Fischbach-Göslikon

Von Ruine, Gnossi und Pfrundhaus: Bauinventar gewährt Einblicke in die Dorfgeschichte

Das Bauinventar des Kantons Aargau mit Objekten aus Fischbach-Göslikon gewährt Einblicke in die Dorfgeschichte.

Der Stiefeliryter von Muri, die drei Angelsachsen oder die Erdmannli im Wohler Wald: Das Freiamt kennt viele Sagen. Eine davon stammt aus der Gemeinde Fischbach-Göslikon und berichtet, wie die Fischbacher ihren Wald an die Bremgarter verloren (siehe Kontext). Noch heute gibt es einen ganz besonderen Zeitzeugen dieser Sage: «Es handelt sich um die Ruine, wie wir sie nennen. Diese steht seit 1593 an der Fohlenweidstrasse und ist das älteste Gebäude im Dorf», erklärt Gemeindeammann Walter Stierli.

Sie ist von der Natur längst eingenommen, dem Zerfall nahe. Die Ruine mit dem dazugehörigen Speicher ist das letzte noch erhaltene der vier Häuser aus der Sage. Der Gemeindeammann selbst hat einen besonderen Bezug dazu: «Mein Urgrossvater lebte einst auch in diesem Haus», erinnert sich Stierli. Umso mehr stört ihn, dass das Gemäuer zum Schandfleck des Dorfs geworden ist. «Für das Ortsbild ist die Ruine nicht förderlich. Leider wird sie auch nicht gut unterhalten, was jedoch Sache der Eigentümer ist.»

Ganz anders steht es um die römisch-katholische Pfarrkirche (1672). «Sie ist ein Aushängeschild und eine Bereicherung für das Ortsbild. Im Kanton Aargau ist diese Kirche, im Rokoko-Stil erbaut, einmalig. Aber auch für mich ist sie etwas ganz Besonderes», schwärmt Stierli. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass sie, genau wie der Speicher, der zur Ruine gehört, im Bauinventar der kantonalen Denkmalpflege aufgenommen wurde.

Als kleiner Junge in der alten Post

Das Bauinventar des Kantons Aargau ist eine Bestandsaufnahme von Objekten, die aufgrund des kulturellen Erbes besonderen Schutz verdienen. Insgesamt 15 Objekte in Fischbach-Göslikon befinden sich auf der kürzlich aktualisierten Liste dieses Bauinventars. «Für die Geschichte einer Gemeinde ist es vorteilhaft, wenn ein solches Bauinventar geführt wird. Viel Wissen würde sonst verloren gehen», ist sich Stierli, der in Fischbach-Göslikon aufgewachsen ist, sicher.

Angesprochen auf die besonderen Zeitzeugen schmunzelt der Gemeindeammann: «Das Gebäude an der Mellinger-strasse 8, um 1850 erbaut, war einmal die Post. Die Eigentümer hatten damals den Postschalter mitten in ihrem Wohnzimmer eingerichtet. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als kleiner Junge in dieser Stube stand.» Das Doppelwohnhaus besitzt heute noch die Raumteilung von damals und wurde neu ins Inventar aufgenommen. Es dient den Eigentümern heute nur noch als Zweitwohnsitz.

«Für ein Haus unter Denkmalschutz ist es am besten, wenn es bewohnt ist», betont Stierli. Denn ein solches Gebäude zu erhalten, bedeute viel Arbeit. «Es sind beispielsweise nur ‹Pinselrenovationen› möglich, und die Akustik in alten Häusern entspricht nicht dem gleichen Wohnkomfort, den neuere Gebäude bieten.» Aber es gebe auch Vorteile: «Beim Umbau gibt es meist einen kleinen Zustupf. Zudem erinnern sich viele gerne an früher. Die Gebäude erzählen schliesslich die Geschichte unseres Dorfs», betont Stierli.

Generell gelte jedoch: «Wer Eigentümer eines solchen Objekts ist, muss das Haus so mögen, wie es ist. Dafür muss man eine gierende Treppe oder einen knarrenden Boden in Kauf nehmen.» Da die Ansprüche in Bezug auf Wohnqualität aber immer grösser werden, sei es schwierig, solche Leute zu finden. «Ich schätze sehr, dass es dennoch Menschen gibt, die bereit sind, sich mit der Denkmalpflege zu einigen.»

Rätselhafte Bezeichnungen

Viele der 15 Zeitzeugen im Dorf haben einen Übernamen. Der Ammann, der sich sehr für die Geschichte seines Dorfes interessiert, kann sie fast alle erklären. So ist beispielsweise klar, weshalb die «alte Post» so heisst. Auch an die «alte Gnossi» hat er noch schöne Erinnerungen: «Mein Vater hat mir oft einen Batzen in die Hand gedrückt und mich dorthin zum Salzholen geschickt», schwelgt er in Erinnerungen.

Es gibt aber auch Bezeichnungen, deren Herkunft er nicht kennt. So zum Beispiel das «Pfrundhaus» an der Wohlerstrasse 1, das auch «Schulmeisterhaus» genannt wird. Und dass das Gebäude an der Wohlerstrasse 3 einmal ein Siechenhaus gewesen sein soll, wie es im Inventar heisst, wusste auch Stierli nicht. Umso mehr ist er froh darüber, dass die alten Gebäude unter Schutz stehen und so ihre Geschichte erhalten bleibt.

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