«Es geht mir nicht gut», sagte Stefan (alle Namen geändert) gestern vor Bezirksgericht Muri. «Also eigentlich geht es mir todverschissen.» Er könne nicht schlafen, traue sich in der Nacht nicht aufs WC und lasse in seinem Haus rund um die Uhr das Licht brennen. «Diese Kreatur hat mein Leben zerstört», sagte Stefan. «Ich hoffe, dass er heute direkt in die Kiste geht.» Während Stefan die Fragen von Gerichtspräsidentin Simone Baumgartner beantwortet, sitzt Miro in einem anderen Zimmer. Stefan will ihn nie wieder sehen. Miro ist der Grund für seine Angst. Miro ist schuld, dass er nachts keine Ruhe mehr findet. Miro ist jener Mann, der im Frühling 2017 mit Baseballschläger und Pistole mitten in der Nacht in seinem Haus stand.

Er wollte Stefan eine Abreibung verpassen und ihn zu einer Entschuldigung zwingen. Einer Entschuldigung für jene «intime Nacht im Tessin», die Stefan mit Miros Geliebter verbracht haben soll, wie es in der Anklageschrift heisst. Ausserdem wollte er, dass Stefan die Betreibungen zurückzieht und die 25 000 Franken Schulden seiner Geliebten bezahlt.

Klirren reisst ihn aus dem Schlaf

In der Tatnacht schloss Miro gegen 23 Uhr sein Pub, das er von Stefan gemietet hatte. Er fährt nach Hause, steckt Kabelbinder, eine Taschenlampe, eine Pistole, einen Schlagring, Latexhandschuhe und einen Baseballschläger in eine Tasche und einen Fingerring mit aufgesetzter Klinge in seinen Hosensack. Er steigt wieder ins Auto und fährt an Stefans Wohnort, parkiert in der Nähe des Hauses, geht zu Fuss zur Gartensitzplatztüre. Mit einem Stein schlägt er die Scheibe ein und steigt ins Haus.

Stefan erwacht, weil er Scherben klirren hört. Er glaubt, sein Sohn habe etwas kaputt gemacht und stehe nun barfuss in einem Scherbenhaufen. Deshalb sei er aufgestanden, habe seinem Sohn gerufen «Philipp, ich komme!» und sei losgerannt. «Als ich um die Ecke kam, stand da jemand auf der Treppe und schlug zu. Dann weiss ich nichts mehr. Ich bin die Treppe runter gefallen.» Miro habe er erst erkannt, als dieser sagte: «Du Sauhund hast mich nicht zu betreiben.» Es kommt zum Gerangel. Laut Anklageschrift schlägt Miro mit dem Baseballschläger etwa fünfmal gegen Stefans Kopf und drei- bis viermal gegen dessen Oberkörper und Arme. «Derart stark, dass der Baseballschläger brach», heisst es in der Anklageschrift.

Warum er zugeschlagen habe, will Gerichtspräsidentin Baumgartner von Stefan wissen. «Weil er laut schrie. Ich bin selber erschrocken. Ich habe nicht mit Gegenwehr gerechnet.» Er sei eigentlich ein friedlicher Typ. Wenn es im Pub zu Streitigkeiten gekommen sei, habe er immer geschlichtet. Ob er zwei Gesichter habe, will die Gerichtspräsidentin wissen. «Nein, ganz sicher nicht», sagt Miro. Er könne sich das nur mit seinem Drogenkonsum erklären. Am Tag der Tat hatte er Kokain intus.

Extrem brutales Vorgehen

Vor Gericht führte der 47-Jährige aus, dass es eigentlich sein Plan war, Stefan zu plagen. Er hätte ihn mit dem Kabelbinder gefesselt, sodass Stefan hilflos gewesen wäre. «Ich dachte, wenn er den Baseballschläger sieht, macht er keinen Mucks mehr.» Auch die Pistole und den Schlagring habe er nur dabei gehabt, um Stefan Angst zu machen.

Doch die Situation entglitt Miro. Laut Anklage kam er gar nicht mehr dazu, die 25 000 Franken zu fordern. Er verlangte lediglich, dass Stefan die Betreibungen zurückziehe, indem er ihm die Pistole an den Kopf hielt. Es sind Bilder, die Stefan bis heute verfolgen. «In diesem Moment habe ich mit meinem Leben abgeschlossen.» Für ihn gebe es nur einen Grund, warum Miro nicht abdrückte: «Er wollte mich verrecken lassen.» Miro hingegen sagte: «Ich wollte ihn sicher nie töten.»

Staatsanwalt Werner Burkart beantragte acht Jahre Gefängnis und eine Busse von 2000 Franken wegen versuchter eventualvorsätzlicher Tötung, versuchter räuberischer Erpressung, versuchter Freiheitsberaubung sowie Widerhandlungen gegen das Waffen-, Strassen- und Betäubungsmittelgesetz. Miro sei mit einer extremen Brutalität und Entschlossenheit vorgegangen. «Er musste damit rechnen, dass er Stefan tötet oder schwer verletzt.»

Verteidiger Christoph Waller verlangte eine teilbedingte Gefängnisstrafe von 2,5 Jahren wegen einfacher Körperverletzung. Der Staatsanwaltschaft gelinge es nicht, nachzuweisen, dass sein Mandant Stefans Tod in Kauf genommen habe. «Seine Pläne der Tat zeigen, dass er ihn nicht töten oder verletzen wollte.» Ausserdem sei nicht bewiesen, dass die Verletzungen am Kopf vom Schlag mit dem Baseballschläger herrühren und er sich diese nicht zugezogen habe, als er die Treppe herunterstürzte. Weiter argumentiert Waller, der Schläger sei während des Sturzes gebrochen und nicht, weil sein Mandant so stark zugeschlagen habe. Das Gericht eröffnet das Urteil heute Mittwoch.