Bremgarten

Sie war die erste Gerichtspräsidentin im Aargau – jetzt wird Isabelle Wipf pensioniert

Isabelle Wipf war 26 Jahre lang als Gerichtspräsidentin am Bezirksgericht Bremgarten tätig.

Isabelle Wipf war 26 Jahre lang als Gerichtspräsidentin am Bezirksgericht Bremgarten tätig.

Isabelle Wipf war 1993 eine Pionierin – Ende Juli geht sie nach 26 Jahren am Bezirksgericht Bremgarten vorzeitig in Pension.

Schon der erste Fall, den sie als Gerichtspräsidentin am Bezirksgericht Bremgarten präsidierte, kostete Substanz: «Es ging um einen Vater, der seine zwei Töchter sexuell missbraucht hatte. Die Mutter, die wir als Zeugin einvernommen haben, hat geschworen, über all die Jahre nichts bemerkt zu haben. Zwei Wochen nach der Verhandlung hat sie sich in Lenzburg vor den Zug geworfen. Das hat mich noch lange beschäftigt.»

Über 1000 Straffälle und 1500 Scheidungen

Über 1000 Straffälle hat Isabelle Wipf seit 1993 beurteilt. Es ging um Mord, um Drogenhandel, um Betrug und unlauteren Wettbewerb, um einfachen Diebstahl, um Tätlichkeiten. Mit der ganzen Palette des Straf- und Zivilrechts, insbesondere auch des Konkurs- und Familienrechts hatte sich die Gerichtspräsidentin im vergangenen Vierteljahrhundert zu befassen. Über 1500 Scheidungen hatte sie auszusprechen. «Es war immer spannend und abwechslungsreich», sagt sie, «gelegentlich recht belastend, aber zwischendurch auch erheiternd.»

So habe sie einst einem Mann einen Hafturlaub bewilligt, damit dieser mit seinem Sohn eine Reise unternehmen konnte. «Er hat mir dann einen Urlaubsgruss geschickt und sich für meinen Entscheid bedankt», erzählt sie und zeigt die Ansichtskarte vom Roten Meer, die sie bis heute aufbewahrt hat.

Sie wollte es anders machen als ihre Mutter

Warum eigentlich ist die gebürtige Badenerin 1993 Gerichtspräsidentin geworden? Als Anwältin hätte sie doch unter Umständen ein weit höheres Gehalt beziehen können? «Das mag sein», schmunzelt Isabelle Wipf, «doch ein möglichst hohes Gehalt war für mich nie ein Thema. Ich wollte einfach arbeiten, neben meiner Rolle als Familienfrau und Mutter, und das in einem möglichst vielseitigen und interessanten Job.» Ihre Mutter, erzählt sie, sei auch Juristin gewesen, eine der ersten gar, die an der Uni Zürich studiert hatte: «Doch sie hat sich nach ihrem Studium ganz der Familie gewidmet, das Anwaltspatent nicht gemacht und ist später dann auch nie in ihren Beruf zurückgekehrt. Ich wollte es anders machen, das war mir schon als junge Frau klar.» Isabelle Wipf erwarb das Anwaltspatent, arbeitete vorerst in einer renommierten Kanzlei in Baden und wechselte dann zum Rechtsdienst einer Bank, wo sie 10 Jahre blieb und sogar dessen Leitung übernahm. Die gesammelten Erfahrungen in dieser anspruchsvollen Tätigkeit erklären auch, warum sie später als Gerichtspräsidentin oft mit schwierigen Straffällen im Bereich Wirtschaftskriminalität betraut worden ist und diese erfolgreich gemeistert hat.

Dann kamen die Kinder. Isabelle Wipf hat zwei Töchter, 28- und 29-jährig, beide sind zurzeit an der Doktorarbeit. Eine hat Biologie studiert, die zweite Jura, wie ihre Mutter, ihre Grossmutter und ihr Grossvater, ein Onkel mütterlicherseits und Vater Peter Wipf.

1989 kaufte die Familie ein Haus in Hermetschwil-Staffeln und zog ins Freiamt. Isabelle Wipf, die schon als 20-Jährige in Baden in der FDP politisch aktiv gewesen war, blieb es auch in ihrer neuen Heimat. Als der damalige Vizepräsident Hans Ulrich Meyer in Pension ging, wurde sie von der FDP als Nachfolgerin für das 50-Prozent-Pensum am Bezirksgericht Bremgarten nominiert und in stiller Wahl gewählt. «Ich musste damals bei allen Bezirksparteien antraben und mich vorstellen. Meine fachlichen Qualitäten waren dabei kaum ein Thema. Man wollte vielmehr wissen, ob denn meine Rolle als junge Mutter mit jener als Gerichtspräsidentin vereinbar sei. Vor allem die CVP hat diesbezüglich sehr kritische Fragen gestellt», blickt Isabelle Wipf auf das Jahr 1993 zurück. Auch im Dorf sei sie ab und an darauf angesprochen worden: «Ja brauchen Sie das, müssen Sie arbeiten gehen?»

