Waltenschwil

Mit Stock, Kamera & Franz-Dix: Ein Waltenschwiler geht auf dem Jakobsweg

René Rohr steht in Jakobsweg-Vollmontur in seinem Garten. Hut und Rucksack sind Spezialanfertigungen. Robert Benz

René Rohr steht in Jakobsweg-Vollmontur in seinem Garten. Hut und Rucksack sind Spezialanfertigungen. Robert Benz

René Rohr aus Waltenschwil im Freiamt geht auf dem Jakobsweg ins 1300 Kilometer entfernte Puenta la Reina in Spanien. «Der Jakobsweg beginnt auf jeden Fall vor der eigenen Haustür», sagt Rohr. Er sei schon sehr nervös, aber auch sehr gespannt.

Er sagt, er sei schon tagelang nervös. Er sagt, er lasse sich überraschen und er sagt, er sei nicht sicher, ob das funktioniere.

Dabei ist René Rohr einfach freudig erregt wie selten, wetzt mit doppelter Geschwindigkeit durch Haus und Garten und steht schon beim ersten Vogelgezwitscher auf, um seinen ausgedehnten Fussmarsch weiter vorzubereiten.

Lebenspartnerin Marianne Hofmann staunt: «Normalerweise stehe ich viel früher auf. Aber in letzter Zeit kommt er schon um Viertel nach fünf die Treppe herunter. Er hat nur noch diese Reise im Kopf.»

Wohlgemerkt läuft Rohr nicht heute und nicht morgen los, sondern in zweieinhalb Wochen. Seine Freundin begleitet ihn auf den ersten Kilometern bis nach Muri, danach ist er auf sich allein gestellt.

Am meisten Sorgen bereiten ihm Füsse und Französisch. Über beides besitzt er wenig Macht und beides ist relativ wichtig, wenn man 1000 Kilometer quer durch Frankreich wandert.

«Ich bin sehr anfällig für Blasen und habe noch kein Patentrezept dagegen gefunden», sagt Rohr. Den drohenden Französisch-Dialogen begegnet er mit einem der wenigen Bücher, die er mitträgt: Französisch für Dummies. Ausserdem dabei: drei Wanderführer für die verschiedenen Abschnitte des Jakobswegs.

Sportliche 14,3 Kilo wiegt der bereits gepackte Spezialrucksack von René Rohr – bis jetzt, muss man sagen.

Hinzu kommt noch das Gewicht der Tagesverpflegung. Hier schlagen vor allem Getränke zu Buche. Auch zwei Zigarren hat er eingepackt. Sie gehören zu seinem Belohnungskonzept und werden in der Hälfte und am Schluss angezündet.

Das erste grosse Zigarren-Ziel ist Le Puy-en-Velay mitten im französischen Zentralmassiv.

Der Ort ist ein bekannter Treffpunkt für Pilger wie Rohr. Von dort aus ist organisieren praktisch nicht mehr nötig.

Alle 20 bis 30 Kilometer finden sich Herbergen und die Einheimischen haben sich längst an die mehr oder weniger exzentrischen Wanderer gewöhnt. Bis Rohr allerdings in Le Puy ankommt, stehen Dutzende Etappen in der französischen Schweiz und in Frankreich an, die es zu erleben gilt.

2010 war René Rohr schon einmal auf dem Jakobsweg. Er startete in West-Frankreich, unweit seines aktuellen Startorts in Saint-Jean-Pied-de-Port.

Ausgiebig frönte er seinem Lieblingshobby, der Fotografie, und schoss rund 7000 Fotos. Genug Bildmaterial, um daraus ein umfangreiches Buch zu basteln. Doch die Fotoqualität seiner Canon Powershot genügte ihm bei weitem nicht.

Bei der Wanderung 2013 wird Rohr nun gleich zwei seiner Prinzipien gerecht: «Der Jakobsweg beginnt auf jeden Fall vor der eigenen Haustür», erklärt er und startet dieses Mal von Zuhause aus.

Und er packt nun eine ausgewachsene Spiegelreflexkamera ein. «Wer etwas von der Fotografie versteht, dem ist Bildrauschen bei so herrlichen Motiven, wie sie diese Wanderung hergibt, einfach ein Graus», so Rohr.

Bereitwillig nimmt er das Zusatzgewicht in Kauf, das er sich auf die Schultern legt, und freut sich über seinen ausgetüftelten Rucksack. Das sei eine Spezialanfertigung eines Schweden, Arn heisse er.

Dank den Taschen an den Trageriemen werde Gewicht nach vorne verlagert. Nicht fehlen dürfen natürlich auch Pilgerstock und ein Hut.

Die Muschel, das Erkennungszeichen der Pilger, hat Rohr am «Ende der Welt» in Finisterra, dem westlichsten Zipfel Spaniens gefunden. Da Rohr kurz vor seiner Abreise vom Waltenschwiler Pfarrer gesegnet wird, kann somit wirklich gar nichts mehr schiefgehen. Französisch und Blasen hin oder her.

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