Aristau

Mario Richner im Amazonas: «Ich wäre am liebsten gleich dort geblieben»

Mario Richners Traum war es, einmal unter Waldindianern zu leben, vollkommen frei von der Zivilisation. Er hat es tatsächlich geschafft.

Es sind Bilder, wie man sie höchstens aus Dokumentationen kennt. Mario Richner durfte das beinahe Unmögliche persönlich erleben: Er war ein halbes Jahr Gast bei einem Yanomami-Stamm im Amazonasgebiet. Einem Stamm, der noch lebt wie in der Steinzeit.

Es sind Jäger und Sammler, die in und mit der Natur leben, nachts wegen der Waldgeister niemals ihre Behausung verlassen und für die das Feuer etwas Heiliges ist. Es sind  Endokannibalen, also Menschen, die Angehörige ihres Stammes nach deren Tod aufessen. «Wilde», die aber doch oft zivilisierter miteinander umgehen, als es in der eigentlichen Zivilisation der Fall ist.

Ganz ungefährlich war das Experiment, das zum Highlight seines abenteuerreichen Lebens geworden ist, für den damals 37-jährigen Mario Richner nicht. Der AZ stellt er bisher unveröffentlichte Fotos zur Verfügung. Und seine Geschichte.

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Die Reisen von Mario Richner – die Karte wird laufend ergänzt. Grafik: Dominic KobeltFullscreen-Modus

Er wollte von den freien Waldindianern lernen

Was hat ein Aristauer bei Waldindianern verloren? Diese Frage stellte sich Mario Richner selber immer wieder, während er sich drei Jahre lang auf die Reise vorbereitete. «Nun, da ist eine fast übermächtige Sehnsucht, mit Menschen zusammen zu sein, die noch in Harmonie mit der Natur leben; die ihr Dasein der natürlichen Umwelt optimal angepasst haben, weil sie seit Tausenden von Jahren wissen, dass ihr Fortbestand eben nur im Einklang mit ihr gewährleistet ist. Bei Menschen zu sein, die die Erde noch als Mutter allen Lebens empfinden, wo Tiere und Pflanzen, Wasser und Steine, Regen und Wind eine Seele besitzen», fasst er in seinem Buch «Urwald, Gold und Indios» zusammen.

«Das ganz einfache und doch so grosse Bedürfnis, bei diesen ‹Primitiven› in die Schule zu gehen, von ihnen zu lernen, was an keiner Universität, bei keinem Survival-Guru und bei allen Öko-Aktivisten zusammen nicht lernbar ist.»

Er erwartete nicht das Paradies und wusste, dass Mütter bei den Waika-Indianern, einer Untergruppe der Yanomami, bei einer Zwillingsgeburt eigenhändig das Jüngere töten, weil das Aufziehen von zwei Säuglingen gleichzeitig für sie nicht praktikabel ist. Richner war ein Träumer. Aber er war gleichzeitig Realist und informierte sich, so gut er konnte.

Das Glück findet Mario Richner in einer Bar

Im Grunde kann man sagen: Es ist unmöglich, zu den letzten freien Waldindianern zu gelangen. Eine Bewilligung bekommt niemand. Doch wie so oft eilte Mario Richner sein Glück zu Hilfe. Nach wochenlangen Bemühungen wollte er aufgeben und ging zum Abschied in eine Bar.

Dort lernte er José kennen und kippte einen Whisky nach dem anderen mit ihm. Dass dieser beim Verteidigungsministerium arbeitet, wusste Richner natürlich nicht. Und dass er ihm die Einreise ins Sperrgebiet ermöglichen könnte, hätte er sich nie träumen lassen. Doch so war es. «Ich schäumte über, wie ein zu hastig gezapfter Bierkrug», beschreibt er seine eigene Reaktion im Buch.

Richner schaffte es auch, seinen neuen Freund, den japanischen Anthropologen und Yanomami-Forscher Yoshiharu «Yoshi» Sekino, ins Boot – oder besser in das kleine Militärflugzeug – zu holen. So wurde sein Traum wahr: Sie flogen in die Tiefebene der Sierra Parima mitten im Urwald. Dort wurden sie abgesetzt. Genau in einem halben Jahr sollten sie wieder hier sein, sonst würde ein Suchtrupp losgeschickt, und das würde Ärger geben, hiess es noch, dann waren Mario und Yoshi allein im Dschungel. Sie hatten keine Ahnung, ob sie in dieser grünen Grenzenlosigkeit auf Waika-Gruppen treffen würden. Doch sie marschierten los.

Eine Annäherung, spannend wie ein Krimi

Tagelang wanderten sie. Und wieder war Richner das Glück hold: Auf einmal entdeckte er mit dem Feldstecher mitten im leuchtend grünen Dschungel eine bräunliche Insel: «Ein Shabono!» Das kleine Indianerdorf, das aus einer einzigen Palisade mit grossem Innenhof bestand, war eindeutig bewohnt. Sein Freund erklärte: «Wir dürfen uns nicht weiter nähern, sondern müssen hier das Biwak aufstellen und warten. Die Indios werden uns bald entdecken.» Genau so geschah es.

