Serie
Vom Geschäften mit dem Teufel: Teil 1 der «Freiämter Sagen»

«Der Lädeligugger-Xaveri von Tägerig» ist die erste Geschichte aus der neuen Reihe «Freiämter Sagen»: Ein Mann sagt aus bitterer Verlassenheit seinem katholischen Glauben ab und macht ein Geschäft mit dem Teufel.

Andrea Weibel
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Vor mehr als einem Menschenalter wohnte zu Tägerig in den letzten Häusern, die an der Landstrasse gegen Mellingen hin liegen, ein gar armer Mann. In seiner bittern Verlassenheit sagte er dem katholischen Glauben ab, ohne dass dieses sein wirklicher Vorsatz gewesen wäre, und ebenso, ohne es selbst zu wollen oder einzusehen, verschrieb er sich leichtsinnig dem Teufel. Der Schneidergeselle, der damals bei ihm zu Miethe wohnte, hat erzählt, wie dies zugegangen ist.

Ein schwarzgekleideter vornehmer Herr, an dem ausser einem krummen Fusse gar nichts Auffallendes war, trat eines Tages in seine Stube. Er gab sich für den Geschäftsreisenden eines kaufmännischen Vereins von Zofingen und Basel aus, für welchen er in der katholischen Schweiz Subscribenten zu sammeln habe. Unter der Bedingung, dass man die Heiligen abschwöre, keine Messe höre, aber diejenigen Tractätlein verbreite, welche einem vom Vereine zugeschickt würden, ward einem jeden Antheilhaber ein entsprechender Wohlstand garantirt und dem Bedürftigen Unterstützung zugesagt.

Lauter Namen von Reformierten

Der Reisende zog dabei ein Buch hervor und las daraus eine grosse Namensreihe besonders von reichen Zofinger-Geschlechtern ab, die alle längst Mitglieder dieser ausgedehnten Gesellschaft seien.

Serie (Teil 1) Freiämter Sagen

Wer kennt ihn nicht, den Stiefeliryter, der noch heute in stürmischen Nächten auf seinem Schimmel und mit seinen grossen Stiefeln über die Freiämter Weiden rund ums Kloster Muri donnert? Oder die drei Angelsachsen, die zwischen Büelisacker und Büttikon ausgeraubt und enthauptet wurden, danach aber noch ihre Köpfe aufhoben, am Brünnlein wuschen und bis nach Sarmenstorf weitergingen? Es gibt unzählige Sagen im Freiamt, bekanntere und weniger bekannte.

Als die AZ Freiamt einen Aufruf startete, bei dem es um Ortsnamen ging, meldete sich die Sarmenstorferin Frieda Widmer, sie habe da noch ein Buch von 1856 daheim, das sie einmal beim Zügeln auf dem Estrich gefunden habe. Dort standen aber nicht nur einzelne Geschichten über die Ortsnamen drin. Denn bei den alten, mit Klebestreifen zusammengehaltenen Seiten handelt es sich um einen wahren Schatz.

Es sind die «Schweizersagen aus dem Aargau» von Ernst Ludwig Rochholz, von denen es wohl nur noch wenige Exemplare gibt. Diesen Schatz will die AZ Freiamt aber nicht für sich behalten.

Darum wird ab heute voraussichtlich jeweils am Samstag je eine Sage veröffentlicht. Einige von ihnen mögen vieles erklären, andere lassen es den Lesern kalt den Rücken hinab laufen. Etwa der Brünnlig, der brennende Mann, bei Muri, die Hexe von Aristau oder die Reussschlange von Bremgarten. Die Redaktion der AZ Freiamt wünscht viel Vergnügen bei der Lektüre.

Der arme Bauer merkte zwar, dass dies nur Namen von lauter Reformierten seien und kein Katholischer sich darunter finde, indessen werde, meinte er, was so vornehme Kaufherren vortheilhaft finden, auch einem gemeinen Manne behilflich sein.

