Draussen liegt dichter Nebel, aber drinnen, im Gemeindehaus von Oberwil-Lieli, strahlen dem frühen Besucher freundliche Gesichter entgegen. Man fühlt sich willkommen an diesem Ort. Gemeindeammann Ilias Läber hat einen kräftigen Händedruck und schaut seinem Besucher mit offenem Blick in die Augen. Keine Frage, das ist einer, der als Oberleutnant der Artillerie genauso seinen Mann steht, respektive stand, wie als Partner der Cevian Capital AG, als Familienvater und Ehemann oder eben als Vorsteher des Gemeinderats von Oberwil-Lieli. «Ja, ich muss schon sagen, mir gefällt das, wenn ich schalten und walten kann», bestätigt Läber die Frage nach seinem Leader-Gen. «Ich bin vom Typ her sicher einer, der lieber vorangeht als hinterherzulaufen.»

Dass der sportliche Finanzberater aus Döttingen schon fünf Jahre nach seinem Einzug in Oberwil-Lieli zum Gemeindeammann gewählt würde, hätte sich Läber im Sommer 2012 nicht gedacht: «Wir haben am Neuzuzügeranlass im August den Gemeinderat und meinen Vorgänger, Andreas Glarner, kennen gelernt. Da habe ich zu Andi gesagt: ‹Wenn Du mal einen brauchst für die Finanzkommission oder so, dann wäre das etwas, wofür ich den Background hätte.› Kurze Zeit später rief er mich an und sagte, er suche tatsächlich jemanden für die Finanzkommission, vor allem aber auch für den Gemeinderat ...» Seine Frau habe zuerst gesagt: «Nein, das machst du jetzt nicht auch noch!» Aber nachdem sie die Sache miteinander ausdiskutiert hatten, stellte er sich der Wahl.

Er hing an allen Strassenlaternen

Es kann sein, dass ihm seine Popularität als BDP-Kandidat bei den Grossratswahlen 2012 den Weg in den Gemeinderat noch zusätzlich geebnet hatte. «Bernhard Guhl wollte eigentlich meine Frau auf die Liste setzen, aber sie hat dann nein gesagt. Also habe ich mich zur Verfügung gestellt», erzählt der heute Parteilose die Anekdote, die ihn heute noch zum Lachen bringt. «Stellen Sie sich vor: Wir ziehen in unser neues Haus nach Oberwil-Lieli, und noch bevor wir da richtig angekommen sind, hänge ich schon an sämtlichen Strassenlaternen.» So lernten die Oberwil-Lieler ihren zukünftigen Gemeindeammann schon kennen, während dieser mit seiner Frau und den drei Kindern noch Umzugskartons von Bäch SZ auf den Mutschellen transportierte.

«Mir ist es wichtig, mich in der Gemeinde, in der ich wohne, auch zu engagieren», sagt der 45-Jährige, dessen Einsatz als Gemeinderat am Ende seiner ersten Amtsperiode, im Herbst 2017, vom Stimmvolk mit der klaren Wahl zum Gemeindeammann honoriert wurde. «So kann ich etwas zurückgeben für all das, was ich vom Kanton schon bekommen habe. Ich bin ein Aargauer, ging in Döttingen zur Schule, in die Bez in Klingnau und in Baden in die Kanti. Der Aargau hat sozusagen meine Ausbildung bezahlt und dafür bin ich dankbar. Es ist für mich so eine Sache von Geben und Nehmen.» An der ETH Zürich machte Läber sein Diplom als Elektroingenieur und doktorierte anschliessend noch in Volkswirtschaft an der Universität Zürich.

Läber ist keiner von denen, die eine gute Ausbildung und beruflichen Erfolg zum Anlass nehmen, auf andere herabzusehen. Er begegnet seinen Mitmenschen auf Augenhöhe: «Wenn man das nicht tut, macht man sich lächerlich und wirkt unglaubwürdig.» Daran erinnere ihn und seine Gemeinderatskollegen immer die Figur des «Kaisers mit den neuen Kleidern», die im Ratszimmer steht. «Die Figur hat Andi Glarner einmal geschenkt bekommen. Sie zeigt eben, wie trügerisch es ist, wenn einem alle nach dem Mund reden, nur weil man eine Führungsposition innehat.»

Einwohner als Kunden behandeln

Er selbst scheint eine gesunde Distanz zu jeglichem Positionsdünkel zu haben: «Wir haben hier eine hohe Servicementalität. Das gilt für alle 35 Mitarbeitenden, quer durch alle Abteilungen. Für uns sind die Einwohner Kunden, die wir gut behandeln, egal, mit welchem Anliegen sie zu uns kommen.» Andreas Glarner habe ihm die Gemeinde in diesem guten Zustand übergeben. Für ihn gelte es nun, das hohe Level beizubehalten. «Oberwil-Lieli ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Der Platz für Einfamilienhäuser wird langsam knapp. Ausserdem haben wir ein paar grosse Bauprojekte realisiert, was die Abschreibungen von 600 000 auf 1,5 Mio. Franken hat ansteigen lassen. Ich werde bei Bauten in Zukunft also eher auf die Bremse treten.»

Raus aus den Schlagzeilen

Aus den Medien war Oberwil-Lieli nach Läbers Amtsantritt plötzlich verschwunden. Dies, nachdem das Dorf durch Andreas Glarners scharfe Kritik an der Schweizer Asylpolitik für fette Schlagzeilen gesorgt und die Gemeinde selber in zwei Lager gespalten hatte. «Es war die feste Absicht von mir und dem ganzen Gemeinderat, nun erst einmal Ruhe einkehren zu lassen», erklärt Läber. «Es gab keinen Grund für mich, vor die Medien zu treten. Ich wollte mich zuerst in meinem neuen Amt zurechtfinden. Wenn es nun etwas zu vermelden gibt, dann tue ich das gerne.» Was die Aufnahme von Asylsuchenden angehe, da habe man einen für alle Seiten tragbaren Kompromiss gefunden, der funktioniere: «Wir beherbergen eine Familie mit Kindern in unserer Asylwohnung und haben eine Verbundlösung mit Rudolfstetten, womit wir unsere Aufnahmepflicht nach Vorgabe des Gesetzes erfüllen.»

Er sei sicher jemand, der weniger polarisiere als sein Vorgänger, meint der neue Gemeindeammann, dennoch schätze er Glarner sehr, da er ihm mit all seiner Erfahrung auch heute noch ein guter Sparringpartner und Freund sei. «Auch seine Art, Gemeindeversammlungen zu leiten, habe ich übernommen. Ich präsentiere alle Geschäfte in einer Powerpointpräsentation und erkläre sie so, dass sie jeder verstehen kann.» Das hat nun schon zweimal sehr gut funktioniert.

Die Rückmeldungen aus der Bevölkerung seien sehr positiv gewesen, freut sich Läber, dem es auch sehr wichtig ist, seine Informationen immer mit einer gesunden Prise Humor zu vermitteln. Mit dieser Einstellung schafft er auch den Spagat, den er zusammen mit dem ganzen Dorf macht: Die ländlich geprägte Gemeinde ist durch den Zuzug begüterter Menschen stark gewachsen. Diese suchen zwar das steuergünstige Leben auf dem Land, erwarten aber dennoch ein umfassendes Angebot von der Gemeinde.