Muri

Von Schlitten, Metzgers Gaul und Fasstugeli – das Weihnachten seiner Kindheit bringt ihn zum Strahlen

Alfred Bühler neben seinem Adventskranz und den Geschenken, die er zum 90. bekommen hat.

Alfred Bühler neben seinem Adventskranz und den Geschenken, die er zum 90. bekommen hat.

Alfred Bühler, 90, erinnert sich an Weihnachten vor dem Krieg in Jonen. Immer musste er früh ins Bett wegen des Christchindlis.

Am 24. Dezember musste Alfred Bühler als Kind früh ins Bett. Doch es dauerte nicht lange, da wurde er wieder geweckt: «‹Du, Alfredli, chasch ufcho, s’Christchindli esch cho!›, riefen meine Eltern jeweils. Jaja, damals glaubten meine zwei kleinen Brüder und ich noch ans Christchindli. Dabei mussten wir nur früh ins Bett, dass die Eltern den Baum schmücken konnten», merkte er einige Jahre später. Alfred Bühler sitzt bequem auf seinem Rollator im Obergeschoss der Pflegimuri. Er strahlt über beide Wangen, und in seinen Augen ist zu erkennen, dass der 90-Jährige die Leute gern zum Lachen bringt.

«An Weihnachten hatten wir immer etwas Gutes zu essen und zu trinken», erinnert er sich. «Wir waren nicht gut begütert, aber zu Essen hatten wir immer genug und auch Kleider. Das einzige Mal, wo ich weinen musste, bis ich bald ausgetrocknet wäre, war, als ich als 16-Jähriger eine Halbleinenhose erhielt, weil die robuster und billiger war. Sie war vollkommen aus der Mode», sagt er und beginnt zu schmunzeln.

Doch auch Weihnachten war nicht immer schön. «Als einer meiner Brüder 19 Jahre alt war, erlitt er drei Tage vor Weihnachten einen Herzstillstand und starb. Das war sehr traurig», berichtet Alfred Bühler. Aber er wolle nicht nur von traurigen Sachen reden, sein Leben sei alles in allem sehr schön gewesen.

Kartoffeln mit Sauce, Fleisch und Mutters Lebkuchen

Zu Weihnachten gab es meist etwas mit Kartoffelstock und Sauce, aber auch Hackbraten mochten die Kinder sehr gern. «Wir hatten ja selber ein kleines Bauernheimetli mit meist sieben Stück Braunvieh, zwei Schweinen, Chüngeln und Hühnern. Wenn eine Sau gemetzget wurde, hatte man lange Würste und Gnagi davon.» Als Bühler dann eine eigene Familie hatte, kochte seine Frau Elisabeth ein ganz ähnliches Weihnachtsessen wie früher seine Mutter. Ebenfalls einen schönen Braten oder so, dazu gab es statt Kartoffelstock dann aber Pommes frites. «Und als wir Kinder waren, gab es nach der Mitternachtsmette noch Mutters Lebkuchen, das war ihr ganz eigenes Rezept. Der wurde jeweils von der Nachbarin gebacken, weil unser Studenofen nicht mehr zum Backen taugte», weiss er noch.

Auch Weihnachtsgeschenke erhielten die drei Bühler-Buben, die jeweils mit einem Abstand von fünf Jahren zur Welt gekommen waren. «Meistens waren das Kleinigkeiten zum Anziehen. Aber einmal erhielten wir auch einen Schlitten. Den hatte der Metzger aus Affoltern, der jeweils an Weihnachten zu den vier verbliebenen Kunden im Joner Winkel ‹id Cheeri› kam, damals mitgebracht. Er musste ihn schnell in der Scheune verstecken, damit wir ihn nicht sahen», erzählt Alfred Bühler lachend. An diesen Metzger hat er sehr gute Erinnerungen. «Er hat immer sein Pferd bei uns am Brunnenstock angebunden, wenn er zu den anderen Kunden ging. Das war ein lieber alter Gaul, den habe ich dann immer gestreichelt.» Bühler hatte Tiere schon immer gern. «Nur nicht die Schlangen. Ich weiss noch, einmal lag so eine auf der äusseren Kellertreppe. Läck, hatte ich Angst.» Auch beim Mauerbau hinter der Scheune sah er beim Graben wieder eine. Es tschuderet ihn noch heute, wenn er davon erzählt.

