Villmergen
Nach 43 Jahren: Mister Schule geht in den Ruhestand

Claudio Fischer ist seit 1975 Lehrer in Villmergen und hat die Schule 43 Jahre lang entscheidend mitgeprägt.

Toni Widmer
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Claudio Fischer vor dem Schulhaus Hof: Vor 43 Jahren hat er hier als junger Lehrer begonnen, in zwei Wochen geht er als Schulleiter in Pension. Toni Widmer

Claudio Fischer vor dem Schulhaus Hof: Vor 43 Jahren hat er hier als junger Lehrer begonnen, in zwei Wochen geht er als Schulleiter in Pension. Toni Widmer

Toni Widmer

«Schüler oder Lehrer?», wurde der damals knapp 20-jährige Claudio Fischer vom legendären Villmerger Schulmeister Ernst Zimmermann gefragt, als er am 24. April 1975 erstmals das Schulhaus Hof betrat. 43 Jahre später ist Claudio Fischer selber zur Legende geworden. Wohl kaum jemand zuvor hat die Schule Villmergen über Jahrzehnte so geprägt wie er. Vor den Sommerferien verabschiedet sich der noch amtierende Schulleiter im Alter von 63 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand.

Ursprünglich wollte Claudio Fischer zwei Jahre als Primarlehrer in Villmergen unterrichten und dann weiterstudieren. Bezirkslehrer wollte er werden, so wie sein grosses Vorbild, der Wohler Bezirkslehrer Anton Wohler. Von ihm sagt Fischer: «Toni Wohler war massgeblich dafür verantwortlich, dass ich den Lehrerberuf ergriffen habe.»

Zehnkämpfer bleiben

Es kam anders: «Ich habe recht schnell gemerkt, dass ich mich als Lehrer nicht auf ein paar wenige Fächer spezialisieren, sondern ein Zehnkämpfer bleiben und weiterhin als Mittelstufenlehrer die Schülerinnen und Schüler bilden und begeistern wollte.» Dafür, dass der junge, in Dottikon aufgewachsene Lehrer bald auch seine Zelte in Villmergen aufgeschlagen hat, war das Jugendfest 1978 entscheidend mitverantwortlich: «Es war ein tolles Fest, wie ich es bis dahin noch nie erlebt hatte. Die lebendige und aktive Dorfgemeinschaft hat mich sehr beeindruckt und da habe ich beschlossen: ‹Hier möchte ich bleiben.›»

Nachdenklicher Claudio Fischer bei einem Besuch des Bildungsministers 2012: Er war nicht immer mit allem ganz einverstanden, was «in Aarau» ausgebrütet wurde.

Nachdenklicher Claudio Fischer bei einem Besuch des Bildungsministers 2012: Er war nicht immer mit allem ganz einverstanden, was «in Aarau» ausgebrütet wurde.

zVg

Auch in der Schule lief es rund. Fischer wechselte an die Realschule, bildete mit den bewährten und geachteten Lehrern Otto Walti, Ruedi Leuppi und Franz Wille ein gut harmonierendes Real-Team und übernahm bald auch in regelmässigen Abständen immer wieder Verantwortung als Rektor. «Ich war gerne Lehrer und habe in meinen Beruf auch immer viel investiert. Das erachtete ich zeitlebens als wichtig, denn als Lehrer bist du nie fertig. Es gibt immer neue Themen, die du schülergerechter vermitteln kannst. Und jede Klasse erfordert eine Überarbeitung des Unterrichtsstoffs.» Bald wurde er auch in der Lehrerausbildung als Praxislehrer tätig. Fischers grosses Engagement wurde auch von den Behörden und Eltern wahrgenommen. Im Dorf hiess es bald respektvoll: «Das ist nicht einfach ein Lehrer, der ist mit der Schule verheiratet.» – «Jo, da hani au öppe müesse ghöre», sagt Claudio Fischer schmunzelnd.

Viel Arbeit, keine Kompetenzen

Die Schule wuchs, die Anforderungen auch. Bedingt durch Lehrplananpassungen und neue politische Vorgaben wurde vieles komplexer. Auch in Villmergen blieb die Zeit nicht stehen: Schule und Unterricht entwickelten sich weiter. Fischer, der zwischenzeitlich acht Jahre lang zusätzlich nebenamtlich als Inspektor tätig gewesen war, unterrichtete mittlerweile an der Oberstufe. Er hatte die Lehrberechtigung für Französisch und Italienisch erworben.

Das Rektorat stiess immer mehr an seine Grenzen: Keine Kompetenzen, aber eine Menge Arbeit – so konnte es nicht weitergehen. «Gemeinsam mit der Schulpflege suchten Andreas Weber und ich neue Konzepte, und zusammen haben wir schliesslich nach und nach die Schulleitung aufgegleist.» Fischer hatte sich schon lange mit der Unterrichtsentwicklung und erweiterten Lehrformen befasst: «Es ging mir nicht darum, das bisherige System auf den Kopf zu stellen. Mein Ziel war es stets, mit Verbesserungen im eigenen Unterricht und an der Schule ein Umfeld und eine Lernatmosphäre zu schaffen, von denen die Schülerinnen und Schüler möglichst viel profitieren konnten.»

Bereits im Jahr 1998, als sich im Aargau noch wenige und im Freiamt kaum eine Schule damit befassten, wurden in Villmergen erste Profile für eine geleitete Schule entworfen. 2001 wurde dieses Konzept erarbeitet und Claudio Fischer als Schulleiter eingesetzt: «Ich bin da so reingerutscht. Infrage gekommen sind für diese Aufgabe Andreas Weber oder ich. Andreas hat aus Rücksicht auf seine Familie eine Teilverantwortung übernommen, also habe ich mich der zeitlich intensiven Hauptverantwortung gestellt.»

