Rottenschwil

Ist dieses neue Aargauer Bushäuschen eine Todesfalle für Vögel?

Das Bushäuschen «Seematten» steht in Rottenschwil mitten in einem Korridor, durch den viele Vögel in Richtung Stille Reuss fliegen.

Natürschützer sehen das neue Wartehäuschen in Rottenschwil als tödliche Hindernis. Die betroffene Bushaltestelle steht in einem Korridor durch den viele Vögel fliegen.

Glas ist ein wunderbar vielfältiges Material. Wie schön funkelt der edle Tropfen im mundgeblasenen Weinkelch. Wie gut schützt doch das dreifach verglaste Fenster vor Kälte, Wind und Wetter. Und wie schnell bricht sich ein Vogel sein Genick, wenn er im vollen Flug gegen eine Glasfront prallt. 

Genau dieses Szenario hatten Dora und Jörg Baschnagel vor Augen, als sie sahen, dass in Rottenschwil schon das zweite Bushaltehäuschen aus Glas aufgestellt wurde. «Leider wurde beim ersten Unterstand dem Problem der Vogelkollision mit Glas ungenügend Rechnung getragen», schreibt das Ehepaar in seinem Leserbrief, der die AZ zu diesem Beitrag veranlasst hat.

Das erste Bushäuschen, bei der Haltestelle Rebberg, steht seit Anfang Juni hoch über dem Dorf mit tollem Blick über das Reusstal und bis in die Alpen. Nicht weit davon, am Dorfeingang, prangt das Plakat der Gemeinde mit dem Slogan: «Rottenschwil – wo die Natur zuhause ist»

Jörg Baschnagel, der lange Jahre im Vorstand des Naturschutzvereins Muri und Umgebung tätig war, stösst dieser Spruch nun sauer auf, weil er sich mit seinem Anliegen von der Gemeinde nicht ernst genommen fühlt.

«Das Bushäuschen steht an einer ganz exponierten Lage»

Als im September das zweite Glashäuschen, bei der Haltestelle Seematten, aufgestellt wurde, reichten Baschnagel und seine Frau eine Einwendung beim Gemeinderat ein, mit der Bitte, dem Vogelschlag mehr Bedeutung beizumessen. «Unsere Einwendung wurde formal mit der Begründung abgeschmettert, dass wir zu weit weg vom Objekt wohnen würden. Zudem sei die Verhältnismässigkeit aufgrund der Mehrkosten von mehreren tausend Franken für einen optimalen Vogelschutz nicht gegeben. Der Gemeinderat versichert jedoch, dass er die Situation weiter beobachten und dann evtl. Massnahmen ergreifen werde», steht im Leserbrief weiter.

Unterstützung erhalten Baschnagels mindestens moralisch vom Geschäftsführer der Stiftung Reusstal, Josef Fischer. Die Stiftung hat ihren Sitz im Zieglerhaus, knapp 300 Meter von der Haltestelle Seematten entfernt.

«Das Bushäuschen steht an einer ganz exponierten Lage», sagt Fischer, «mitten in einem offenen Korridor, den viele Vögel benutzen. Etwa der Eisvogel. Er fliegt genau hier durch, wenn er vom Reusskanal rüber an die Stille Reuss will oder umgekehrt. Er fliegt knapp über dem Boden. Durch die Scheibe sieht er nur das Grün und die Bäume hinter der Scheibe. Da will er dann hin.»

«Der Gemeinderat hat sauber abgeklärt, was machbar ist»

Giordana Huonder, Gemeindeammann von Rottenschwil, nimmt den Vorwurf aus dem Leserbrief nicht auf die leichte Schulter: «Der Gemeinderat hat sauber abgeklärt, was in dieser Sache machbar ist. Unsere Häuschen haben zwei waagrechte, mattierte Streifen übers Glas. Das sollte die Vögel bremsen. Bisher haben wir keine Meldungen von toten Vögeln bei den Bushäuschen erhalten. Wenn jemand aber solche Beobachtungen macht, dann soll man uns das bitte melden.»

Sie nehme das Motto der Gemeinde sehr ernst. Wenn wegen der Bushäuschen Vögel zu Schaden kämen, dann werde sicher etwas unternommen. «Die Häuschen sind aber auch eine Dienstleistung für unsere Bevölkerung. Man kann ‹im Schärme› auf den Bus warten und hat dabei eine wunderschöne Aussicht auf die ganze Natur rundum. Das wollen wir nicht verschandeln, wenn es nicht nötig ist.»

In Muri hat man solche Probleme umgangen, indem man die Durchsicht der Glaswände in den Bushaltehäuschen mit einer senkrecht verlaufenden, undurchsichtigen, wellenförmigen Struktur unterbrochen hat. So können die Wartenden immer noch rausschauen und auch die Buschauffeure können sehen, ob jemand wartet oder nicht.

In Wohlen sind keine Meldungen über tote Vögel bei den Bushaltestellen bekannt. Auch Bremgarten hat bei seinen Haltestellen keine gefiederten Opfer zu beklagen. Zur Vorbeugung helfen die Tipps der Vogelwarte Sempach.

Autor

Christian Breitschmid

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