Villmergen
Public Viewing beim Schnelltest – 223 Leute liessen sich hier ohne Anmeldung testen

Kurz vor den Sommerferien versuchen unzählige Leute panisch, noch einen Schnelltest machen zu können. Doch die Apotheken sind seit Wochen ausgebucht. Die Bergapotheke Villmergen bot darum zwei Abende lang Schnelltests ohne Voranmeldung. Sie waren die letzte Hoffnung für Hunderte von Leuten.

Andrea Weibel
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Die Bergapotheke führte an zwei Abenden Schnelltests ohne Anmeldung durch. Am ersten Abend (Donnerstag) liessen sich 223 Leute testen – und schauten während des Wartens Wimbledon auf der Leinwand.

Die Bergapotheke führte an zwei Abenden Schnelltests ohne Anmeldung durch. Am ersten Abend (Donnerstag) liessen sich 223 Leute testen – und schauten während des Wartens Wimbledon auf der Leinwand.

zvg / Alain Jost

Public Viewing in einer Apotheke? Die vielen Menschen, die zwischen Aspirin, Hustensirup und Desinfektionsmitteln sassen und auf die Leinwand schauten, waren aber nicht wegen Roger Federer gekommen. Er war bloss ein willkommener Zeitvertreib. Eigentlich wollten sie alle nur wissen, ob sie in den kommenden Tagen in Urlaub abfliegen oder endlich wieder in den Ausgang gehen können. Alain Jost, Mitinhaber der Bergapotheke Villmergen, erzählt:

«Für viele von ihnen waren wir die letzte Hoffnung auf den Urlaub. Und das haben sie uns auch gezeigt. Es war eine sehr schöne Stimmung.»

Die Bergapotheke hatte erkannt, wie prekär die Situation in den vergangenen drei Wochen geworden ist. «Viele Leute, die in Urlaub fliegen wollen, brauchen dringend noch einen Coronatest. Da die Apotheken im Umkreis aber alle ausgebucht sind, waren sie verzweifelt. So haben wir uns überlegt, wie wir die Situation entschärfen können, und zwei Abende lang Schnelltests ohne Voranmeldung angeboten.»

Das hat sich ausgezahlt: Am Donnerstag, dem ersten der beiden Abende, standen die Testwilligen schon ab 18 Uhr ums ganze Gebäude Schlange – obwohl die Tests erst um 19 Uhr begannen und bis 21.30 Uhr dauerten. 223 Tests führten die zwölf Angestellten und Freiwilligen der Bergapotheke an jenem Abend durch. Zwei Leute hatten Symptome, es waren aber alle negativ.

Personeller Aufwand wird meist unterschätzt

Was bei solchen Schnelltests meist unterschätzt werde, sei der personelle Aufwand, sagt Alain Jost. Schon draussen, wo die Leute Schlange standen, hat er Plakate aufgehängt, die sie daran erinnerten, dass sie ihren ausgefüllten Fragebogen, ihr gültiges Krankenkassenkärtchen und die ID vorweisen müssen. «Dennoch gab es schon an der ersten Station, wo all dies geprüft wurde, oft Wartezeiten, weil die Krankenkassenkarten abgelaufen waren oder die Leute den Fragebogen eben doch nicht ausgefüllt hatten», berichtet er.

Die Testwilligen kamen sogar aus anderen Kantonen zur Bergapotheke.

Die Testwilligen kamen sogar aus anderen Kantonen zur Bergapotheke.

zvg / Alain Jost

Jene, die dieses Prozedere hinter sich hatten, konnten von den fünf Testern des Teams in eigens dafür abgetrennten Räumen getestet werden. Anschliessend mussten sie 15 Minuten warten – dabei unterstützten sie und Roger Federer sich gegenseitig. Jost erzählt gut gelaunt:

«Wir haben 19 Küchenwecker dafür gekauft, sechs weitere brachten unsere Mitarbeiter mit, denn jeder Tester brauchte fünf davon.»

Leute mit Symptomen warteten nicht bei den anderen im Verkaufsraum, sondern draussen, um die anderen Wartenden nicht anzustecken. Anschliessend gingen die Resultate an weitere Mitarbeitende, die die Zertifikate ausstellten und druckten.

Das Tester-Team der Bergapotheke steht bereit. Die Ballons im Hintergrund hingen übrigens nicht wegen Corona, sondern weil ein Mitarbeiter Geburtstag hatte, erklärt Alain Jost.

Das Tester-Team der Bergapotheke steht bereit. Die Ballons im Hintergrund hingen übrigens nicht wegen Corona, sondern weil ein Mitarbeiter Geburtstag hatte, erklärt Alain Jost.

zvg / Alain Jost

Jost selbst kam dann die Aufgabe zu, die Namen der Leute aufzurufen und ihnen ihre Negativzertifikate auszuhändigen. «Immer wenn ich wieder Namen aufrief, schauten mich alle ganz gespannt an. Die Leute waren meist sehr erleichtert, wenn sie endlich ihr Negativzertifikat in den Händen hielten. Viele bedankten sich überschwänglich.»

Vorbild für weitere Apotheken

Jost hatte eine Woche vorher alle Apotheken in der Umgebung über ihr Vorhaben informiert und sie eingeladen, all jene Leute, die dort abgewiesen werden mussten, auf das Angebot aufmerksam zu machen. Das hat scheinbar gewirkt, denn es kamen nicht nur Testwillige aus der Region, sondern sogar aus anderen Kantonen nach Villmergen. «Nur drei Villmerger liessen sich testen.» Jost betont aber:

«Wir führen nur die Tests durch und können keine Auskunft geben, für welches Reiseland beispielsweise welche Tests nötig sind.»
Es brauchte nicht nur Tester, sondern auch viel Personal im Hintergrund für die Schnelltest-Zertifikate.

Es brauchte nicht nur Tester, sondern auch viel Personal im Hintergrund für die Schnelltest-Zertifikate.

zvg / Alain Jost

Für die Bergapotheke ist das Angebot rein aus personellen Gründen vorerst einmalig. «In den Sommerferien haben wir normalerweise viel weniger Kunden, da machen auch unsere Mitarbeiter Urlaub», erklärt Alain Jost und fügt an:

«Aber jetzt überlegen sich auch andere Apotheken, solche Abende einzuführen. Wir werden uns sicher mit ihnen austauschen und unsere Erfahrungen weitergeben.»

Die Leinwand fürs Public Viewing, das am Freitagabend natürlich das Spiel der Schweizer Nati zeigte, musste übrigens nicht eigens für den Abend aufgestellt werden. Denn der grosse Apothekenraum kann auch für Lesungen, Expertengespräche oder sogar kleine Musikkonzerte genutzt werden – wenn es Corona denn zulässt.

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