Besenbüren

Von Helikoptereltern bis Verwahrlosung: «Das ist ein Riesenunterschied zu früher»

Martin Geiger wird seine Tätigkeit als Lehrer vermissen, vor allem freut er sich aufs Reisen und Wandern, wie beim Ferienhäuschen seiner Familie in Färnigen.

Martin Geiger schaut auf 29 Jahre als Lehrer und Schulleiter zurück – sehr viel hat sich verändert.

Martin Geiger ist ein Name, den man an vielen Schulen im Oberfreiamt kennt. Vom Gesamtschulleiter bis zum Aushilfslehrer hat der heute 64-Jährige alle Stufen hin und zurück durchlaufen. Sein Fazit kurz vor seiner Pensionierung fällt schonungslos und nicht nur positiv aus: «Ich habe sehr tolle Sachen erlebt und würde es sofort nochmals machen, wenn ich wieder damals anfangen könnte», sagt er. Doch dann fügt er hinzu: «Wenn ich allerdings heute anfangen müsste, würde ich kein Lehrer mehr werden.»

Er versuchte es in der Schweiz

Geiger stammt ursprünglich aus Grenzach auf der deutschen Seite des Rheins, war mit seiner Frau aber schon in jungen Jahren häufig in der Schweiz gewesen. In Deutschland machte er die Ausbildung zum Primarlehrer, doch damals gab es ein hartes System: «Die Stellen wurden zentral für das Bundesland vergeben, je nach Abschlussnote der Lehrer. Ich war nicht unter den ersten 8 bis 9 %, die eine Stelle erhielten, sondern unter den nächsten 20 % auf der Warteliste.» Als er dann doch eine Lehrerstelle angeboten bekam, lehnte er sie ab, denn unterdessen hatte er in der Jugendarbeit Fuss gefasst.

Doch irgendwann reizte ihn der Lehrberuf doch: «Auf einer Reise in die Schweiz hörte ich, dass hier Lehrermangel herrschte. Also wollte ich ausprobieren, ob ich eine Chance hätte.» Er bewarb sich an der Schule Büttikon, wurde aber aus Buttwil angerufen, die Büttiker hatten seine Bewerbung weitergeleitet, weil ihre Stelle bereits besetzt war. Ab 1990 verbrachte er also sechs Jahre an der Schule Buttwil, bevor an der Gesamtschule Geltwil die Lehrerstelle frei wurde. «An einer so kleinen Schule ist man Lehrer, Materialwart, sogar Fahrer und Schulleiter, alles in Personalunion.» Zu Beginn wohnte das Paar mit seinen zwei Söhnen im Schulhaus, aber wegen persönlichen Problemen mit dem Gemeinderat, die gar vor dem Schlichter endeten, zogen Geigers nach Muri. «Für mich war das kein Grund, auch die Schule zu verlassen, dort fühlte ich mich wohl», erinnert sich Martin Geiger.

«Gesamtschule funktioniert»

Wenn er zurückdenkt, war seine Zeit als Gesamtschulleiter beziehungsweise eben einziger Lehrer in Geltwil eine der glücklichsten Zeiten seiner Berufskarriere. «Gesamtschule funktioniert», hat Geiger in seinen 16 Jahren in Geltwil festgestellt. «Wenn fünf Klassen beieinander sind, wechseln jährlich nur wenige Schüler, während sich die anderen gegenseitig helfen können. Das ist aber nicht dasselbe wie altersdurchmischtes Lernen, wo jeweils nur zwei, drei Jahrgänge zusammen sind. Dort kann es rasch zu Schwierigkeiten kommen, weil sich die Schüler zu nah sind und gegenseitig Druck aufbauen können, wenn ein Jüngerer plötzlich besser ist als ein Älterer. Das passiert in der Gesamtschule nicht.» Er bedauert, dass der Kanton diese kleinen Schulen möglichst aufheben will.