Und da von keiner weitern Einlage hier die Rede war, so nahm er jenes Subscribentenbuch und schrieb seinen Namen zu den anderen. Dafür bekam er sogleich zwei verschiedene Dinge in sein Haus, die er vorschriftsgemäss verwenden und behandeln musste. Das erste waren die Bildnisse sämtlicher Mitglieder des Vereins; er musste sie zusammen in ein verschlossen gehaltenes Gemach hängen und täglich nachsehen, ob sich an keinem einzelnen Porträte etwas verändere.

Denn ein solches Bild, dessen Farbe schwinde, bezeichne das dem Verein untreu werdende Mitglied, und jenes, welches gar zerreisse und verlöchere, künde des betreffenden Mitgliedes Tod an, welcher als Strafe der Untreue unausbleiblich erfolge. Zum anderen bekam der Bauer ein eignes Thier ins Haus, welches der Geldschisser hiess und ebenfalls seinen eignen finstern Winkel in der Wohnung angewiesen erhielt.

Dem Huhn ein Geldstück unterlegen

Wie man den Legehühnern immer ein Ei lässt, so musste man demselben alle Abende ein kleines Geldstückchen unterlegen, dann wuchs dies über Nacht zu einem ganzen Haufen gleicher Münzen an und man konnte sich alle Tage die Tasche füllen. Jedoch durfte man stets nur eine gewisse Summe und ja nicht alles zugleich dem Thiere wegnehmen, denn damit wäre dieses entkräftet worden und man hätte ihm sogleich selber nachsterben müssen.

So hielt es den nun der Mann lange, beobachtete seinen eingegangenen Vertrag und lebte in Wohlstand. Allein späterhin erkrankte er an einem langwierigen und seltsamen Uebel, und ebenso eigenthümlich und geldfressend waren die Mittel, welche ihm die Arzte dagegen verordneten. So musste er z. B. tagtäglich zehn Pfund Anken aufessen, also einen ganzen Marktkübel, und dazu eine Flasche Leberthran trinken. Dass diese Quantitäten wirklich täglich ins Haus geschafft wurden und des Abends regelmässig aufgebraucht waren, dies hat der Schneider selber bemerkt, der damals bei ihm in Miethe war.

Allein der Kranke besserte sich nicht, er quälte sich vielmehr mit Vorwürfen, dass er von seinem alten Glauben abgefallen sei, und redete manchmal davon, wie er den ersten Tag seiner Genesung dazu anwenden werde, wieder in die katholische Dorfkirche zu gehen und eine Messe lesen zu lassen.

Er kam jedoch nicht mehr aus dem Bette und entschloss sich endlich, an den Verein nach Zofingen zu schreiben und diesen um eine Pille gegen sein Leiden zu bitten.

Eine Pille so gross wie eine Bombe

Indessen hatte man in Tägerig schon erfahren, in welchem Verhältnisse er mit den Stündlern in Zofingen stehe, man fieng deshalb die von dorther kommende Rückantwort beim Briefboten auf. Darin war dem Lädeligugger-Xaveri gemeldet, man werde ihm künftigen Freitag im drei Uhr die verlangte Pille überschicken, die so gross sein solle wie eine Bombe.

Die Gemeinderäthe zerrissen hierauf diesen Brief und begaben sich am anberaumten Freitag in das Haus des Patienten. Er lag in der hintern Kammer und liess niemand zu sich herein. Sie warteten also in der Stube bis um drei Uhr; da liess sich plötzlich ein dumpfer Schlag hören, als ob in stundenweiter Entfernung ein Geschütz abgefeuert würde, und aus der Kammer her zugleich ein kurzes Geächze.

Als sie hinein frangen, lag er getödtet im Bette, kein Tröpfchen Blut floss, aber Nase und Mund war zerschossen und das ganze Gesicht geschwärzt von Pulver. Zugleich sass unter der Bettstatt eine riesige Kröte und blieb so lange drunter, bis der Mann begraben war, dann marschierte sie in Gesellschaft eines unbekannten schwarzen Hundes, der mit einem Male zum Vorschein kam, zum Haus hinaus. Nun läuft in der Häuserreihe, die nach Nesselnbach hinliegt, ein schwarzer Hund mit blutrothen Augen durch die Gassen und weicht vor niemand zurück.

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