Mühlau
Reiche Ernte: CVP-Grossrat Ralf Bucher blickt als oberster Freiämter Bauer auf das Coronajahr zurück

Der Mühlauer Ralf Bucher, CVP-Grossrat und oberster Freiämter Bauer, blickt auf das Coronajahr zurück und erzählt von den Herausforderungen für die Landwirtschaft im 2021.

Pascal Bruhin
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Ralf Bucher, Landwirt, Grossrat und Geschäftsführer des Bauernverbands schaut froh auf das spezielle Jahr 2020 zurück.

Ralf Bucher, Landwirt, Grossrat und Geschäftsführer des Bauernverbands schaut froh auf das spezielle Jahr 2020 zurück.

Britta Gut

«2020 war ein spezielles, aber letztlich ein gutes Jahr für die Freiämter Bauern», sagt Ralf Bucher, CVP-Grossrat und Geschäftsführer der Geschäftsstelle Muri des Bauernverband Aargau. Die «Aargauer Zeitung» trifft ihn zum Interview auf seinem Landwirtschaftsbetrieb in Mühlau. «Nicht zu trocken, genug Regen, eigentlich ein perfektes Jahr», zieht Bucher das Fazit des in vielen Bereichen besonderen Jahres.

Nachdem das Landwirtschaftsjahr im sehr trockenen April mit viel Bangen startete und Erinnerungen an das Trockenjahr 2018 aufkamen, rollten die Regenwolken gerade noch rechtzeitig heran. «Das gute Wetter sorgte für sehr gute Erträge in fast allen Bereichen», sagt Bucher. Im Freiamt werden vor allem Gras für die Heu- und Silageproduktion sowie Futter- und Zuckermais angebaut, die Fleisch-, Milch- und Eierproduktion spielt eine grosse Rolle. Überdurchschnittlich viele Tiere werden im Freiamt gehalten. Auch Bucher baut Gras, Mais und etwas Dinkel an und verkauft das Fleisch seiner Rinder unter dem Natura-Beef-Label.

Wegen Corona war Angst um Fleischmarkt gross

«Es gibt immer Gewinner und Verlierer», sagt der 40-Jährige. Im Frühling war die Sorge bei den Landwirten gross, dass insbesondere der Fleischmarkt infolge der geschlossenen Gastronomiebetriebe zum Erliegen kommt. «Im Nachhinein hat sich gezeigt, dass es nur zu einem kurzfristigen Angebotsüberschuss kam», sagt Bucher. «Durch die erhöhte Nachfrage im Detailhandel konnte der Wegfall der Gastronomie bald stabilisiert werden.»

Dennoch mussten vor allem Gastro-Zulieferer neue Verkaufskanäle finden. Eindrücklich sei dabei die massive Zunahme des Direktverkaufs. «Zwischenzeitlich sind viele Hofläden regelrecht überrannt worden und mussten sich die Frage stellen: Wie lange geht das, ohne zusätzliches Personal einzustellen?» Mittlerweile habe sich der Run zwar etwas gelegt. Dennoch liegt die Nachfrage im Direktverkauf rund 10Prozent höher als im Vorjahr.

«Gewisse Märkte sind eingebrochen, aber es sind auch neue Chancen entstanden», meint Bucher. Der Bauernverband will deshalb die Direktvermarktung der Betriebe mit Angeboten wie der «Saisonbox» oder «Buur on Tour» weiter fördern. Ziel soll es sein, dass der Kunde Produkte von verschiedenen Betrieben in einer Lieferung erhalten kann.

Ausfall der Saisonniers gab den Bauern zu denken

Die Befürchtung im Frühjahr, dass aufgrund der Grenzschliessungen keine Saisonniers aus dem Ausland kämen und so schlimmstenfalls ein Grossteil der Ernte auf dem Feld vergammeln müsste, war gross. Durch die Solidarität von einheimischen Arbeitern aus branchennahen Berufen, wie beispielsweise der Gastronomie, oder Menschen in Kurzarbeit, konnte der Ausfall grösstenteils kompensiert werden. «Im Freiamt ist mir kein Landwirt bekannt, der seine Ernte umackern musste, weil er keine Arbeiter zur Ernte fand», sagt Bucher.

Wichtiges Signal, dass Schweizer Bauern da sind

Leere Regale, Eier und Mehl ausverkauft: Erinnerungen, die bleiben. «In dieser schwierigen Zeit war es ein wichtiges Signal, dass die Schweizer Bauern da sind», sagt Bucher. «Vielen wurde klar, dass die Landwirtschaft zu den systemrelevanten Bereichen zählt. Ohne uns Bauern geht es nicht.» Vor Corona hätte die Landwirtschaft unter gewaltigem Druck gestanden, alles sei hinterfragt worden. «Diese neue Wertschätzung tut gut.»

Das positive Feedback des Jahres 2021 sollen die Freiämter Bauern denn auch ins nächste Jahr mitnehmen. Denn für die Landwirtschaft stehen mit den eidgenössischen Trinkwasser- und Pestizidfrei-Initiativen, über die voraussichtlich im Juni abgestimmt wird, gleich zwei wegweisende Begehren auf der politischen Agenda. «98% der Bauern haben Angst vor einem Ja zu diesen extremen Agrar-Initiativen», sagt Bucher. Betroffen seien auch Bio-Bauern.

«Wenn der Markt mehr Bio verlangt, produzieren wir»

«Man darf zurecht von der Landwirtschaft etwas fordern, aber man darf sie nicht überfordern», sagt Bucher. Die Landwirtschaft strebe schon seit langem an, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln weiter zu reduzieren. Gerade bei Bio-Produkten stagniere jedoch die Nachfrage, weshalb eine erhöhte Produktion zu einem Angebotsüberschuss führen würde. Bucher sieht deshalb vor allem den Konsumenten in der Pflicht: «Wenn der Markt mehr Bio verlangt, produzieren wir auch mehr.» Für beide Initiativen hat der Bauernverband Aargau die Nein-Parole beschlossen.

«Den Weg zu mehr Nachhaltigkeit gehen wir weiter, ob die Initiativen angenommen werden oder nicht», sagt Bucher, der auch im Stiftungsrat des Forschungsinstituts für biologischen Landbau einsitzt. Aber die Entwicklung brauche Zeit. Neue Züchtungen, die resistent gegen Krankheitserreger sind, gäbe es bereits, allerdings seien diese noch nicht wirklich geniessbar.

Das Bewusstsein für einen sorgsamen Umgang mit Pflanzenschutzmitteln werde aber bei den Landwirten immer grösser. Nun gelte es, dies auch so zu kommunizieren, meint Bucher. «Wir müssen jetzt den Menschen aufzeigen, dass wir den Handlungsbedarf sehen und noch zu viel mehr bereit sind.»