Muri

Kindesmisshandlung: Schulen stehen in der Pflicht – welche Anzeichen gibt es?

Nicht immer sind Verletzungsmerkmale auf eine harmlose Rauferei auf dem Schulhof zurückzuführen.

Nicht immer sind Verletzungsmerkmale auf eine harmlose Rauferei auf dem Schulhof zurückzuführen.

Mitglieder der Schulpflege und Schulleitungen stehen in der Pflicht, Kindesmisshandlungen zu melden. Doch wie findet man heraus, ob eine Gewalttat vorliegt?

Die Bilder von misshandelten Kindern waren schwere Kost für die Schulpflegemitglieder und Schulleitungen des Bezirks Muri. Aber sie sind Realität, wie Markus Wopmann, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche im Kantonsspital Baden, in einer Weiterbildungsveranstaltung des Schulrates des Bezirks Muri darlegte.

Hinschauen, wenn es Auffälligkeiten gibt, ist eine Verpflichtung. «Die Schule spielt eine wichtige Rolle in der ausserhäuslichen Wahrnehmung.» Gleichzeitig machte er deutlich, dass nicht alles, was vielleicht nach Missbrauch aussieht, auch Missbrauch sein muss.

Stellen Sie sich vor: Eine Fussballtrainerin tröstet den 10-jährigen Junior, der sich wehgetan hat, indem sie ihn in den Arm nimmt. Ist das ein Missbrauch? Jetzt nehmen Sie anstelle der Fussballtrainerin einen 23-jährigen Kunstturnlehrer, der das Gleiche mit einer gestürzten jungen Athletin macht.

Auch bei deutlichen Verletzungsmerkmalen ist nicht immer klar, ob eine Misshandlung vorliegt oder ob es sich, wie meist behauptet, um einen Unfall handelt. «Eltern kommen nicht mit dem Kind ins Spital und sagen: ‹Seht, ich habe mein Kind misshandelt›», führte Wopmann, Leiter der Kinderschutzgruppe Baden, aus.

Aber meistens entlarven die Fachleute die Lügengeschichten schon. Am häufigsten sind körperliche Misshandlungen, immer wieder konfrontiert ist die Kinderschutzgruppe mit Vernachlässigungen oder psychischen Misshandlungen wie verbales Bedrohen, Demütigungen oder schlicht Gleichgültigkeit gegenüber Kindern.

Können Kinder lügen?

Wann liegt ein sexueller Missbrauch vor? Merkmale sind die sexuelle Absicht einer Handlung, Überlegenheit, Ausnützung von Abhängigkeiten oder Verpflichtung zur Verschwiegenheit. Betroffen sind Kinder beider Geschlechter und jeglichen Alters, wie Wopmann darlegte, die Täter zu 67 Prozent männlich. Der Missbrauch reicht von sexueller Belästigung bis zum Geschlechtsverkehr, von Exhibitionismus bis zur Herstellung von pornografischem Bildmaterial.

Auch hier ist nicht immer auf den ersten Blick klar, was Sache ist. Kinderzeichnungen können auf einen Missbrauch aufmerksam machen, aber ebenso eine Falschinterpretation zulassen. «Nachfragen, was das Kind gezeichnet hat», lautet in einem solchen Fall zuerst einmal die Devise. «Verhaltensauffälligkeiten wie Regression, Schlaf- und Essstörungen, übermässige Gefügigkeit oder Selbstverletzung können auf einen Missbrauch hindeuten, lassen jedoch wenig Rückschlüsse auf die Ursache zu.»

Hilfe suchen

Mit dem Thema ist auch die Schulsozialarbeit konfrontiert. «Wir werden immer wieder mit häuslicher Gewalt konfrontiert», sagt Martin Schneider, Leiter des Kompetenzzentrums Schulsozialarbeit in Muri, an dem sich zehn Gemeinden beteiligen. «Unser wichtigstes Anliegen ist die Prävention», machte Schneider deutlich.

Manchmal helfen Gespräche, eine Situation zugunsten des Kindes zu entwirren oder eine Lösung der Probleme zu erreichen. Sonst stehen weitere Möglichkeiten zur Verfügung: Die Schulsozialarbeit spannt mit den Fachleuten der Jugend-, Ehe und Familienberatung zusammen oder geht mit einer Gefährdungsmeldung an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb).

«Wir stellen die Eltern nicht unter Generalverdacht», unterstrich Benno Weber, Präsident des Bezirksgerichts Muri. Die Kesb ist im Kanton Aargau Teil des Bezirksgerichts. Sie schreitet ein, wenn das Wohl des Kindes gefährdet ist oder die Eltern nicht von sich aus für Abhilfe sorgen können. Die Kesb erwartet eine Gefährdungsmeldung bei Hinweisen auf körperliche, psychische oder sexuelle Misshandlungen, bei schwerer Vernachlässigung oder bei Alkohol- oder Drogenproblemen der Eltern.

Dann werden die Betroffenen angehört und Strategien über das weitere Vorgehen festgelegt. Manchmal genügt es, die Eltern zu ermahnen. Oft können Lösungen zusammen mit der Jugend-, Ehe- und Familienberatung erreicht werden, häufig kommt es zur Ernennung einer Beiständin. «Die Platzierung in einem Heim machen wir nur, wenn nichts anderes mehr möglich ist».

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