Wohlen

Vor 100 Jahren: Ein Wohler Schulschwänzer beschäftigte den Bundesrat

Heute zeigt sich die Kirche freundlich – früher wurde das Schwänzen der katholischen Christenlehre teils hart bestraft.

Heute zeigt sich die Kirche freundlich – früher wurde das Schwänzen der katholischen Christenlehre teils hart bestraft.

Das waren noch Probleme, als der junge Josef Isler nicht in die Christenlehre gehen wollte. Bis 1891 schwänzte er den Unterricht ganze 33 Mal – das hatte grosse Konsequenzen.

Die Christenlehre, in aller Regel am Sonntagnachmittag, war für die katholische Schuljugend lange eine heilige Pflicht. Der Besuch wurde streng kontrolliert. Wer sich nicht an diese Pflicht hielt, wurde bestraft – das bekam auch Josef Isler aus Wohlen deutlich zu spüren. Ganze 33 Mal hatte der Schüler bis 1891 die Christenlehre geschwänzt. Dafür erhielt sein Vater Peter Isler, Steffens, eine Busse von 24 Franken, zuzüglich Gerichtskosten von 1.40 Franken. Dagegen wehrte er sich und gelangte bis vor den Bundesrat.

Den Katechismus musste man auswendig können

«Bis um 1960 galt Glauben als lernbar», schreibt der katholische Priester und Publizist Karl Imfeld aus Kerns im Obwaldner Pfarrblatt. In den Schulen verwandte man den Katechismus als Lehrbuch. Darin war laut Imfeld «angeblich die ganze katholische Glaubenslehre in 473 Fragen und Antworten» enthalten. Die Schüler hatten in der Primarschule den Katechismus auswendig zu lernen. Damit wurden sie mit Fragen konfrontiert wie: Wozu sind wir auf Erden? «Um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen.» Oder: Was verbietet Gott im sechsten Gebot? Antwort: «Die Unschamkeit und Unkeuschheit und alles, was dazu verleitet.» Das umschreibt die Bibel zwar anders («Du sollst nicht Ehe brechen.»). Aber der Katechismus ging grosszügig über diese Differenz hinweg.

Auch die Erwachsenen wurden ab und zu im Katechismus geprüft. Brautpaare, die um 1930 heiraten wollten, taten beispielsweise gut daran, sich die Antworten nochmals genau einzuprägen. Denn der Pfarrer fragte auch sie danach ab, schreibt Imfeld.

Das Sittengericht gab damals den Tarif durch

In jedem Kirchensprengel wachte im 19. Jahrhundert ein Sittengericht über die Handhabung guter Sitten und die Einhaltung der Sonn- und Feiertage, aber auch über unmoralische und verschwenderische Hausväter. Und eben darüber, ob der Besuch der Gottesdienste und Christenlehre eingehalten wurde. Das Sittengericht hatte die Aufsicht über die Schule, die Lehrer und Schüler. Wer nicht spurte, gewärtigte eine zwölfstündige Haftstrafe oder Bussen. Ledige schwangere Frauen zitierte das Sittengericht vor die Schranken und unterzog sie einem höchst peinlichen Verhör.

Bischof Josef Anton Salzmann, von 1829 bis 1854 erster Bischof von Basel, legte 1843 die Regeln über die Christenlehre in den katholischen Landesteilen im Aargau fest. Jeder Katechet, der damals die Christenlehre erteilte, müsse über die abgehaltenen und unterlassenen Unterrichtsstunden ein genaues Verzeichnis «mit Angabe der Ursachen in jedem Unterlassungsfalle» führen, heisst es in der bischöflichen Verordnung. Dieses Verzeichnis müsse jeder Pfarrer vierteljährlich dem Kapitelsdekan zur Einsicht übersenden. Und der Dekan wiederum müsse «strafwürdige Nachlässigkeiten» ohne Verzug dem bischöflichen Ordinariat in einem umfassenden Bericht melden.

Peter Isler kämpfte für die Glaubensfreiheit

Damit zog der Bischof Grenzen, die lange standhielten. Erst nach 1960 wurden sie gelockert – viel zu spät für Peter Isler und seinen Sohn Josef. Peter Isler wehrte sich zwar energisch gegen die vom Gerichtspräsidenten auferlegte Busse, die er für seinen undisziplinierten Sohn Josef bezahlen sollte. Islers Einsatz war am Ende aber dennoch vergebens.

Peter Isler berief sich in seinem Rekurs, der beim Bundesrat landete, auf die von der Bundesverfassung garantierte Glaubens- und Gewissensfreiheit. Trotzdem anerkannte er, dass sein Sohn Josef gegen das Gesetz über die Organisation der Kirchgemeinden des Kantons Aargau vom 23. Brachmonat (Juni) 1868 verstossen habe. Das Gesetz gab den Kirchenpflegen und den kompetenten höheren Behörden das Recht, Versäumnisse bei der Christenlehre nach den im Schulgesetz aufgestellten Regeln zu bestrafen.

Peter Isler behauptete, dass diese Gesetzesbestimmungen der Bundesverfassung widersprächen. Der Bundesrat argumentierte allerdings: Isler habe nie erklärt, dass er der katholischen Kirchgenossenschaft nicht mehr angehöre, oder dass er seinen Sohn die Christenlehre nicht besuchen lassen wolle. Die Wohler Kirchenpflege habe deshalb korrekt gehandelt, als sie Isler wegen seines Sohnes angezeigt habe, folgert der Bundesrat. Peter Islers Rekurs wurde als unbegründet abgewiesen.

Bundesrat Welti unterschrieb den Entscheid

Den Entscheid im Fall Isler vom 24. November 1891 unterzeichneten Bundespräsident Emil Welti und Bundeskanzler Gottlieb Ringier. Emil Welti trat kurz danach, auf Ende 1891, zurück – nicht wegen des Falls Isler, sondern weil die wichtigsten Bahnen nicht verstaatlicht worden waren, was Welti angestrebt hatte. 1899 starb er. Wenige Tage vor seinem Tod hatte das Schweizer Volk dem Rückkauf der Bahnen doch noch zugestimmt.

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