Mario und Yoshi waren sich einig, sie wollten keine modernen Geschenke wie Macheten, Stahläxte oder Kochtöpfe aufhängen. «Wir wollten nicht mit neiderzeugenden Sympathie- und Seelenfängerprodukten Unfrieden stiften. Tausende von Jahren waren sie glücklich ohne diese Sachen; sollen sie es auch nach unserem Besuch noch sein.» Stattdessen wollten sie die natürliche Neugier wecken.

Und tatsächlich: Nach fünftägigem zermürbenden Warten zeigte sich eine Gruppe Waikas, bemalt und mit kleinen Federn geschmückt, in Kriegsmontur samt Bogen. Die beiden Ausländer trugen nur Badehosen, um «menschlich» auszusehen. Im Buch kann man beinahe jeden spannungsgeladenen Schritt der zwei Gruppen nachvollziehen. Ein eigenartiger Tanz begann, in dem man sich näherte und wieder langsam entfernte. Richner muss den 1,50 Meter grossen Ureinwohnern mit seinen 1,85 Metern wie ein weisser Riese vorgekommen sein.

Dann begann Yoshi die einstudierten Worte zu sprechen: «Schori Nofi, Schori Nofi – Wir sind Freunde, wir sind Freunde – Camiö ja jama – Wir möchten euch besuchen.» Das brach den Bann. Langsam kamen sie sich näher. Und fassten sich am Ende gar an den Händen. Es lagen 10'000 Jahre an Kulturgeschichte zwischen den beiden Gruppen. Hier trafen sie friedlich aufeinander.

«Sie hielten uns für ein wenig dumm»

«Wir durften mit ihnen in ihr Shabono kommen, eine Hängematte beziehen und mit ihnen essen», erinnert sich Richner. «Im ersten Monat hatten vor allem die Kinder noch Angst und rannten vor uns davon. Aber wie man auf den Fotos sieht, fassten sie irgendwann Vertrauen, tanzten mit uns und schmückten uns mit Blumen.» Bei keiner seiner Geschichten wird seine Stimme so weich wie bei dieser.

«Lustig war, dass uns diese ‹primitiven Wilden› für ein wenig dumm hielten. Wir konnten weder mit Pfeil und Bogen schiessen noch Affen riechen, die in der Nähe waren. Das konnte bei ihnen jedes Kind», berichtet er. Dafür waren die beiden die Lieblinge der Kinder: «Durch einen Zufall, bei der Morgengymnastik, haben Yoshi und ich entdeckt, dass die Knirpse einen Heidenspass haben, wenn wir zwei alten Esel für sie Kapriolen machen: Handstände und Saltos lösen schallendes Gelächter aus.»

Doch auch bei einer Totenfeier waren sie dabei: «Die Toten werden erst verbrannt und die Knochen dann zu Mehl gemahlen und in einen Bananenbrei gemischt. Dieser wird dann gegessen. Auf diese Art bleiben die Ahnen in ihrem Glauben immer ein Teil des Stammes», erklärt Richner. Das Schlimmste ist für einen Yanomami die Vorstellung, dass er irgendwo stirbt, wo ihn kein Stammesmitglied findet, weil seine Seele somit für immer verloren wäre.»

Abreise mit schwerem Herzen

Nach fünf Monaten konnte sich Mario Richner kaum mehr von den Ureinwohnern trennen. «Ihre natürliche Weise, mit dem Leben und der Natur umzugehen – ich wäre am liebsten gleich dortgeblieben.» Doch Yoshi und er hatten vorgesorgt. «Um dieses sensible, ursprüngliche Leben nicht zu verändern, hatten wir vorab einen bindenden Vertrag abgeschlossen, dass wir nichts dort lassen würden.»

So reiste Mario Richner schweren Herzens wieder ab und wurde mit Yoshi pünktlich nach sechs Monaten auf dem winzigen Flugfeld mitten im Dschungel abgeholt. «Ausserdem hatten wir abgemacht, dass wir niemals Fremde dorthin bringen würden. Verschiedene Fernsehsender hatten mir angeboten, eine erneute Reise zu finanzieren und die Bewilligungen einzuholen, wenn ich mit ihnen dorthin fliegen würde. Aber das würde ich niemals tun – und Yoshi auch nicht.»

Er denkt noch oft an die freien Waldindianer zurück, die sein Leben tief geprägt haben. Besonders bei den grossen Waldbränden diesen Sommer hat er oft gebangt: «Ich hoffe, es geht ihnen gut und sie können so weiterleben, wie sie es bisher taten.»

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