Pioniere bei der Schulleitung

Seine Ausbildung zum Schulleiter absolvierte Fischer an der Akademie für Erwachsenenbildung in Luzern, berufsbegleitend über drei Jahre. In der Innerschweiz hatte man mit den geleiteten Schulen schon Erfahrung. Anfangs war Claudio Fischer 50% Schulleiter und 50% Lehrer. Er musste sich tüchtig in die neue Aufgabe hineinknien und war zeitlich oft am Anschlag. «Wir sind Schritt für Schritt vorgegangen, dennoch war es zeitweise recht streng und ich hatte oft das Gefühl, dass ich als ‹Nebenbei-Lehrer› im Unterricht den eigenen Erwartungen nicht mehr vollumfänglich gerecht werden konnte. Deshalb war ich froh, als das Schulleiter-Pensum nach und nach aufgestockt wurde und ich mich schliesslich ganz dieser Aufgabe widmen konnte.»

Villmergen gehörte mit seiner geleiteten Schule vor 16 Jahren zu den Pionieren im Freiamt, und Fischers Erfahrungen und Ratschläge waren in der Region entsprechend gefragt. Er hat sich nie geziert und sein erarbeitetes Wissen gerne weitergegeben. So dürften bis heute in verschiedenen Freiämter Schulen Konzepte bestehen, die in ihrem Ursprung auf den Villmerger Erfahrungen basieren.

Die Schule Villmergen hat sich gut entwickelt und gilt bis heute als eine der guten Schulen in der Region. Claudio Fischer führt das aber nicht nur auf das Engagement von ihm und seinen Kolleginnen und Kollegen zurück, sondern auch auf die Mitarbeit der Lehrpersonen und der Behörden: «Wir konnten kontinuierlich arbeiten und durften immer auf die Unterstützung der Schulpflege und des Gemeinderates zählen. Sie haben uns ihr Vertrauen geschenkt und uns arbeiten lassen. Das hat uns vieles erleichtert. Dafür bedanke ich mich auch auf diesem Weg sehr herzlich.»

Hätte eigentlich noch nicht genug

Die Schule Villmergen wird sich weiterentwickeln, Claudio Fischer aber verabschiedet sich zwei Jahre vor seiner regulären Pensionierung. Hat er genug? Der Bald-Pensionär lacht und wird dann ernster: «Nein, eigentlich habe ich nicht genug. Ich liebe meinen Job bis heute und arbeite nach wie vor gerne. Doch die Schule Villmergen ist in den letzten Jahren gewaltig gewachsen. Als ich als Schulleiter angefangen habe, waren wir 43 Lehrkräfte, jetzt sind es 100. Eine Schulstufe allein ist heute fast so gross wie früher die halbe Schule. Man kann sie somit auch nicht mehr so leiten wie bisher.» Der Schulleiter müsse mehr Verantwortung an die Stufenleiter delegieren und werde so mehr und mehr zum Manager. Damit gehe jedoch die Nähe zu den Schülern und Lehrkräften verloren. Und das sei nicht mehr ganz sein Job: «Es wäre schlecht für die Schule, wenn ich jetzt noch zwei Jahre weitermachen würde. Ich habe zwar das neue Führungskonzept angeregt, aber umsetzen möchte ich es nicht mehr.»

Nachfolger ist Iso Kalchofner

Auf den 1. August wird Iso Kalchofner die Schulleitung in einem 80-Prozent-Pensum übernehmen. Fischer ist überzeugt von ihm und auch vom neuen Konzept: «Das ist das, was die Schule Villmergen jetzt braucht.» Es gebe viel zu tun, und es sei gut, dass ein Neuer komme: «Der schaut mit anderen Augen hin und kann allfällige blinde Flecken beleuchten.»

Und Claudio Fischer, der in Villmergen nicht nur zum Mister Schule geworden ist, sondern – unter anderem – auch über Jahre den Kirchenchor präsidierte, sich im Vorstand des Kulturkreises engagierte, lange Jahre zusammen mit Otto Walti die Villmerger Blätter herausgab, Chef des Gemeindeführungsstabes war, in verschiedenen Baukommissionen und Organisationskomitees mitwirkte – was macht er jetzt? Schafft er die Kurve von 120 auf O?

Auf den Hund gekommen

«Klar», sagt Claudio Fischer, und seine Augen beginnen zu leuchten: «Ich habe seit kurzem einen Hund, einen Cockerspaniel. Mit meiner Partnerin und ihm zusammen will ich vermehrt die Natur geniessen. Ich möchte wandern, Rad fahren, auf dem Wasser unterwegs sein, in der Schweiz und an ruhigen Orten im Ausland. Sicher werden wir auch reisen, etwa nach Argentinien, dem Heimatland meiner Partnerin. Ich werde jeden Tag mindestens je eine Stunde Sport treiben, Spanisch lernen, mein Englisch verbessern, und ich werde lesen, lesen, lesen. Auch will ich mich in die Religions- und Kirchengeschichte vertiefen, zu der ich noch viele offene Fragen habe.» Ein weiteres Projekt sind die Bilder seiner Grosseltern, dem Künstlerehepaar Hans Eric Fischer und Ursula Fischer-Klemm: «Von ihnen liegen Hunderte von Bildern in meinem Keller. Diese Sammlung möchte ich aufarbeiten und allenfalls wieder einmal eine Ausstellung damit organisieren.» Vielleicht taucht er auch ab und zu in einem der Villmerger Schulhäuser zum Pausenkaffee auf. Er wäre bestimmt überall willkommen, denn eines ist sicher: Die Schule Villmergen wird ihren Claudio Fischer vermissen.

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