Donnerstagabend, 27. Juni: Der ausgebaute gelbe Ford Transit ist gepackt, Schlaf-, Koch- und Sportzeug verstaut, zwei Enduro-Mountainbikes hängen am Heck. Der 31-jährige Polymechaniker Petr Mondrik verlässt seinen Arbeitsplatz in Merenschwand.

Er ist müde, doch das ist egal. Jetzt will er das, worauf er das ganze Jahr gewartet hat: ab in die französischen Alpen. Dort erwarten ihn in den kommenden 2½ Wochen vier Mountainbike-Rennen, davon drei, die zu den bekanntesten der Welt zählen.

Allein ihre Namen schrecken viele ab. Nicht aber ihn. Er freut sich auf Mountain of Hell und Megavalanche.

«Biken hält mich von schlechten Entscheidungen ab»

Mondriks erstes Ziel ist Les Deux Alpes bei Grenoble. Kurz nach Mitternacht hat er es geschafft. Zufrieden schläft er ein und erwacht im schönsten Alpenpanorama. Immer wieder wandert sein Blick zum Gletscher auf der anderen Talseite.

Mit der Helmkamera gefilmt: Eine halsbrecherische Abfahrt über Schnee und Geröll aus der Perspektive von Petr Mondrik

Mit der Helmkamera gefilmt: Eine halsbrecherische Abfahrt über Schnee und Geröll aus der Perspektive von Petr Mondrik.

Dort wird seine Reise in 2½ Wochen enden: auf dem Pic Blanc, dem Start des längsten Downhill-Rennens der Welt, der Megavalanche. Was er bis dahin erleben und ob er und mindestens eines seiner Bikes noch renntauglich sein werden, steht in den Sternen. «Ich versuche, den sichersten Weg über Steine, Wege und Eis zu finden, aber es kann immer etwas passieren», ist er realistisch.

Dennoch: Er ist es gewohnt, Verletzungen wegzutrainieren. Biken ist sein Leben. «Einige meiner Freunde nehmen heute Drogen, ich fahre Velo. Das hat mich schon immer von schlechten Entscheidungen abgehalten und mir Ansporn gegeben, auch schlechte Zeiten oder Verletzungen durchzustehen. Ich finde das eine ziemlich gute Therapie», erklärt er gut gelaunt, während er sein Enduro-Bike der Marke Specialized in Schuss bringt.

Die ersten Fahrer müssen um 4 Uhr morgens auf den Gletscher

«Mountain of Hell ist für mich das Rennen des Jahres. Die Strecke ist so vielseitig und der Sonnenaufgang auf dem Gletscher unglaublich.» Die Trainings machen ihm Spass, die Qualifikation läuft sehr gut. Er will möglichst weit vorne auf dem Gletscher starten, um nicht in die Schneerillen seiner Vordermänner zu kommen. Darum muss er in der Quali glänzen. Das tut er auf seine Weise: Bald hat er einen Platten, doch statt zu flicken, tritt Mondrik noch kräftiger in die Pedale.

Der 31-jährige Petr Mondrik aus Fischbach-Göslikon fährt nicht einfach über Hindernisse, sondern springt und zeigt Tricks, manchmal sogar während der Rennen. «Es macht einfach Spass», sagt er.

Der 31-jährige Petr Mondrik aus Fischbach-Göslikon fährt nicht einfach über Hindernisse, sondern springt und zeigt Tricks, manchmal sogar während der Rennen. «Es macht einfach Spass», sagt er.

Eine Flüssigkeit im Pneu sorgt dafür, dass die Felge nicht leidet. Die Berge hoch- und runterzufahren ohne genügend Luft im Pneu ist eine Tortur. Aber Mondrik ist fit: Trotz des Plattens schafft er es als Siebter ins Ziel, was ihm die sechste Startreihe auf dem Gletscher einbringt.

Dann kommt der Sonntag: Mountain of Hell. Obwohl das Rennen erst um 9 Uhr beginnt, müssen die ersten Fahrer um 4 Uhr auf die Gondel, damit beim Start alle 1000 oben sind. In der Gondel ist es still, viele nicken ein, Kopf auf dem Lenker. Im Stockdunkeln fahren sie hinauf in die Kälte. Mondrik macht das nichts aus. Er bringt sein Velo mit der Nummer 466 zum Startplatz, isst Brot und Früchte und bestaunt die Landschaft. Kurz vor 6 Uhr geht die Sonne auf – Mondriks Highlight.

Megavalanche: Petr Mondrik ist nervös – doch er schafft den 48. Rang aus 1500 Fahrern.

Megavalanche: Petr Mondrik ist nervös – doch er schafft den 48. Rang aus 1500 Fahrern.

Die letzten Stunden vor dem Start verbringen die Fahrer in den oberen Stockwerken des Gondel-Gebäudes, die an Luftschutzbunker erinnern. Dicht an dicht schlafen sie auf dem Betonboden auf Decken oder ihren Schonern. Plötzlich werden sie geweckt: «Come on guys, time for the race!» Mondrik ist nervös. Er spricht kaum.

Die Rockmusik draussen hebt die Stimmung. Fahrer hüpfen, um warm zu werden. Dann kommt der Song, auf den alle gewartet haben: «I’m on a highway to hell», dröhnen AC/DC aus den Lautsprechern, die Stimmung explodiert. Startsignal: 1000 Fahrer rennen auf ihre Bikes zu, springen auf und fahren schlitternd den Gletscher hinunter. Mondrik kommt gut durch, er ist bei den vordersten Fahrern.

