Abtwil

Statt Edelbrand jetzt Desinfektionsmittel: Das Ehepaar Rüttimann beteiligt sich am Kampf gegen das Corona-Virus

Martha und Peter Rüttimann – für einmal nicht mit einem Edelbrand aus ihrer Brennerei, sondern mit Desinfektionsmittel.

Martha und Peter Rüttimann – für einmal nicht mit einem Edelbrand aus ihrer Brennerei, sondern mit Desinfektionsmittel.

Abtwiler Traditionsbrennerei von Peter und Martha Rüttimann will in der gegenwärtigen schlechten Versorgungslage ihren Beitrag leisten.

Normalerweise brennen sie Schnaps nur aus den besten Früchten und stellen Liköre höchster Qualität her. Normalerweise. Aber jetzt ist es anders. Jetzt machen sie Desinfektionsmittel, zum ersten Mal in ihrem Leben, wie sie festhalten. Der Grund ist nicht, weil Peter und Martha Rüttimann in Abtwil das grosse Geschäft wittern. «Wir können so etwas zur Gesundheit der Menschheit beitragen», lacht Peter Rüttimann. «Wir versuchen zu machen, so viel es braucht», sagt seine Frau Martha, die das Desinfektionsmittel in Eindeziliter-Fläschen abfüllt und zusammen mit ihrem Mann weit über das Pensionsalter hinaus ist. «Für grössere Mengen ist aber eine vorherige Anfrage notwendig», macht sie deutlich, «unsere Kapazitäten sind beschränkt.» Sie hat eine Tafel an der Haustür, die darauf hinweist, dass es hier das Desinfektionsmittel aus Obstbränden gibt, und hofft, nicht von Käuferinnen und Käufern überrannt zu werden.

Nicht die besten Brände für die Hände

Rüttimanns Desinfektionsmittel besteht aus 73-prozentigem Alkohol, ist selbstverständlich denaturiert, das heisst: nicht trinkbar. Es ist mit Glyzerin verfeinert, was es hautverträglicher macht. Es riecht ein bisschen nach Schnaps, der Geruch verflüchtigt sich aber nach dem Gebrauch schnell wieder. «Selbstverständlich verwenden wir für dieses Mittel nicht die besten Brände», macht Peter Rüttimann deutlich. Und seine Frau legt viel Papier auf den Tisch. «Wir haben von der eidgenössischen Zollverwaltung klare Vorgaben und Vorschriften», unterstreicht sie. Das geht bis zu den Etiketten, die neben dem Inhalt den Anwendungsbereich, die Einwirkzeit und die Gefahrenhinweise enthalten müssen, zum Beispiel die leichte Entzündbarkeit des Mittels oder dass es nicht in die Hände von Kindern gelangen darf. «Ich habe für meine Etiketten die blaue Farbe gewählt», erklärt Martha Rüttimann, «weil Desinfektionsmittel meistens blau angeschrieben sind.» Selbstverständlich muss das Mittel, wie Schnaps auch, beim Bund korrekt deklariert und abgerechnet werden. Neun Franken verlangen Rüttimanns für ein Fläschchen Desinfektionsmittel.

Nicht in die Desinfektionsmittelproduktion eingestiegen ist die Brennerei Hirschen in Auw. Für Hanspeter Küng ist das keine Option. Auch Daniel Röthlisberger von der Distillery May-green in Hägglingen produziert (noch) kein Desinfektionsmittel. «Es wäre schade, aus den schönsten vergorenen Früchten und dem besten Schnaps ein Mittel zu machen, um sich die Hände einzureiben», sagt er. Und er hat eine bessere Idee: Man könnte alten, nicht mehr gewollten Alkohol dafür verwenden. Weiter stellen inzwischen verschiedene Apotheken und Drogerien in der Region Desinfektionsmittel selber her.

Alkohol an sich ist schon ein Desinfektionsmittel

Grundsätzlich eignen sich alle Brände für die Weiterverarbeitung zum Desinfektionsmittel. Der Verband der Schweizer Brenner schlägt vor, nicht die edelsten Brände zu verwenden, sondern zweitklassige Ware oder relativ geschmacksneutrale Getreide- oder Kartoffelbrände. Alkohol als Desinfektionsmittel sei schon im 13. Jahrhundert von den Medizinern entdeckt worden, hält Augustin Mettler vom Verband der Schweizer Brenner fest. Diese Erkenntnisse würden mit dem Corona-Virus wieder hohe Aktualität erlangen. Es müsse auf ein Hausmittel ausgewichen werden, das fast in jeder Brennerei zu beziehen sei. Gut 450 Schweizer Brennereien stellen Obst-, Getreide oder Kräuterbrände her. «Die meisten Schweizer Brennereien sind in der Lage, mit ihrer Infrastruktur hochprozentigen Alkohol herzustellen.» In einem Schreiben an die Mitglieder wird festgehalten, es sehe danach aus, dass die Bestände in den Apotheken und Drogerien ausgehen. «Das ist für uns eine Chance, in einem völlig anderen Segment Zusatzumsatz zu machen.»

Autor

Eddy Schambron

Eddy Schambron

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