Von Fasstugeli, Schlittschuhen und dem Krieg

Mit dem Schlitten seien die Buben oft draussen im Schnee herumgetollt. Direkt neben dem Haus habe es ein bisschen Gefälle gegeben, das sie runterrutschen konnten. «Ich hatte nie Ski, aber Fasstugeli.» Nachdem er einen Klauenschneiderkurs gemacht hatte, konnte er sogar gute Furchen in die Tugeli schneiden. Beim Erzählen fällt ihm auf: «Das muss man erst einmal sagen können: Klauenschneiderkurs.» Er lacht herzlich – eines seiner wohl bekanntesten Merkmale.

«Mit den Schlitten oder den Fasstugeli fuhren wir gut 100 Meter über der Hedigerstrasse los, querten die Hedigerstrasse und fuhren weiter bis zum Bach runter. Heute wäre das nicht mehr möglich wegen des vielen Verkehrs. Aber auch die Dorfstrasse zwischen Jonen und Lunkhofen sind wir hinuntergefahren. Weiter weg durften wir nicht, wir sollten nicht auf die Leutsch.»

Damals seien die Winter sowieso viel kälter gewesen als heute, erinnert er sich. «Der Weiher in Jonen war damals noch häufig gefroren, und man konnte darauf Schlittschuh fahren.» Seine Schlittschuhe konnte sich der kleine Alfred als Schulbub während der Kriegszeit sogar selber kaufen: «Unser Lehrer war der Kontrolleur für die Lebensmittelmarken. Da hat er uns Schülern allen ein Rayon zugeteilt. Wir mussten bei den Häusern die Karten abholen, die richtigen Marken abreissen und sie wieder ausliefern. Da erhielten wir von den Leuten jeweils ein Zwänzgi oder ein Füfzgi. Ich hatte immerhin 10, später 20 Haushalte im Winkel zu beliefern», ist er stolz.

An die Kriegszeit erinnert er sich gut. «Da hatte man auf einmal eine viel grössere Verwandtschaft, wenn man ein Bauernheimetli hatte. Ich weiss noch, Tante Josy kam plötzlich gern vorbei und holte sich etwas Speck oder Schnaps für den Hans», lacht Alfred Bühler. Auch an die dicken Stoffbahnen, aus denen die Frauen Vorhänge nähten, um die Räume nach aussen zu verdunkeln. «Wir hatten ein nicht sehr altes, eher billig gebautes Haus. Wenn im Elsass unten die Bomben niedergingen, tschäderete unsere Haustüre von der Druckwelle», berichtet er.

Seine Frau lernte er während der Arbeit kennen

Obwohl Alfred Bühler nie einen Beruf erlernen konnte, war er in verschiedenen Stellen sehr gut. «Ich arbeitete die meiste Zeit beim Baugeschäft Fischer in Jonen. Am Ende habe ich es bis zum Bauführer gebracht. Die Morentalstrasse zwischen Hermetschwil und Althäusern habe ich als Polier mitverantwortet», sagt er stolz. Und weil er so vielseitig war, baute er etwas später beim dritten Haus eingangs Althäusern auch die Gartenmauer einer Familie. «Die Tochter des Hauses, Elisabeth, wurde später meine Frau.» Mit ihr hat er fünf Kinder und mittlerweile acht Enkel.

Zwei der Söhne wurden Trompetenunteroffiziere im Militär. «Viel stolzer könnte ein leidenschaftlicher Trompeter wie ich gar nicht sein», freut er sich. Aber auch auf seine anderen Kinder ist er stolz. Einer war Oberturner im Turnverein, einem der wohl einzigen Vereine, denen Alfred Bühler nie angehörte. «Ich war jahrelang Schützenvereinspräsident. Vermutlich auch, weil ich am 15. November Geburtstag habe, dann ist jedes Jahr das Morgartenschiessen», lacht er. «Ich war im Musikverein, meinem liebsten Verein, in der Feuerwehr war ich Vizekommandant, ich war Stimmenzähler und vieles andere in der Gemeinde.» Aber Pfarrer war er nicht, oder? «Nein, aber ich habe mehrfach im Theaterverein einen gespielt», antwortet er und rezitiert einen der Sätze von damals.

Und wie sieht seine Weihnachtszeit heute aus? «Früher haben wir uns gefreut, wenn die Kinderaugen glänzten. Heute ist es umgekehrt, da bin ich fast wieder zum Kind geworden. Eines meiner Kinder holt mich zu Weihnachten ab und wir essen mit der Familie.» Wünsche habe er keine mehr, sagt er nachdenklich. «Nein, ich hatte alles in allem ein schönes Leben.»

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