Doch nach nur einem Kilometer überhitzt seine Bremsscheibe und zerspringt. «Das Einzige, was wirklich funktionieren muss, sind die Bremsen», hat er vor dem Rennen gesagt. Es ist das Aus für ihn. Was er erst später erfährt: Er hatte Glück im Unglück. Auf einem Video ist zu erkennen, dass er als einer der Letzten davonkam, bevor der grösste Massencrash in der Geschichte des Events Hunderte von den Bikes riss. Mondrik hat Hühnerhaut, als er die Videos sieht.

«Mountain of Hell» – im wahrsten Sinne des Wortes

«Mountain of Hell» – im wahrsten Sinne des Wortes

Am diesjährigen Downhill-Rennen im französischen Skiressort Les Deux Alpes, kam es zu einer Massenkarambolage. Rund 1000 Extrem-Biker haben am Rennen teilgenommen.

Aus, vorbei, Mountain of Hell 2019 ist Geschichte. Natürlich ist es schade, dass Mondrik sein liebstes Rennen nicht zu Ende fahren konnte, doch er schaut vorwärts. Auf ihn wartet schon der Weltcup in Les Orres, an dem nur die besten Fahrer der Welt starten. Er kennt zwei weitere Deutschschweizer, die ebenfalls alle drei grossen Rennen mitfahren: der im Aargau aufgewachsene Bündner Mirco Widmer und der Obwaldner Stefan Peter. Die zwei sieht er aber selten.

Ganz im Gegensatz zu seiner Rennpartnerin Alba Wunderlin aus Winterthur, die in Les Orres hinzukommt. Sie hat ein neues Hinterrad samt Bremse dabei, das Christian Burkart von Sämis Veloshop in Villmergen in einem Sondereffort für ihn bereitgestellt hat. Ausserdem wechselt Mondrik Bremskabel und Pneus – mehrere Stunden Arbeit pro Abend. So schaffen es beide ins Ziel: Wunderlin wird Dritte. Mondrik wird 126. Er ist zufrieden bei all den gesponserten Profis im Feld.

Petr Mondrik (31) fuhr in 2,5 Wochen drei der weltgrössten Enduro- und Downhill-Bikerennen in Frankreich: Mountain of Hell, einen Weltcup und Megavalanche

Petr Mondrik (31) bei der Abfahrt.

Petr Mondrik (31) fuhr in 2,5 Wochen drei der weltgrössten Enduro- und Downhill-Bikerennen in Frankreich: Mountain of Hell, einen Weltcup und Megavalanche

48. von 1500 Fahrern: Er hat sein Ziel bei weitem übertroffen

Dann gehts weiter auf die Alpe d’Huez zum Schlusspunkt der Reise, der Megavalanche. Unterwegs besucht Mondrik Freunde und fährt 200 Extrakilometer, um einem polnischen Team zu helfen, dessen VW auf dem Weg liegen geblieben ist. Für ihn ist es selbstverständlich, zu helfen. Ausserdem nimmt er am Enduro d’Oz teil, einem kleineren Endurorennen, ebenfalls auf der Alpe d’Huez.

Bereits in Les Orres gab es aufgrund eines heftigen Gewitters über Nacht Änderungen an der Strecke, ebenso hier. Glücklicherweise musste Mondrik aber die ganzen 2½ Wochen lang nur ein einziges Training im Regen fahren, sonst herrschte perfektes Sommerwetter.

Und dann ist sie da, die Megavalanche. 1500 Fahrer, darunter 45 Frauen, starten in Gruppen vom Gletscher. Mondrik qualifiziert sich für das grosse Finale und startet in der zweiten Reihe. Wieder ist er nervös. Sein Ziel: «Unten ankommen».

Petr Mondrik (31) fuhr in 2,5 Wochen drei der weltgrössten Enduro- und Downhill-Bikerennen in Frankreich: Mountain of Hell, einen Weltcup und Megavalanche

Petr Mondrik (31) fuhr in 2,5 Wochen drei der weltgrössten Enduro- und Downhill-Bikerennen

Petr Mondrik (31) fuhr in 2,5 Wochen drei der weltgrössten Enduro- und Downhill-Bikerennen in Frankreich: Mountain of Hell, einen Weltcup und Megavalanche

Doch eigentlich will er unter die ersten 100. Er stürzt mehrfach im Schnee, doch diesmal bleibt sein Velo ganz. Über 45 Minuten sind die Fahrer unterwegs am längsten Downhillrennen der Welt. Dann bricht Jubel aus: Petr Mondrik hat am letzten Rennen dieses Trips sein Ziel weit übertroffen: Er ist 48. «Ist okay», sagt er schulterzuckend. Doch innerlich jubelt auch er. Zur Feier des Tages lädt er einige Fahrer zum Resteessen ein.

Am Sonntagabend, 14. Juli, kurz vor 22 Uhr fährt sein gelber Ford Transit wieder im Freiamt ein. Nach 1500 Auto- und Hunderten Bike-Kilometern, Sommerhitze und Gletschereis, vier Rennen, Action und Emotionen. Die Enduro-Bikes am Heck sind ramponiert und Mondriks Knie schmerzt, doch er ist sehr zufrieden. Und am Montagmorgen beginnt der Alltag wieder.