Boswil

Loslassen ist so oder so nicht einfach

Julia Gisler und Werner Isch (r.) sprechen zusammen mit Moderator Adrian Krebs über ihr Loslassen.

Julia Gisler und Werner Isch (r.) sprechen zusammen mit Moderator Adrian Krebs über ihr Loslassen.

Der Freiämter Agro-Träff 2020 lockte mit dem Thema ein grosses Publikum nach Boswil.

Die Jungbäuerin Julia Gisler hat brutal loslassen müssen: Ihr Vater kam bei einem tragischen Unfall beim Wildheuen ums Leben. Der Landwirt Werner Isch hat freiwillig losgelassen: Er hat seinen Betrieb im Alter von erst 50 Jahren seiner Tochter und seinem Schwiegersohn übergeben. Ihre Erfahrungen haben ein grosses Publikum am Agro-Träff des Freiämter Landwirtschaftsvereins und der Landfrauen und Bäuerinnen Bezirk Muri in Boswil angesprochen.

Sie geht auch wieder in die stotzigen Hänge bei Obersaxen im Kanton Uri, um Heu für ihre bis 15 Mutterkühe zu gewinnen: Julia Gisler hat den Hof übernommen, als ihr Vater bei ebendieser Tätigkeit verunglückte und starb. «Es war schon ein komisches Gefühl zuerst», sagt sie. «Aber wir brauchen das Futter und auch auf der Strasse geschehen Unglücke, und wir fahren trotzdem weiter.» Sie hat den plötzlichen Tod ihres Vaters verarbeitet. «Es brauchte einige Zeit dazu.»

Ein Film als Teil der Verarbeitung

Der Film «Der Wildheuer», der über ihren Vater vom «SRF» gedreht wurde, war einerseits aufwühlend für sie, andererseits Teil der Verarbeitung, eine Hilfe, loslassen zu können. «Wir konnten nach dem Unglück selber entscheiden, ob der Film fertig gedreht und veröffentlicht wird.» Die Familie hat sich dafür entschieden. Es seien so viele schöne Bilder, «eine Erinnerung für uns und auch die andern, die Vater gekannt haben.» Auf ihrem Hof hat sie «einige Sachen schon geändert», aber es sind Dinge, die ihr Vater auch getan hätte, wenn er noch jünger gewesen wäre. «Mein Vater und ich, wir haben das Gleiche angestrebt.» Sie wird bei ihrer Arbeit unterstützt von ihrem Freund. «Allein den Betrieb weiterführen, das wäre nicht möglich.»

Gegensätzlicher ginge nicht: Werner Isch aus Aetigkofen hat seinen Hof mit erst 26 Jahren, nach Aufenthalten auch im Ausland, von seinem Vater übernommen und ihn mit knapp 100 Kühen, technisch top eingerichtet, mit 50 Jahren früh an die junge Generation übergeben. «Das hat in unserer Familie Tradition.» Die Hände in den Schoss gelegt hat er nicht, sondern zusammen mit seiner Frau eine Event-Gastronomie aufgebaut. «Vom Chef zum Angestellten, das musste ich zuerst lernen. Es ist nicht einfach, nicht mehr eigener Herr und Meister zu sein», räumt er ein.

Er wohnt jetzt in gewisser Distanz zu seinem ehemaligen Betrieb. Er hat nur lobende Worte zu seiner Tochter und seinem Schwiegersohn, macht aber auch lachend klar: «Uns zwei auf dem Hof hätte es nicht vertragen, mein Schwiegersohn ist wie ich, der macht etwas, ist innovativ.»

Und hat sich einen eigenen Traktor gekauft, weil bei Bedarf auf dem Hof für ihn nur ein «Fotzel-Traktor» frei war. Jetzt ist er nur noch auf dem Hof tätig, wenn er gerufen wird. Und hat auch sonst alle Hände voll zu tun in der Gastronomie seiner Frau oder als Kontrolleur im Landwirtschaftsbereich.

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