Wohlen

Leiter Bestattungsamt: «Die Bestattungskultur hat sich massiv verändert»

Reto Wassmer, Leiter Bestattungsamt Wohlen, erklärt, dass Grabräumungen vor allem Oberflächenarbeit bedeuten.

Reto Wassmer, Leiter Bestattungsamt Wohlen, erklärt, dass Grabräumungen vor allem Oberflächenarbeit bedeuten.

Ab März werden in Wohlen wieder Gräber geräumt. Reto Wassmer, Leiter Bestattungsamt, erklärt, was das bedeutet: «Man muss sich nicht vorstellen, dass ein grosser Bagger auffährt, ein tiefes Loch aushebt und womöglich noch Gebeine zutagefördert.»

Beim Wort Grabräumung kann schon mal die Fantasie mit einem durchgehen. Wer nicht Bescheid weiss, denkt vielleicht an noch nicht verweste Särge und Urnen oder gar Totenschädel oder Goldzähne, die zum Vorschein kommen. Das hat mit der Realität aber rein gar nichts zu tun. Auch Omas Hüftgelenk bleibt im Boden.

Einer, der es wissen muss, ist Reto Wassmer, Leiter des Bestattungsamtes Wohlen. Er erklärt: «Wenn wir von Grabräumungen sprechen, dann muss man sich nicht vorstellen, dass ein grosser Bagger auffährt, ein tiefes Loch aushebt und womöglich noch Gebeine zutagefördert. Eine Grabräumung ist etwas sehr Oberflächliches. Es werden lediglich Schriftplatten, Blumen und Grabsteine entfernt und frisches Gras angesät, mehr nicht.» Was unter der Erde ist, bleibt auch dort. Die Totenruhe soll gewahrt bleiben.

Nicht sofortige Neunutzung

Die ordentliche Grabesruhe in der Gemeinde Wohlen beträgt 25 Jahre, danach werden die Gräber geräumt. Doch nach einer Grabräumung werden auf derselben Fläche nicht sofort neue Gräber ausgehoben. Die betroffenen Zonen ruhen stattdessen weitere 10 bis 20 Jahre, bevor neue Fundamente und Gehwege für neue Reihen- oder Urnengräber angelegt werden. Es wird auch bewusst zwischen Urnen- und Sarggräbern abgewechselt. 

«Manchmal wünschen Angehörige bei einer Grabräumung, dass wir ihnen die Urne wieder aushändigen, falls sie noch gefunden wird», sagt Reto Wassmer. Die Urnen, Grabsteine und Schriftplatten, auf welche die Angehörigen keinen Anspruch erheben, werden sachgemäss entsorgt oder rezykliert. Das bedeutet, sie werden geschreddert und kommen beispielsweise im Strassenbau als Kies wieder zum Einsatz. Alte Grabsteine seien zudem bei Bildhauer-Lehrlingen beliebte Lehrobjekte.

Veränderte Bestattungskultur

«Die Bestattungskultur hat sich massiv verändert», weiss Reto Wassmer aus Erfahrung. Reihengräber seien viel weniger gefragt, da viele Hinterbliebene die Gräber nicht mehr über den Zeitraum von einem Vierteljahrhundert pflegen möchten. Das hat damit zu tun, dass Angehörige oft nicht mehr in derselben Gemeinde wohnen und nicht einfach vorbeikommen können, um die Blumen regelmässig zu giessen.

Der Friedhof in Wohlen ist für alle Konfessionen offen. In der konfessionsneutralen Abdankungshalle wurde sogar schon eine tibetische Abschiedszeremonie gefeiert. «Viele Verstorbene mit anderem kulturellen Hintergrund werden nach wie vor oft in ihre Heimat überführt und dort beigesetzt», ergänzt Wassmer. In grösseren Städten gibt es auf den Friedhöfen beispielsweise auch separate Grabfelder für Muslime, die nach Mekka ausgerichtet seien. Das gibt es in Wohlen nicht. «Das ist auch nicht nötig. Wir konnten uns bis jetzt immer mit den Hinterbliebenen einigen», erklärt der Leiter des Bestattungsamtes.

Südländer: Häufig Familiengräber

Mit den Hinterbliebenen wird in Wohlen sehr grosszügig umgegangen, denn gemäss Friedhofsreglement ist es verboten, die kleinen Platten- oder Nischengräber allzu üppig zu belegen. «Gerade Südländer dekorieren ihre Gräber sehr gerne mit Fotos, Blumen, Engeln, Kerzen und so weiter. Daher wählen Italiener, Kroaten und Mazedonier häufig Familiengräber, weil diese rein schon von der Grösse her genügend Platz für Dekorationen bietet. In deren Kulturkreis ist das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Familien sehr gross und die allermeisten Verstorbenen werden immer noch erdbestattet», führt Reto Wassmer aus. 

Auf dem Friedhof Wohlen werden ab dem 1. März Grabräumungen durchgeführt. Dabei handelt es sich um die Urnenreihengräber Reihe 1 bis 5 der bis 1993 verstorbenen Personen. Beim alten Gemeinschaftsgrab werden zudem turnusgemäss die Schriftplatten der bis und mit 1993 verstorbenen Personen entfernt. Die Angehörigen haben das Recht, Gegenstände wie Grabsteine, Bepflanzungen, Schriftplatten und Ähnliches vorgängig zu entfernen. Weitere Informationen finden Interessierte auf der Gemeindewebsite.

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