«Ich musste nicht arbeiten, ich wollte arbeiten»

«Nein, müssen nicht, aber wollen», lacht die Rentnerin in spe. Sie sei überzeugt, dass ihre beiden Töchter nie unter ihrem beruflichen Engagement und ihren verschiedenen nebenberuflichen Tätigkeiten gelitten hätten – Isabelle Wipf hat sich über Jahrzehnte auch in verschiedenen Organisationen, Kommissionen und Verbänden engagiert. «Im Gegenteil. Weil sie im Haushalt von klein auf gewisse Tätigkeiten übernehmen mussten, sind sie früh selbstständig geworden.»

Isabelle Wipf ist ihr Beruf nie verleidet. «Ich bin jeden Tag gerne ins Büro gegangen. Obwohl es auch hektische Zeiten gegeben und meine anspruchsvolle Tätigkeit mich immer wieder gefordert hat.» Ein Mitgrund dafür seien sicher auch die vielen Gesetzesänderungen gewesen. «Es gab im Laufe der vergangenen 26 Jahre viele Neuerungen im Strafrecht, im Zivil-, Konkurs- und Familienrecht, mit denen ich mich befassen musste. Es gab technische Veränderungen und es gab vor allem den Wechsel von der Vormundschaftsbehörde auf Gemeindeebene hin zur Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), welche im Kanton Aargau ins Familiengericht integriert wurde und uns einen völlig neuen Aufgabenbereich bescherte.»

Wipf hat sich in der Folge am Bezirksgericht – unter anderem – auf das Familienrecht und den Kindes- und Erwachsenenschutz konzentriert und auch in diesem Bereich, nach übereinstimmenden Aussagen der involvierten Fachpersonen, hervorragende Arbeit geleistet.

Über die Jahre einen sehr guten Ruf erworben

Überhaupt hat sich Isabelle Wipf, die 1993 die erste und für längere Zeit die einzige Gerichtspräsidentin im Kanton Aargau gewesen ist, über die Jahre einen sehr guten Ruf erworben. Das zeigt auch die Bilanz über ihre Entscheide, die von einer höheren Instanz umgestossen worden sind: Es waren nicht viele. Den Entscheid von damals hat sie offensichtlich nie bereut. Auf die Frage, ob sie sich noch einmal für dieses Amt bewerben würde, sagt sie ohne zu überlegen sofort: «Ja. Ja, es war ein guter Entscheid und es waren sehr spannende und sehr gute Jahre.» Das auch, sagt sie weiter, weil das Klima am Bremgarter Bezirksgericht immer hervorragend und kollegial gewesen sei.

«Ich habe mich mit den anderen Gerichtspräsidenten, den Gerichtsschreiberinnen und Gerichtsschreibern, den Laienrichterinnen und Laienrichtern sowie den Fachrichterinnen austauschen können. Ich habe mich mit dem Personal immer sehr gut verstanden und wir haben neben unserer Arbeit auch in der Freizeit vieles zusammen unternommen. So waren wir im Winter stets an einem Skiweekend, haben im Sommer jeweils zusammen den Hallwilersee überquert, wir waren im Tessin Fallschirm springen, mit Booten auf der Reuss und waren regelmässig zusammen essen – für mich war das Bezirksgericht über all die Jahre einfach stets ein Super-Arbeitsplatz.»

Dauerkarte für das Filmfestival in Locarno

Und jetzt? Ende Juli geht Isabelle Wipf in den Ruhestand, ein knappes Jahr vorzeitig. Vorbei mit dem Super-Job, Abschied von den lieb gewonnenen Arbeitskolleginnen und -kollegen. Was dann? Ein tiefes Loch? Trübsal blasen im Einfamilienhaus in Hermetschwil? Die abtretende Bezirksrichterin lacht wieder: «Ich werde meinen Beruf und das Team am Bezirksgericht sicher vermissen. Ich habe aber zum Glück viele Hobbys, die ich jetzt vermehrt pflegen kann: unseren Garten, Kochen, Schwimmen, Wandern, Yoga und vor allem Reisen. Sicher werde ich mich irgendwo und irgendwie sozial engagieren. Doch langweilig wird mir ganz bestimmt nicht.»

Als Erstes werde sie ab August zu Hause «liegen Gebliebenes» aufarbeiten, sich Zeit für sich selber nehmen und einen lange gehegten Wunsch erfüllen. «Wir haben eine Ferienwohnung in Locarno. Dort habe ich mich schon bisher jeweils gut von meinem anspruchsvollen Beruf erholen können. Sicher werden wir jetzt vermehrt dort sein, und ich will besser Italienisch lernen. Dieses Jahr kaufe ich mir endlich eine Dauerkarte für das Filmfestival. Davon träume ich schon lange.»

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Autor

Toni Widmer

Toni Widmer

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