltern stiess und dort mit diesem in der Hand vorstellig wurde. Prompt erhielt er den Job und wenige Tage darauf durfte der gebürtige Amerikaner zudem bei der Fremdenpolizei den C-Ausweis entgegennehmen. «Ich bin extrem dankbar, dass ich damals bei der Post eine neue Chance erhalten habe», sagt Williams, der nun schon 13 Jahre dort arbeitet.

Dankbar ist Michael Williams aber auch Jesus. Denn am Tag der Scheidung hat er zu ihm gefunden. «Ich habe nur noch geweint. Zuvor habe ich immer gehofft, dass es noch möglich ist, die Beziehung zu retten.» An diesem Tiefpunkt habe Gott zu ihm gesprochen und ihm die Liebe zur Musik gegeben. Seither ist sie seine Medizin, wenn er traurig ist.

Williams glaubt auch, dass Jesus entscheidet, wie weit er bei «The Voice of Switzerland» kommt. Bereits jetzt ist er aber mehr als zufrieden, dass er es so weit gebracht hat. «Mein Geschenk war es, Amazing Grace vor einem so grossen Publikum singen zu dürfen. Alles andere ist Zugabe.»