«Was haben Sie alles für Drogen konsumiert?» «Uff», antwortete der Beschuldigte auf die Frage von Bezirksgerichtspräsidentin Simone Baumgartner und sagte: «Koks, Gras, Alkohol, Ecstasy, Amphetamine.»

Der 32-jährige Silvan, der im echten Leben anders heisst, war während Jahren stark abhängig von Drogen. Und immer dann, wenn er gerade keinen Job hatte und sich seine Sucht somit auf legalem Weg nicht finanzieren konnte, setzte er sich an seinen Computer und stellte Inserate ins Netz.

Bot auf der Plattform Ricardolino etwa ein Macbook zum Verkauf an, veräusserte auf Tutti ein Samsung Galaxy Edge oder suchte auf Anibis einen neuen Besitzer für ein iPhone 6. Der Preis der Geräte schwankte jeweils zwischen 200 und 650 Franken.

Das Problem an der ganzen Sache: Silvan besass die Elektrogeräte gar nicht, die er so munter über das Internet verhökerte. Und der Aargauer tat dies nicht nur ein- oder zweimal, sondern mehr als 50-mal über eine Zeitspanne vom September 2013 bis September 2015.

Jeder Fall ist in der 32-seitigen Anklageschrift ausführlich umschrieben, alle 56 Privatkläger sind aufgeführt. «Es ist mehr ein Buch als eine Anklage», bemerkte Gerichtspräsidentin Baumgartner im Verlauf des Prozesses am Bezirksgericht Muri.

«Ich brauchte das Geld»

Heute, über drei Jahre nach dem letzten aktenkundigen Vergehen, ist Silvan clean, arbeitet 100 Prozent, hat sein Umfeld komplett gewechselt, eine neue Freundin, seine Depression im Griff und wieder guten Kontakt zu seiner Familie. Er wolle reinen Tisch machen, für seinen «Scheiss» die Verantwortung übernehmen und seine Vergangenheit hinter sich lassen, sagte Silvan.

Der 32-Jährige tat dies glaubwürdig. Beantwortete alle Fragen, beschönigte nichts. Es stimme alles, was die Staatsanwaltschaft ihm vorwerfe, sagte Silvan und versuchte zu erklären, warum er insgesamt für über 20 000 Franken Tech-Geräte verkaufte, die gar nicht existierten. «Ich war im Sumpf mit Drogen und der Psyche. Ich brauchte Geld.»

Dass er einen Scheiss mache, sei ihm klar gewesen. «Ich habe es auch nicht gern gemacht. Ich fand es nicht cool, Leute abzuzocken. Ich sah einfach keine andere Lösung.» Aus heutiger Sicht sei ihm klar: «Die hätte es gegeben.»

Auch für die Phase im Jahr 2014, als er kein Dach über dem Kopf hatte und sich eines ergaunerte. Silvan checkte unter falschen Namen in Hotels ein, übernachtete einige Tage und liess sich verköstigen. Danach verschwand er, ohne zu bezahlen, und wechselte ins nächste Hotel.

«Bediente sich aus Minibars»

Dass er nur aus reiner Not gehandelt habe, kaufte ihm die Staatsanwältin nicht ab. Sie sprach von Bequemlichkeit und Dreistigkeit. «Er liess es sich in Hotels gutgehen, bediente sich sogar aus Minibars, alles in der Absicht, nichts zu zahlen.»

Sie nannte ein weiteres Beispiel, welches seine Dreistigkeit aufzeige. «Er hat nicht davor zurückgeschreckt, einem Käufer einen Stein mit dem Gewicht eines iPhones zu schicken.» Der Grund: Der Käufer wollte eine Versandbestätigung, bevor er zahlte. Auch nicht für den Beschuldigten spreche, fuhr die Staatsanwältin fort, dass er nach einer ersten Festnahme für ein Jahr untertauchte und weitermachte, als sei nichts gewesen. Die Staatsanwaltschaft forderte eine unbedingte Freiheitsstrafe von 30 Monaten.

Dem kam das Gericht nicht ganz nach. Silvan wurde wegen gewerbsmässigen Betrugs und mehrfacher Zechprellerei zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 26 Monaten verurteilt, bei einer Probezeit von drei Jahren. Richterin Baumgartner begründete: «Klar, war ihre Suchtproblematik da, aber man kann damit nicht alles entschuldigen.»

Tatsächlich im Gefängnis absitzen muss er von den unbedingten 6 Monaten allenfalls noch ein paar Wochen, da die Untersuchungshaft von 137 Tagen angerechnet wird. Diese lange U-Haft war für Silvan das Schlüsselerlebnis. «Das Schlimmste, was ich je durchgemacht habe, aber das Beste, was mir passieren konnte. Ich habe das Gefühl, dass ich wieder in der Gesellschaft angekommen bin.»