Problemfeld Eltern

Doch auch grössere Schulen können funktionieren. Nur gebe es heute sehr vieles, was den Lehrerberuf stark erschwere, was es früher in der Form nicht gab. Geiger nimmt eine Liste hervor, auf der er sich einige Problemfelder notiert hat. Als erstes seien das die Eltern. «Das ist ein Riesenunterschied zu früher», sagt er. In Geltwil habe er sehr leicht helfende Hände gefunden, wenn es um Schulreisen oder Projekte ging. «Später, als ich beispielsweise in Hermetschwil unterrichtete, gab es kaum je Eltern, die halfen, dafür umso mehr Eltern, die sich in den Schulalltag einmischten. Ich weiss nicht, ob es an der Zeit oder am Ort liegt, aber mir fällt auf, dass die Eltern heute eher fordern und reklamieren, statt zu unterstützen.» Natürlich könne man das nie verallgemeinern. «Aber ich stelle immer mehr fest, dass Eltern entweder dazu tendieren, Helikoptereltern zu sein, oder ihr Kind gänzlich verwahrlosen zu lassen. Etwas dazwischen wäre wünschenswert.» In Hermetschwil habe er erlebt, wie fordernde Eltern zwei sehr engagierte junge Lehrerinnen dazu gebracht haben, ihre Stelle aufzugeben, «die eine ist, so viel ich weiss, heute gar nicht mehr Lehrerin», bedauert Geiger. «In solchen Fällen wäre es zwingend nötig, dass ein Schulleiter sich für seine Angestellten einsetzt.» Aber auch hier hat er festgestellt, dass Schulleiter, die gleichzeitig unterrichten, viel mehr merken, was die Lehrerschaft braucht, als solche, die beispielsweise aus der Wirtschaft kommen.

Integration braucht Basis

Als zweites können die Schüler selbst zum Problem werden, insbesondere in schwieriger Zusammensetzung. «In Geltwil hatten wir tolle Schüler, da war es kein Problem, einmal ein Mädchen mit Trisomie 21, einmal einen hochbegabten Jungen zu integrieren. Integration funktioniert nur, wenn man eine starke Basisklasse hat, in die man integrieren kann. Wenn die halbe Klasse eine Sonderbehandlung braucht, ist zu wenig Basis da, in die man sie integrieren kann», sagt er.

Zudem sei die übertriebene Bürokratisierung ein schlimmer Zeit- und Ressourcenfresser. «Früher konnte man ein Projekt ausarbeiten und durchführen, das waren tolle Erlebnisse für die Schüler. Beispielsweise bin ich jedes Jahr mit der ganzen Schule Geltwil nachts auf Fledermausexkursion gegangen. Oder in einem Lager im Diemtigtal haben ein Kollege und ich lokale Läden in eine Schatzsuche eingebunden: Der Bäcker buk Geheimzettel in seine Brötchen, im Restaurant waren Hinweise in Eiswürfel eingefroren und so weiter. Das war unglaublich toll, zwar viel Aufwand, aber wir hatten selber auch viel Spass. Dazu käme man heute gar nicht mehr, mit all der Papier- und Sitzungsflut, die man vom Kanton aufgedrückt bekommt. Lehrer haben gar keine Zeit mehr, sich voll und ganz den Schülern zu widmen. Das finde ich schade.»

Hilfsbereitschaft statt Forderung

«Ich wünsche mir für künftige Lehrerinnen und Lehrer, dass Eltern wieder mehr Verständnis haben und sich, falls es Probleme gibt, wieder mit ihnen zusammensetzen und die Probleme gemeinsam versuchen zu lösen. Verständnis und Hilfsbereitschaft statt Forderungen.» Er werde den Beruf, vor allem seine Aristauer Kollegen sicher ein wenig vermissen. Aber jetzt freut sich Martin Geiger auch darauf, noch mehr wandern und reisen zu können, vor allem, wenn dann seine Frau in zwei, drei Jahren ebenfalls in Pension geht.

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