Zwei dunkle Gestalten überwinden bei strömendem Regen den Gartenzaun eines unbeleuchteten Einfamilienhauses. Sie schleichen um die Liegenschaft und begeben sich zur Haustüre. Während einer der beiden klingelt, stellt sich der andere vor das Küchenfenster. Der Hausherr öffnet im ersten Stock ein Fenster und macht sich durch Rufen bemerkbar. In dem Moment rennen die beiden Unbekannten durch den Garten zurück auf die Strasse, wo sie in ein Auto steigen und davonfahren – direkt in eine Sackgasse. Der Lenker bemerkt seinen Irrtum und fährt zurück.

Der Hausbewohner ist inzwischen ebenfalls auf die Strasse gerannt und sieht, wie das Auto in der Sackgasse wendet. Er packt einen grossen Stein und stellt sich mitten auf die Strasse, um den Fahrer zum Anhalten zu zwingen.

Stein auf Autoscheibe geworfen

Der Personenwagen fährt auf der schmalen Quartierstrasse mit etwa 40 bis 50 km/h direkt auf den dort stehenden Mann zu, der noch rechtzeitig realisiert, dass das Auto nicht abgebremst wird. Es gelingt ihm knapp, sich vom Fahrzeug wegzudrehen und dabei den Stein von der Seite her auf die Frontscheibe zu werfen. Der Lenker weicht erst dann nach links aus, wobei das Heck des Personenwagens das rechte Knie des auf der Strasse stehenden Mannes streift. Die Folgen sind ein schwerer Knorpelschaden und ein angerissenes Seitenband.

Der Verletzte konnte sich das Kontrollschild merken und der Polizei die Autonummer angeben. Wie sich herausstellte, hatte ein 26-Jähriger das Auto seines Vaters benutzt.

Die Tat ereignete sich im Bezirk Lenzburg. Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau klagte den Beschuldigten an wegen qualifizierter einfacher Körperverletzung, Gefährdung des Lebens und Hausfriedensbruchs. Beantragt wurde eine Freiheitsstrafe von 12 Monaten bedingt. Das zuständige Bezirksgericht trat jedoch in den Ausstand, sodass der Fall an das Bezirksgericht Bremgarten zur Beurteilung überwiesen wurde.

Vor der Einzelrichterin Isabelle Wipf stellte der Angeklagte die ihm zur Last gelegte Tat nicht als Einbruchversuch dar, sondern als einen sogenannten Klingelstreich. Er und ein Freund hätten bei dem zufällig ausgewählten Haus lediglich klingeln und sich dann aus dem Staub machen wollen. Zum Vorwurf der Gefährdung des Lebens des Hausbewohners, der sich ihm in den Weg gestellt hatte, meinte er: «Ich habe ihn erst im letzten Moment gesehen.»

Familie leidet noch immer

«Meine Frau, mein Sohn und ich leiden noch heute unter den Folgen», betonte das verletzte Opfer des Klingelstreichs vor Gericht. Gerichtspräsidentin Isabelle Wipf verurteilte den Beschuldigten gemäss Anklage. Die Geldstrafe beträgt 240 Tagessätze à 110 Franken, bedingt auf 2 Jahre. Berappen muss der Angeklagte eine Busse von 4500 Franken und die Verfahrenskosten. Von der beantragten Landesverweisung des ausländischen Staatsangehörigen sah die Gerichtspräsidentin wegen eines persönlichen Härtefalls ab.