Das überrascht: Erich Holliger, Leiter öffentliche Sicherheit in Muri und seit mehr als 42 Jahren Polizist, würde heute, «mit dem heutigen Wissen», seinen Beruf nicht mehr wählen – obwohl er ihn immer gerne ausgeübt hat und obwohl er seine Berufszeit als schön und bereichernd empfindet. «Ich wüsste aber auch nicht, welchen Weg ich einschlagen würde, wäre ich nochmals jung», sagt er. Muss er auch nicht: In einem Monat tritt er, 63-jährig, in den frühzeitigen Ruhestand. Zu Hause hat er eine «Löffel-Liste» aufgehängt. «Auf der steht, was ich noch tun will, bevor ich den Löffel abgebe.»

Von den 42 Jahren als Polizist arbeitete Holliger fast 30 Jahre bei der Kantonspolizei, 12 Jahre für die Regionalpolizei Muri, deren Chef er ist. Aus dem damaligen 3-Mann-Betrieb der Gemeindepolizei wurde in dieser Zeit ein Team mit 17 Mitarbeitenden. «Die Regionalpolizei Muri ist heute hervorragend aufgestellt, ausbildungs- und ausrüstungsmässig auf Topstand», freut sich Holliger, der gerne mit seinen Leuten die gestellten Aufgaben meistert.

Die Zusammenarbeit mit der Kantonspolizei funktioniere problemlos, das Einvernehmen mit Gemeinderat Muri und den Behörden der Vertragsgemeinden, mit Staatsanwaltschaft und Gericht, mit der Feuerwehr, dem Regionalen Führungsorgan (RFO) und der Zivilschutzorganisationen sei bestens. Weshalb sagt also einer, der einen solchen Erfolgsausweis vorzeigen kann, er würde diesen Beruf nicht mehr wählen?

Schwindende Anerkennung

«Der Beruf und das ganze Berufsumfeld hat sich stark verändert», begründet Holliger seine Aussage. Belastende Arbeitszeiten, oft in der Nacht und an den Wochenenden, gefährlichere Situationen und höhere Gewaltbereitschaft, weniger Respekt und schwindende Anerkennung sind die Stichworte. «Es gab schon Momente, wo ich mich fragte, weshalb ich das alles auf mich nehme.» Es gibt auch äussere Anzeichen, wie sich das Berufsbild verändert hat: «Früher trugen wir die Pistole im geschlossenen Holster, heute griffbereit offen.

Früher rückten wir sogar nachts oft allein aus, heute aus Sicherheitsgründen in aller Regel immer zu zweit. Und heute trägt praktisch jeder Polizist, jede Polizistin bei jedem Einsatz eine Schutzweste.» Demnächst werden die Regionalpolizisten auch mit Gewehren ausgerüstet und entsprechend ausgebildet: Die auf der anderen Seite haben schon längst aufgerüstet. «Jede Verkehrskontrolle kann eine böse Überraschung mit sich bringen. Terroristen beispielsweise fackeln nicht lange, auf solche Eventualitäten muss man vorbereitet sein.» Holligers Sohn, Vater von zwei Kindern, ist trotzdem auch Polizist geworden.

Veränderte Gesellschaft

Das andre Berufsbild geht einher mit gesellschaftlichen Veränderungen. «Die Polizei wird rasch angegriffen, der Respekt fehlt zunehmend. Dabei machen wir nur den Job, der uns vom Gesetzgeber vorgegeben wird.» Gleichzeitig ist das Sicherheitsbedürfnis in der Bevölkerung gestiegen. «Manchmal reicht ein Krimi im Fernsehen, um Menschen zu verunsichern.» Vor allem ältere Leute fürchten sich vor der Ansammlung von Jugendlichen an bestimmten Punkten oder vor einer Gruppe Menschen anderer Hautfarbe. «Dabei sind 99 Prozent dieser Personen nette Menschen.» Um das gesteigerte Sicherheitsbedürfnis zu befriedigen, hat die Polizei ihre sichtbare Präsenz im Vergleich zu früher massiv gesteigert. «Über 40 Prozent unserer Arbeit entfällt heute auf diese sichtbare Präsenz.»

Gutes Gefühl

Der scheidende Polizeichef kann seinem Beruf trotz schwierigen Situationen und belastenden Erlebnissen viele schöne und befriedigende Seiten abgewinnen. Aber er kann nicht von einem «schönsten Erlebnis» erzählen. «Wenn wir den Wunsch der Bevölkerung nach Sicherheit und Schutz gewährleisten können, dann ist das ein gutes Gefühl.» Angst kannte Holliger bei all seinen Einsätzen nicht. «Als Polizist ist man ausgerüstet und ausgebildet, wer Angst hat, macht Fehler», sagt er.

Aber ein Polizist müsse mit viel Respekt an seine Aufgaben herantreten und seine eigene Sicherheit immer an oberster Stelle einstufen – selbst auf dem Land. Eine Tatsache ist nämlich, dass das ländliche Oberfreiamt auch keine heile Welt mehr ist. «So nehmen beispielsweise die Fälle häuslicher Gewalt, gemessen an der Bevölkerungsdichte, genauso zu wie in städtischen Gebieten.» Oft sind Polizisten dabei mit gehöriger Gewaltbereitschaft konfrontiert.

Zeit für Reisen

Erich Holliger hat die Frage selbstverständlich erwartet: «Nach der Pensionierung habe ich mehr Zeit, mit meiner Frau Reisen zu unternehmen – sie hat sich nach 25 Jahren Arbeit im Steueramt Wohlen ebenfalls frühzeitig pensionieren lassen», freut er sich auf die kommenden Jahre. Er hat eine Weltkarte aufgehängt mit Nadeln dort, wo sie schon waren. «Ich bin schon bisher viel gereist, aber die Welt ist gross.» Auf der Löffel-Liste stehen mögliche Ziele: in Südamerika, in Asien, aber auch Aufenthalte im Wohnwagen in Italien oder in der Schweiz. Holliger bleibt bei der Planung seiner Pensionierung so flexibel wie seine Liste: «Die ändert sich immer wieder etwas, und sie ist nie ganz fertig.»